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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Die Gegenwärtigkeit Georg Büchners,   pp. 18-19


Page 19

war modern, und es war - für mich jeden- 
falls - auf eine gespenstische Weise 
nicht gegenwärtig. Die lähmende Selbst- 
verständlichkeit, mit der diese Beerdi- 
gungszeremonie ohne Widerspruch hin- 
genommen wurde: die Mienen, die Klei- 
der, die Autos; moderne Staatsmänner, 
moderne Prälaten, moderne Politiker und 
moderne Militärs, die den Kölner Dom 
besetzt hielten. Was uns nachdenklich 
machen sollte: daß auch in einer Gesell- 
schaft, die sich doch demokratisch 
nennt, zwei Stände nicht dem Kleider- 
zwang unterliegen, zwei Stände, die nicht 
nur nicht gerade die Demokratie erfun- 
den haben, sondern ihr auch nachweis- 
bar unfreundlich gesonnen sind: der 
Klerus und das Militär; diese beiden 
Stände sind immer modern, immer 
gesellschaftsfähig gekleidet. 
Unruhe gefordert 
E s ist Zeit für ein Büchner-Zitat aus dem 
Hessischen Landboten, geschrieben 
vierzehn Jahre, bevor das Kommunisti- 
sche Manifest erschien: <Das Gesetz ist 
das Eigentum  einer unbedeutenden 
Klasse von Vornehmen und Gelehrten, 
die sich durch ihr eigenes Machwerk die 
Herrschaft zuspricht. Diese Gerechtig- 
keit ist nur ein Mittel, euch in Ordnung zu 
halten, damit man euch bequemer 
schinde; sie spricht nach Gesetzen, die 
ihr nicht versteht, nach Grundsätzen, von 
denen ihr nichts wißt, Urteile, von denen 
ihr nichts begreift." 
Was uns außerdem nachdenklich machen 
sollte: alle, wir und auch die Vertreter der 
europäischen Staaten, die von den Deut- 
schen dezimiert worden sind, nahmen die 
modische Variante hin: man trägt wieder 
Ritterkreuz, und zwar ein modernisiertes, 
frisiertes, demokratisiertes, aus dem man 
die Häkchen herausgekratzt hat; Kreuze 
sind's ja ohnehin, und Kreuze sind - in 
Kunst und Gesellschaft - modern; viel- 
leicht würde die bessere modische 
Variante lauten: man trägt immer noch 
Kreuz; für die Kreuzigung von Völkern 
wurden Kreuze als Auszeichnung ver- 
liehen. Wenn das in seiner Absurdität 
nicht modern ist, wie diese ganze, über 
Tage sich hinziehende furchterregende 
Zeremonie modern, gemacht, gekonnt 
gemacht war und doch auf eine gespen- 
stische Weise nicht da, erst durch die 
ungeheure Multiplikation auf dem Bild- 
schirm wurde sie aus abendländischer 
Fiktion gekonntester Art, aus Theater und 
Arrangement, zu Wirklichkeit. Kein wei- 
terer Kommentar, nur wieder ein Anlaß, 
dem zwanzigjährigen Büchner das Wort 
zu geben, da wo er an seine Braut 
schreibt: ,Ich fühle mich vernichtet unter 
dem gräßlichen Fatalismus der Geschich- 
te. Ich finde in der Menschennatur eine 
entsetzliche Gleichheit, in den mensch- 
lichen Verhältnissen eine unabwendbare 
Gewalt, allen und keinem verliehen. Der 
einzelne nur Schaum auf der Welle, die 
Größe bloßer Zufall, die Herrschaft des 
Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches 
Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu 
erkennen das Höchste, es zu beherr- 
schen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr 
ein, vor den Paradegäulen und Eck- 
stehern der Geschichte mich zu bücken." 
Ich wünsche mir in diesen neuen Hessi- 
schen Landboten hinein eine genaue 
Analyse der Tatsache, daß hierzulande 
auf Grund eines mysteriösen Protokolls 
staatsbesuchende Demokraten und So- 
zialisten mit mühsamem, gekrönte Häup- 
ter und Fürstlichkeiten mit überwältigen- 
dem Charme empfangen werden. Wer 
will sich da wundern, wenn Studenten, 
denen ein neues Bewußtsein zuwächst, 
Gerhard Storz     Rudolf Hagelstange 
PRÄSIDENT          VIZEPRÄSIDENT 
diesem Protokoll auf die einzig mögliche 
Weise zuwiderhandeln: durch Unruhe 
und eindeutig formulierte Ablehnung. 
Wie sollten sie zu einer Höflichkeit ver- 
pflichtet sein, die dieses mysteriöse Pro- 
tokoll ihnen durch Polizeigewalt aufzwin- 
gen möchte? In diesem Land scheitert 
ohnehin das meiste nicht an sachlichen, 
sondern an Protokollfragen. Schon in 
dem schlichten Vermerk auf Einladungen 
~Dunkler Anzug" oder ,Straßenanzug" 
liegt ja ein massiver Druck. Wer sagt mir 
schon, was dunkel ist, und was ziehe ich 
auf der Straße an? Massive Drohungen 
gar wie ,Smoking" sollten wir vielleicht 
nicht einmal der Ironie würdigen. Wer 
verfügt da über uns, wer verfährt da mit 
uns, wer gibt uns ungeschriebene Ge- 
setze? Wer wundert sich da, daß der 
Widerspruch der Jugend sich auch in 
Kleidung und Haarwuchs ausdrückt. Wie 
anders als durch Unruhen, eindeutig for- 
mulierten Widerspruch in Kleidung und 
Haarwuchs sollen sie sich Ausdruck ver- 
schaffen, da ihnen das Analphabeten- 
kreuzchen, mit dem Verantwortung dele- 
giert wird und das keine Wahl mehr läßt, 
nicht genügen kann. Ich zitiere den zwan- 
zigjährigen Büchner aus einem Brief an 
seine Familie: ,Meine Meinung ist die: 
Wenn in unsererZeit etwas helfen soll, so 
ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von 
unseren Fürsten zuerwarten haben. Alles, 
was sie bewilligten, wurde ihnen durch 
Karl Krolow 
VIZEPRÄSIDENT 
Dolf Sternberger 
VIZEPRÄSIDENT 
die Notwendigkeit abgezwungen ... Man 
wirft den jungen Leuten den Gebrauch 
der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht 
in einem ewigen Gewaltzustand?" 
Büchner und Marx 
Ich kann mich nicht entschließen, Büch- 
ners ästhetische Gegenwärtigkeit von 
seiner politischen zu trennen. Es wäre da 
eine von der Geschichte versäumte Be- 
gegnung zweier Deutscher zu beklagen. 
Die Begegnung zwischen Büchner und 
dem wenige Jahre jüngeren Marx. Die 
kraftvolle, so volkstümliche wie material- 
gerechte Sprache des Hessischen Land- 
boten ist zweifellos eine ebenso wir- 
kungsvolle politische Schrift wie das 
Kommunistische Manifest; Büchners 
traumhafte Sicherheit in der Erkenntnis 
und Darstellung sozialer Realitäten geht 
vom Landboten ohne Bruch in seine Dra- 
men, seine Prosa, seine Briefe ein, und 
in dieser traumhaften Sicherheit bei der 
Erkenntnis sozialer Realitäten beim Dich- 
ter, Naturwissenschaftler und politischen 
Schriftsteller Büchner hätte die Chance 
gelegen, viele marxistische Irrtümer und 
Umwege, die Literatur betreffend, zu ver- 
meiden und die Leiden zukünftiger 
marxistischer Schriftsteller zu verringern. 
Vielleicht ließe sich diese von der 
Geschichte versäumte Begegnung post- 
hum vollziehen: die idealistische Ästhe- 
Die Deutsche Akademie 
für Sprache und Dichtung verleiht den 
Georg-Büchner-Preis 1967 
Heinrich Böll. 
Geleitet von einem empfindlichen Gewissen 
und brennender Wahrheitsliebe hat er 
menschliche Verhaltensweisen und 
gesellschaftliche Zustände unserer Zeit mutig 
dargestellt und dadurch nicht wenig zur 
Selbstkritik von uns Deutschen beigetragen. 
Als Romancier und Moralist gleichermaßen 
hervorragend, verschaffte er der 
deutschen Gegenwartsliteratür wieder 
neue Geltung im Ausland. 
Darmstadt, den 21. Oktober 1967 
Das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 
tik des 'praktizierten Marxismus unserer 
Tage mit der Materialgerechtigkeit Büch- 
ners zu konfrontieren, der immerhin ein 
Zeitgenosse von Marx war und kein 
schlechter Kampfgenosse für ihn gewe- 
sen wäre. In Büchners Werk und allem, 
was er darüber äußert, herrscht nicht 
Prüderie und nicht deren Gegenteil, son- 
dern eben der Wunsch nach Material- 
gerechtigkeit. Über Dantons Tod schreibt 
er an die offenbar erschrockene Familie: 
...aber die Geschichte ist vom lieben 
Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge 
Frauenzimmer geschaffen worden, und 
da ist es mir auch nicht übelzunehmen, 
wenn mein Drama ebensowenig dazu 
geeignet ist. Ich kann doch aus einem 
Danton und den Banditen der Revolution 
nicht Tugendhelden machen . . . Man 
könnte mir nun vorwerfen, daß ich einen 
solchen Stoff gewählt hätte. Aber der 
Einwurf ist längst widerlegt. Wollte man 
ihn gelten lassen, so müßten die größten 
Meisterwerke der Poesie verworfen wer- 
den. Der Dichter ist kein Lehrer der 
Moral, er erfindet und schafft Gestalten, 
er macht vergangene Zeiten wieder auf- 
leben ... wenn man so wollte, dürfte man 
keine Geschichte studieren, weil sehr 
viele unmoralische Dinge darin erzählt 
werden, müßte mit verbundenen Augen 
über die Gasse gehen, weil man sonst 
Unanständigkeiten sehen könnte, und 
müßte über einen Gott Zeter schreien, 
der eine Welt erschaffen hat, worauf so- 
viel Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man 
mir übrigens noch sagen wollte, der Dich- 
ter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie 
ist, sondern wie sie sein sollte, so ant- 
worte ich, daß ich es nicht besser machen 
will als der liebe Gott, der die Welt gewiß 
gemacht hat, wie sie sein soll." 
er Name Georg Büchner, meine 
Damen und Herren, verpflichtete mich, 
meinen Dank auf diese Weise auszu- 
drücken, vom unruhigen Rand der Zeit- 
genossenschaft, von einem Standpunkt 
aus, wo Sicherheit bröckelig wird, Selbst- 
sicherheit unmöglich; von wo aus das 
Kritische als Ärgernis mißverständlich 
klingen mag, so, als enthielte es nicht das 
Angebot, sich selbst mit einzubeziehen. 
Es gibt da noch einige Gegenwärtigkeiten 
in Büchners Leben und Werk: das Pro- 
blem der Emigration, das aus einem 
Briefwechsel mit Freunden und Familie, 
vor allem mit Gutzkow, darstellbar wäre; 
die ärztliche Gegenwärtigkeit Büchners, 
wie sie sich im Woyzeck ausdrückt, und 
die nicht geringer ist als jede seiner 
anderen. 
Wäre ich nur andeutungsweise Büchner 
oder Danton, so wäre Ihnen diese Rede 
erspart geblieben. Immerhin sagt Lacroix 
über Danton: ,Nichts als Faulheit. Er will 
sich lieber guillotinieren lassen als eine 
Rede halten." Und in einem Brief en Wil- 
helm Büchener schreibt Büchner: ,Ich 
bin ganz vergnügt, ausgenommen, wenn 
wir Landregen oder Nordwestwind haben, 
wo ich freilich einer von denjenigen 
werde, die abends vor dem Zubettgehen, 
wenn sie den einen Strumpf vom Fuß 
haben, imstande sind, sich an der Stuben- 
tür aufzuhängen, weil es ihnen der Mühe 
zuviel ist, den anderen ebenfalls auszu- 
ziehen", und damit würde über die Faul- 
heit, zu der Büchner offensichtlich in Ver- 
hältnis gestanden hat, ein großes Feld 
betreten: sein Humor; der konnte so 
grimmig wie zart sein und war gewiß noch 
vorhanden, selbst wenn er ihn verlor, wie 
es wahrscheinlich der Fall war, als er in 
Zürich den Brief seines elsässischen 
Freundes Boeckel empfing, in dem eine 
Passage beginnt: ,In Teuschland befinde 
ich mich sehr wohl; es ist nicht halb so 
schlimm, wie Du glaubst..." 


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