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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Hanck, Frauke
Liebe nach Fahrplan,   p. 22


Page 22

Foto: Constantin-Film 
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Sensibilität und Intelligenz: 
Jiri Menzel 
<Liebe nach Fahrplan" ist der 
erste Spielfilm des jungen 
tschechischen Regisseurs 
N ach dem polnischen macht in den 
letzten Jahren vor allem der tsche- 
chische Film von sich reden. Die Filme 
der jungen Regisseure dieses Landes 
entstanden in der erregenden Atmo- 
sphäre der ideellen und künstlerischen 
Wiedergeburt als eine der kulturellen 
Strömungen in der CSSR und waren von 
Anfang an der Gegenwart zugewandt. 
Einer der bedeutendsten Vertreter des 
jungen tschechoslowakischen Films ist 
der 29jährige Jiri Menzel, dessen erster 
Spielfilm ~Liebe nach Fahrplan" kürzlich 
in unseren Kinos angelaufen ist. Der 
Film erhielt auf der Mannheimer Film- 
woche 1966 den Großen Preis für den 
besten Debütfilm. 
Menzei wurde 1938 in Prag als Sohn des 
Schriftstellers, Journalisten und Dreh- 
buchautors Josef Menzel geboren. An 
der FAMU, der berühmten Filmfakultät 
der Prager Akademie der Künste, stu- 
dierte Menzel von 1957 bis 1962 Regie. In 
vielen Filmen wirkte er als Schauspieler 
mit: als junger Rechtsanwalt in ~Der 
Angeklagte" (1963) von Kadar und Klos, 
in Ewald Schorms ~Mut für den Alltag" 
(1964), als Student in Hynek Bocans 
<Niemand wird lachen" (1965) und als 
Hotelpage in Antonin Masas <Hotel für 
Ausländer" (1965). Auch in den Filmen, 
in denen er selbst Regie führt, übernimmt 
Menzel gern eine Rolle. In seiner Episode 
~Der Tod des Herrn Balthasar" des 
Films <Perlen auf dem Meeresgrund" 
(1965) ist er ebenso unter den Darstellern 
zu finden wie in seinem Film <Uebe nach 
Fahrplan", wo er einen Arzt mit äußerstem 
Witz und sensibler Ironie spielt. Außer- 
dem spielt und inszeniert er regelmäßig 
auf einer Prager Bühne. 
Sensibilität, wache Intelligenz und eine 
mit äußerster Sorgfalt in der Anwendung 
der Mittel gepaarte Sensitivität sind die 
charakteristischen Grundzüge von Men- 
zels Regiekunst. Seine Stoffe entnimmt 
er meistens der anspruchsvollen Litera- 
tur - so auch bei <Liebe nach Fahrplan", 
der nach einer Erzählung des bedeuten- 
den tschechoslowakischen Autors Bohu- 
mil Hrabal entstand. Das Erstaunliche 
daran ist, daß dabei das Werk des tünf- 
zigjährigen Schriftstellers in der Hand 
des 29jährigen Regisseurs nicht nur eine 
für beide Teile kompromißlose Synthese 
zweier Generationen eingeht, sondern 
daß Menzel es darüber hinaus meister- 
haft versteht, seinem Film eine Sprache 
zu geben, die absolut aktuell undfür jeden 
verständlich ist. Und das bedeutet keines- 
falls, daß er den Stoff banalisiert oder 
vulgarisiert - im Gegenteil: die Form des 
Films <Liebe nach Fahrplan" ist alles 
andere als simpel. Er verbindet mehrere 
Ebenen miteinander: die vordergründig 
komischen Situationen des Jungen Milos 
in seinen verzweifelten Liebesbemühun- 
gen gepaart mit dessen eher tragischen 
Impotenz dem Leben gegenüber, der 
fade, freudlose Alltag des Stationsvor- 
stehers und seiner Frau und die Dorf- 
casanova-Oberflächlichkeit des Fahr- 
dienstleiters gleichsam als mögliche 
Zukunftsfiktionen für Milos, und vor 
allem das chaotische Milieu und die be- 
drückende Atmosphäre der letzten 
Kriegstage in der Szenerie einer kleinen 
dörflichen Bahnstation. Menzel insze- 
niert mit Genauigkeit und einem ausge- 
prägten Sinn für durchdachte Archi- 
tektur eines Werkes, der er jeden Zenti- 
meter seines gedrehten Materials unter- 
ordnet. 
Die Absurdität, die durch die Deforma- 
tion der Realität entsteht, stilisiert Menzel 
nicht intellektuell hoch. Er konfrontiert 
das Obszöne mit dem Tragischen, die 
Komik des Lebens mit dessen Grausam- 
keit und Traurigkeit gewissermaßen auf 
ganz irdische, handfeste Weise. <Wir 
müssen den Mut aufbringen, angesichts 
all dieser Phänomene zu lachen. Doch 
laßt uns in diesem Lachen nicht Zynis- 
mus sehen, sondern Versöhnlichkeit." 
Jiri Menzel, der espritgeladene, ironisch- 
witzige und doch so ungeheuer reali- 
stische Poet mit der Kamera, sieht im 
Medium Film alles andere als eine er- 
zieherische Anstalt: <Ich glaube, daß die 
Menschen unbelehrbar sind, im besten 
Falle sind sie beeinflußbar. Ein Zureden 
hat im Film keinen Sinn, denn wenn wir 
den Menschen tausendmal noch so 
weise Dinge sagen, so beeinflußt sie 
doch nur das, wag sie sehen und worüber 
sie sich ihr eigenes Urteil bilden können." 
Zu sehen gibt es allerdings in Menzels 
Filmen außerordentlich viel und Wesent- 
liches; der Gelegenheiten, sich ein 
eigenes Urteil zu bilden, sind unzählige. 
Frauke Hanck 


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