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The History Collection

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Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Fabrizius, Peter
Die Hippies von San Franzisko,   pp. 10-11


Page 11

Fotos: A. van Mokos 
Sind die Hippies Rebellen, verzogene 
Kinder, eine gesellschaftliche Gefahroder 
eine Bewegung, die zu etwas Positivem 
führen kann? Das Urteil ist überraschend 
milde und vielfach positiv. Einige sind 
Rebellen, weil die junge Generation 
immer gegen das Traditionelle rebelliert. 
Und es gibt auch verzogene Kinder dar- 
unter, die in einer Zeit aufgewachsen 
sind, wo alles erlaubt und ein Zuviel von 
allem vorhanden ist Viele Hippies sind 
trotz ihrer betonten Individualität-so ver- 
sichern die Soziologen - im Grunde Kon- 
formisten, die sich in ihrer Hippie- 
umgebung wohl fühlen und ihre Bärte, 
Buddhas, Sandalen und orangefarbenen 
Kleider wie eine Uniform tragen. Diese 
Gruppen, so sagen die Professoren, wer- 
den schließlich ihrem Hippiestadium 
entwachsen und biedere Bürger mit 
einem regelmäßigen Beruf und einem 
rechtmäßig angetrauten Ehepartner wer- 
den und all die materiellen Vorzüge der 
amerikanischen Gesellschaft genießen. 
Viele Jungen und Mädchen leben einfach 
das Hippieleben, weil sie weder studie- 
ren noch arbeiten wollen und besonders, 
weil ihnen das freie Liebesleben zusagt. 
Aber einige von ihnen können für die 
Zukunft von Bedeutung sein. Der an der 
University of California wirkende Sozio- 
loge Benjamin Zablocki sieht zwei Mög- 
lichkeiten: Die arroganten dieser Rebellen 
könnten den Kern einer künftigen faschi- 
stischen Bewegung bilden, die mehr 
philosophischen, beinahe religiös ange- 
hauchten könnten der Grundstock einer 
neuen und hoffnungsvollen Gesell- 
schaftsordnung werden. 
Einer der Gelehrten, der sich mit den 
Hippies von San Franzisko beschäftigt 
hat, ist der englische Geschichtsforscher 
Arnold Toynbee, der im Frühjahr an der 
benachbarten Standord University lehrte. 
Er vertritt die Ansicht, daß ein kleiner - 
aber wichtiger - Teil der Hippies die 
moderne Rolle der altbiblischen Prophe- 
ten spielen könnte, die gegen die kor- 
rupte Gesellschaft ihrer Zeit gewettert 
und die Richtung zu einer neuen Morali- 
tät gewiesen haben. Tatsächlich gebrau- 
chen einige der jungen Leute eine 
Sprache, die an die alttestamentarischen 
Propheten erinnert. Ein Vertreter dieser 
Richtung wetterte in einem Brief an den 
San Francisco Chronicle: ~Was sollen 
wir von der Unaufrichtigkeit einer Gesell- 
schaftsordnung denken, die zwanzig Mil- 
liarden im Jahr darauf verwendet, ein 
paar Dörfer am anderen Ende der Welt zu 
zerbomben, während unsere eigenen 
Städte in Slums verfallen? Die Milliarden 
ausgibt, um einen Mann in einer Kapsel 
in den Weltraum zu senden, während das 
Transportsystem auf Erden in gefähr- 
licher Weise vernachlässigt wird? Die 
unsere Achtzehnjährigen zum Töten 
drillt, aber auf Gesetzen besteht, die das 
Abtreiben ungeborenen Lebens verbie- 
tet, selbst wenn die Ärzte wissen, daß 
das Kind ein Krüppel sein wird?" 
Die jungen Leute richten sich auch gegen 
den Wahnsinn der älteren Generation, 
die sie an den Abgrund eines Weltchaos 
führt und selbst in einem Sodom lebt. 
Zwei Soziologen von der University of 
California haben eine Studie der jungen 
Generation beendet und in dem Buch 
<lt's Happening" niedergelegt. Die Hip- 
pies, so sagen sie, stellen selbst solch 
fundamentalen Werte in Frage wie 
Patriotismus, den christlichen Glauben, 
das Heiligtum der Ehe, das kapitalistische 
System und sogar das Recht der Eltern, 
Schule oder Rebierung, für andere Ent- 
scheidungen zu treffen. Sie leugnen, daß 
sie selbst gewalttätig, unverantwortlich 
oder rauschgiftsüchtig sind. Sie wettern 
gegen die ältere Generation, die <ganze 
Länder in die Luft sprengt im Namen 
einer Ideologie, die sie selbst nicht prak- 
tiziert". Sie wehren sich gegen eine 
Generation, die überflüssige Dinge er- 
zeugt und die Jungen mit Reklame und 
leichtem Kredit dazu bringt, diese Sachen 
zu kaufen. Sie verurteilen eine Einstellung, 
die das Materielle als das höchste im 
Leben schätzt. Sie halten ihren Eltern vor, 
daß sie Alkohol trinken, um andern und 
oft sich selbst ins Gesicht sehen zu kön- 
nen, daß sie Liebesverhältnisse im gehei- 
men anfangen und - sofern sie Fabrik- 
besitzer sind - keine Bedenken haben, die 
Luft mit Abgasen und die Flüsse mit Ab- 
fall zu vergiften. Und sie sagen ihnen, 
ohne sich auf die Stichhaltigkeit ihrer Vor- 
haltungen allzusehr den Kopf zu zer- 
brechen: <Ihr seid es, die uns LSD vor- 
werfen, freie Liebe und unsere Weige- 
rung, in euern Fabriken zu arbeiten?" 
In einer anderen Studie, die unter dem 
Titel ~Sex and the College Student" bei 
Atheneum veröffentlicht wurde, sagt ein 
Student: <Wenn ich mir einen Bart wach- 
sen lasse und mit einem Mädchen zusam- 
menlebe, das ich liebe, bin ich ein Hippie 
und moralisch verkommen. Wenn ich 
mich rasiere, in ein Bordell gehe, Papiere 
an der südafrikanischen Börse kaufe, die 
einen guten Profit abwerfen und von der 
Central Intelligence Agency Geld nehme, 
bin ich ein ehrenwerter Bürger..." 
Toynbee sieht in den Hippies eine neu- 
artige Revolution - nicht gegen Armut 
und Unterdrückung, sondern gegen ein 
Zuviel an materiellen und ein Zuwenig an 
geistigen Werten, gegen den gegenwärti- 
gen <American Way of Life". Wenn es 
bei der Rebellion bleibt, wird sie ohne 
besondere Wirkung vorübergehen. Wenn 
all das nur eine vorübergehende Mode 
darstellt, dann wird die ganze Bewegung 
der Jugend bald wieder in Vergessenheit 
geraten. Falls aber die Handvoll junger 
Leute den Beginn einer neuen Wertord- 
nung darstellt, dann kann sie einen ent- 
scheidenden Einfluß auf die Zukunft un- 
serer Zivilisation haben. Denn, sagt 
Toynbee, die wichtigen Änderungen 
menschlichen Denkens und Handelns 
sind immer von Einzelgängern ausgegan- 
gen, die zuerst verspottet und oft einge- 
kerkert oder sogar hingerichtet wurden. 


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