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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Käufer, Hugo Ernst
Paul Schallücks neuer Roman,   p. 14


Hartmann, Horst
Rumäne - Italiener - Pole,   p. 14


Page 14

Episoden, von der Einstellung eines 
Generaldirektors als Scharfmacher bis 
zum Selbstmord eines Angestellten, 
kommt schließlich der Höhepunkt. Nach- 
dem der junge Mann aus der Provinz sich 
bereits von seiner Verlobten getrennt hat, 
verlangt die Mutter des Chefs die Heirat 
mit einem hübschen, aber schwachsinni- 
gen Mädchen. Die Stunde der Rebellion 
scheint gekommen. Doch am Ende 
gehorcht der Bürosklave. Ein schockie- 
rendes Ende, auch hier gilt: <Die Strafe 
ist das Leben." 
una acnal ßen    a    ....il&e. - 
grund, das Lokalkolorit liefert; Witz und 
Satire sind der stimulierende Back- 
ground dieser gar nicht so spaßigen 
Schelmereien. 
Erzählt wird von Anton Schmitz, einem 
<aus der Adelsfamilie der Schmitz von 
Köln". Anton Schmitz war sieben Jahre 
lang Redakteur in der Hauptabteilung 
Kultur am Kölner Sender. Die Redaktion 
der Sendereihe <Gedanken zur Zeit", 
sonntags nach dem Sportgaudi, vor dem 
Sinfoniekonzert und den Nachrichten der 
Fernsehkonkurrenz, gehört zu seinem 
Aufgabengebiet; seine Kollegen nennen 
ihn spöttisch <unsere humane Leuchte". 
Drei Wochen vor Aschermittwoch be- 
kommt Anton Schmitz, dieser zeit- 
genössische Weltverbesserer, den Rap- 
pel. Er hat es satt, den täglichen Kram zu 
machen. Er will das realisieren, was er in 
all den Jahren über den Äther hat ver- 
künden lassen: Menschenliebe und Hu- 
manität. Die Beeinflussung des Men- 
schen zum Guten durch den Rundfunk 
ist Ihm fragwürdig geworden. Nach der 
Sendefolge <Mensch und Menschlich- 
keit", in der die Gefahr für politische Ab- 
weichler behandelt wurde, hat man ihm 
en masse Hörerpost in sein Redaktions- 
zimmer geschickt: Proteste und namen- 
lose Botschaften, die mit Fensterein- 
schmeißen und einer kommenden Zeit 
drohten, in der wieder die gute - alte - 
strenge - deutsche Zucht und Ordnung 
herrschen werde. Gegen diesen schmie- 
rigen Ungeist will Anton Schmitz prote- 
stieren. Zusammen mit seinem Kinder- 
Schul-und-Lebensfreund, dem Tontech- 
niker Peter Scheel, den er für die Idee 
seines Protestes gewinnen konnte, bricht 
er auf zu närrischen Abenteuern in der 
ehemals katholisch  durchwachsenen 
Stadt Köln. Sie verbünden sich mit 
Jugendlichen, die gegen ihre Umwelt 
aufbegehren, <ihre Eltern und Brüder 
haben Brücken sprengen und Häuser 
zusammenschießen dürfen, waren legi- 
timiert und also im voraus freigespro- 
chen, Russen, Juden, Polen, Zigeuner 
zu schlachten". Schmitz und Scheel 
engagieren sich bei den Ostermar- 
schierern, die auf dem Kölner Neumarkt 
die Vernichtung der Atomwaffen fordern. 
Mit einem selbstgebastelten Megaphon 
erschreckt Anton Schmitz kulturbeflisse- 
ne Touristen, er erinnert sie an die Last- 
wagen mit Juden, die während der Nazi- 
zeit abtransportiert und bestialisch er- 
mordet wurden. Und das Verhältnis der 
Deutschen zu den Juden heute? <Man 
wünscht sie allesamt nach Israel, damit 
wir endlich unsere Ruhe haben ... 
Kleinigkeiten lassen sie spüren, daß sie 
geduldet, aber nicht gleichberechtigt 
sind, nicht einfach Deutsche unter 
Deutschen." Anton Schmitz, der Don 
Quichotte von Köln, sieht in seinem 
Kampf mit den Windmühlengegnern der 
Gegenwart Zustände, die von den mei- 
sten Zeitgenossen nicht beachtet wer- 
den: hilfsbedürftige Bettler, versklavte 
Konsumisten, politische Gefangene, Ver- 
achtung von Kriegsdienstgegnern. Sein 
närrischer Protest ist ~gegen die Aben- 
view, Reportage in der Reportage, Ro- 
man im Roman, diese stilistischen Ele- 
mente beherrscht Schaliück scheinbar 
mühelos. Ereignisse der Vergangenheit 
und Gegenwart werden übereinander- 
geschoben; Stimmungen, Gerüchte, Bil- 
der werden vielschichtig miteinander 
verbunden; kölscher Dialekt und dialek- 
tische Tüfteleien zeigen die Wortver- 
sessenheit des Autors. Witz, Satire und 
Selbstironie sind die wichtigsten Be- 
standteile der Diktion, die - wie Schal- 
lück selbst an einer Stelle des Buches 
schreibt - aus <anerzogener Furcht vor 
großen Gefühlen und ihren Worthülsen" 
verwendet werden. 
Hugo Ernst Käufer 
Bernhard Grzimek 
Wildes Tier, weißer Mann 
Gapzleinen mit Schutzumschlag, 
400 Seiten mit 76 schwarzweißen und 
8 farbigen Fotos, 14,80 DM 
(Büchergilde) 
In seinem neuen Buch geht es Bernhard 
Grzimek nicht um die afrikanische Tier- 
welt, sondern um die Tiere Europas, 
Asiens, Amerikas. Die afrikanischen 
Völker haben mitten in den Wirren um die 
Neugestaltung ihres Kontinents große 
Schutzgebiete für die wilden Tiere ange- 
legt. Was aber hat der weiße Mann getan? 
Grzimek bereiste die Sowjetunion und 
Amerika und schaute sich, soweit es 
noch nötig war, in Europa um. Was hier 
geleistet wurde und was noch dringend 
getan werden müßte, darüber berichtet 
er. Wie immer erzählt er im Plauderton. 
Er macht uns mit Menschen un8 den ver- 
schiedenen Wildtieren samt ihrer Le- 
bensbedingungen bekannt. Der Leser 
lernt viel dabei. Es ist ein Buch für alle 
Menschen, denen noch an einem Stück 
unversehrter Natur gelegen ist. 
sortiert schließlich, wird festgenommen, 
und trotz der noch vorhandenen Chancen 
auf einen Freispruch, hat er längst mit 
dem Leben abgeschlossen. Sein Ende 
am Galgen ist nur noch der äußere 
Abschluß eines in der Brust des Helden 
überwundenen Konfliktes. 
Die Geschichte selbst ist nicht aus der 
Luft gegriffen. Der Bruder Rebreanus 
wurde als österreichischer Offizier hin- 
gerichtet. Wie die Serben, Tschechen, 
Italiener gehörten auch die Rumänen zu 
den rechtlosen Minderheiten der Donau- 
monarchie, deren Freiheit darin bestand, 
ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der 
Roman ist klug komponiert. Während 
Bologe, der traurige Held, sich bereits mit 
dem Gedanken trägt, zu desertieren, wird 
er als Kriegsheld gefeiert. Sein Bursche 
spricht an seiner Stelle den einzig richti- 
gen Kommentar: <Der Tod ist keine 
Strafe. Die Strafe ist das Leben." Zweimal 
tritt Bologa seinem General gegenüber, 
zweimal stehen sich Vertreter gegensätz- 
licher Auffassungen gegenüber. Doch 
die Figur des Generals zeichnet der 
rumänische Autor nicht als herzloses 
Untier, jener kann mit Recht von sich 
sagen, auch nur ein Mensch zu sein; 
allerdings einer von Konventionen so ein- 
seitig geformter, daß er Gewissenskon- 
flikte nicht mehr erkennen kann und vor- 
eilig als Feigheit diffamiert. 
Der Italiener Goffredo Parise schrieb 
,Deine traurige Parabel über die totale 
Abhängigkeit eines Angestellten in der 
modernen Bürowelt. Der Roman, dessen 
Handlung von den düsteren Überlegun- 
gen der Hauptfigur unterbrochen wird 
- was die Lesbarkeit nichtgerade erhöht-, 
erinnert an ein längst verschollenes Buch, 
in dem der von den Nazis hingerichtete 
Adam Kuckhoff das Abhängigkeitsver- 
hältnis eines begabten Geigers schil- 
derte, der mit einem berühmten Clown 
zusammen auftritt. Während es bei Kuck- 
hoff um die Entfaltung künstlerischer 
Talente geht, wächst bei Parise das Ab- 
hängigkeitsverhältnis zur denkbar größ- 
ten Demütigung. Ein Happy-End wird 
nicht geboten. 
Ein junger Mann aus der Provinz kommt 
in die Großstadt, wo er von einem noch 
jugendlichen Firmenchef eingestellt wird. 
Dieser Chef ist ein Hysteriker und launi- 
scher Despot, der sich in endlosen Tira- 
den über das Unmoralische des Besitzes 
im allgemeinen ausläßt und seinen neuen 
Untergebenen mit sentimentalem Ge- 
wäsch von der Arbeit abhält. Die Gunst 
des vermeintlichen Wohltäters zeigt sich 
daran, daß er dem Neuen seine Privat- 
toilette als Arbeitsraum zuweist. Aber so 
lächerlich die Umstände auch sein 
mögen, es ist doch eine abgründige 
Geschichte. Denn der Chef versteht es, 
sein Opfer nicht nur in materieller Ab- 
hängigkeit zu halten, er ruht nicht eher, 
bis der Jüngling sich mit der Firma iden- 
tifiziert und sein Privatleben völlig er- 
lischt. Ein Mensch wird zum verfügbaren 
Eigentum. Nach vielen unerfreulichen 
S lawomir Mrozek, dessen Satiren und 
Bühnenstücke ihn zu einem beachtli- 
chen Devisenbringer für Polen machen, 
setzt sich mit dem Verhältnis von Indivi- 
duum und Gesellschaft auseinander. Er 
ist ein gesamteuropäischer Provokateur, 
dessen Texte für die volksdemokratische 
Wirklichkeit ebenso passen wie für die 
westliche  Konsumgesellschaft, auch 
wenn er sich formal den Vertretern des 
absurden Theaters zu nähern scheint. 
Aber die vermeintliche Absurdität ist ja 
schließlich auch eine kritische Haltung 
gegenüber einer Wirklichkeit, deren Sinn 
nicht mehr erkennbar erscheint. 
Der Einakter ,Eine wundersame Nacht" 
bringt den Auftritt zweier seriöser Herren 
in einem x-beliebigen Hotelzimmer. Der 
Herr Kollege und der Herr Ehrenwerter 
Kollege bereiten sich etwas umständlich 
auf die Nachtruhe vor. Hindernisse tau- 
chen auf, die Betten werden gewechselt. 
Plötzlich entdecken sie die Anwesenheit 
einer dritten Person, einer jungen Dame. 
Die bange Frage taucht auf, ob beide 
diese Situation tatsächlich erleben oder 
nur träumen. Ihre Angst steigert sich zu 
der verzweifelten Feststellung, sie sind, 
aber sie existieren nicht. Hier öffnet sich 
für bange Augenblicke ein Abgrund, bis 
die Gewohnheit als Beruhigungsmittel 
wirkt. Mrozek gelingt es, inmitten einer 
banalen Situation, den Akteuren die Füße 
unter dem Boden wegzuziehen. Wer an 
den unsichtbaren Ketten zerrt, für den 
wird das Leben zur Strafe... 
Im Einakter ,Zabawa" die gleiche Situa- 
tion. Drei Knechte warten auf ein Ver- 
gnügen, auf polnisch: Zabawa. Sie treten 
die Tür eines Saales ein, finden einen 
Schrank, darin Masken und eine zerstörte 
Ziehharmonika. Einer der drei kann das 
Leben ohne Zabawa nicht mehr ertragen 
und greift zum Strick. Doch da erklingen 
Walzerklänge. Irgendwo ist Zabawa. Aber 
wo? Das Stück in drei Akten <Tango" 
gehört bereits zum festen Repertoire vie- 
ler deutscher Bühnen. Im Gegensatz zu 
den Einaktern wird hier ein starker rheto- 
rischer Aufwand getrieben, die dialek- 
tischen Positionen überaus wortreich, 
aber handlungsarm betont. Artur, Spröß- 
ling einer verlotterten, sich avantgardi- 
stisch gebärdenden Sippschaft, rebelliert 
gegen die Alten und verkündet bürger- 
liche,  spießbürgerliche,  reaktionäre 
Ideale. Sein fanatischer Ordnungssinn 
hat üppige Phrasen und finstere Pläne 
zur Folge. Doch die neue Ordnung tritt 
ebensowenig ein wie die geplante Hoch- 
zeit. Artur stirbt einen gewaltsamen Tod. 
nachdem seine Braut ihn betrogen hat. 
Mit ihm enden seine neuen Ideen. 
Horst Hartmann 
Besprochene Bücher: 
Liviu Rebreanu <Der Wald der Gehenk- 
ten", Roman. Verlag Volk und Welt. 
Ostberlin. 
Goffredo Parise <Der Chef", Roman. 
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 
Siawomir Mrozek <Stücke I1". Hensse 
Verlag, Berlin. 


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