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The History Collection

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Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Die Fahrt zwischen Himmel und Erde,   pp. 6-9


Page 9

sei der Pechkessel in der Dunkelheit ver- 
schwunden. 
Der Lehrer aus Aninoasa, dessen Frau 
im Herbst bei einer Geburt starb, war am 
Morgen nach dem Überfall der Wölfe aus 
Dalsha von zu Hause aufgebrochen, um 
einer Einladung des orthodoxen Pfarrers 
von Petrosani für den ersten Weihnachts- 
tag zu folgen und dem Gottesdienst bei- 
zuwohnen. 
Es herrschte ein trockener, rauher, un- 
barmherziger Frost. Er hatte den ersten 
und dann auch den zweiten Hügel er- 
klommen, und als er nun bei Dalsha ins 
Tal hinabstieg, entdeckte er neben dem 
Pfad sogleich die Spuren des nächt- 
lichen Kampfes. Der Schnee war über 
weite Flächen aufgewühlt und an den 
Stellen, wo Hunde und Wölfe aneinander- 
geraten waren, mit dicken Haarbüscheln 
übersät. Bald darauf gewahrte er auch 
rote Blutflecken, die ihm Übelkeit verur- 
sachten. Die Erinnerung an das schnee- 
weiße Krankenhaus, in dem er ebenfalls 
rote Blufflecken gesehen hatte, mochte 
seinen Schmerz wieder geweckt haben. 
Um diesen Anblick nicht länger ertragen 
zu müssen, richtete er seine Augen zum 
Himmel, wo sich ein ganz ungewöhn- 
liches Schauspiel vorbereitete. Dort oben, 
am Kabel der Drahtseilbahn, saß ein 
Mann rittlings auf dem Rand einer Gon- 
del und blickte herab, als wolle er die 
Tiefe des Abgrundes messen. Was 
suchte er dort? Der Lehrer war schon 
eine Stunde unterwegs, und in dieser 
Zeit waren seine Blicke an den in ihrer 
Höhe unbewegt hängenden Gondeln ent- 
langgewandert. Wie war dieser Mensch 
in die über dem Abgrund schwebende 
Gondel gelangt? Es war keiner jener ro- 
ten Wagen, in denen man vom Wege aus 
die Linienwächter auf ihren Fahrten zu 
sehen gewohnt war. Doch dem Lehrer 
blieb wenig Zeit, nach den Gründen die- 
ses ungewöhnlichen Vorgangs zu fragen. 
Er blieb stehen und sah voller Verwunde- 
rung, wie der Mensch auf dem Gondel- 
rand nach kurzem Überlegen mit seinen 
Händen das Drahtseil erfaßte und die 
Beine ins Leere hängen ließ. Kaum hatte 
er das Gleichgewicht wiedergefunden, 
begann er, mit den Händen das Seil ent- 
langzuhangeln. Dem Lehrer stockte der 
Atem; noch nie in seinem Leben hatte 
ihn der Schreck derart erstarren lassen. 
Es gab keinen Zweifel, worum es ging. 
Der Mensch dort oben wollte die Gondel 
verlassen und über das Seil den Pfad auf 
dem Hügel erreichen. Es mochten vierzig 
Meter bis dahin sein. Schneidend kalt 
mußte es in dieser Höhe sein. 
Von dem strahlend blauen Grund des 
Himmels hoben sich die Gondel und der 
Mensch als zwei deutlich voneinander zu 
unterscheidende Flecken ab. Die Gondel 
blieb unbewegt auf ihrem Platz, während 
der schmale lange Körper des Menschen 
sich langsam nach links schob. Über dem 
Abgrund hängend, hangelte er sich auf 
den rettenden Hang zu. Wenn eine Hand 
losließ, um ein Stück weiter erneut nach 
dem Drahtseil zu tasten, begann der 
Körper derart zu pendeln, daß es schien, 
als müsse er jeden Augenblick in die 
Tiefe stürzen. Doch schnell faßte der 
Mensch zu; mit beiden Händen an das 
Seil gekrallt, verharrte er einige Sekun- 
den, um das Gleichgewicht wiederzuer- 
langen und neue Kräfte zu sammeln. Wie- 
der löste er eine Hand, ließ sie vorschnel- 
len, als wolle er einen Vogel fangen, 
packte das Seil und zog die andere Hand 
hastig nach, um den gefährlichen Au- 
genblick, in dem er nur an einem Arm 
hing, abzukürzen. Und als könnten sie 
ihm bei seinem luftigen Weg behilflich 
sein, traten seine Füße unentwegt die 
Luft. 
Wie bei einem ermüdeten Schwimmer, 
den fern vom Ufer die Kräfte verlassen, 
so begannen auch die Arme des Men- 
schen am Seil allmählich kraftlos zu wer- 
den und zu erstarren. Er hatte sich unge- 
fähr zehn Meter von der Gondel entfernt. 
Die Pausen, in denen er mit beiden Hän- 
den das Seil umklammernd unbewegt 
verharrte, um neue Kräfte zu sammeln, 
wurden immer länger. Wieder hob er die 
Hand, um sich vorwärts zu tasten, doch 
schnell zog er sie wieder zurück. Am 
ganzen Körper zitternd, blickte der Leh- 
-rer in die Höhe. 
Der Mensch dort oben auf dem Seil war 
am Ende seiner Kraft. Noch ein letztes 
Mal versuchte er, die Hand vom Draht- 
seil zu lösen und sie vorwärts zu schie- 
ben, doch jetzt zog er sie noch hastiger 
wieder zurück. 
Sich mit beiden Händen festhaltend, 
blieb er regungslos hängen, die Füße 
traten immer seltener und ersterbend die 
Luft. Dem Lehrer schlug das Herz bis 
zum Hals, und ein heißer Blutstrom 
schoß ihm in die Schläfen. Der grauen- 
volle Augenblick, in dem die Tragödie 
ihre Lösung finden sollte, ließ nicht lange 
auf sich warten. 
Ein Vogel streifte im Flug die Linie der 
Drahtseilbahn; der Mensch dort oben 
hatte ihn möglicherweise noch mit 
schreckgeweiteten Augen gesehen und 
den letzten Gedanken gefaßt: Hätte ich 
doch Flügel! Langsam löste sich eine 
Hand vom Seil, ohne wie bisher vorwärts 
zu tasten, der Körper hing einen Augen- 
blick lang an einer Hand, worauf auch 
sie sich öffnete. Der Mensch stürzte in 
die Tiefe. Sausend schoß er durch die 
Luft, wobei sich Arme und Beine wie in 
einem epileptischen Anfall verkrampften. 
Kurz bevor der Mann auf dem Boden auf- 
schlug, schien es dem Lehrer, als starr- 
ten ihn aus dem Gesicht unter dem zer- 
zausten Haar die Augen des Stürzenden 
voller Haß an; und in diesem Augen- 
blick wurde das Tal von einem Entset- 
zensschrei aus seiner Ruhe gerissen. 
Es war der erste Weihnachtstag. 
Im Tal bei Dalsha dehnte sich eine weite 
Schneefläche. Als die Männer, die aus 
Petrosani aufgebrochen waren, den 
Gipfel der zweiten Anhöhe erreicht hat- 
ten, erblickten sie unten auf der weißen 
Schneefläche eine schwarze Gruppe von 
Menschen. Die Männer, die aus Petrila 
gekommen waren, warteten dort mit 
ihrer Tragbahre. 
Die Stelle, wo der Mensch in die Tiefe 
gestürzt war, glich dem Hang, auf dem 
Ge Bogza: 
Der Tod des Jakob Onisia 
Die Erzählung drucken wir mit freund- 
licher Erlaubnis der Fischer Bücherei 
ab. Sie ist entnommen dem Band 
<Rumänien erzählt". Geo Bogza, ge- 
boten IBOS, begann schon als Neun- 
zehnjähriger zu schreiben. Ab 1933 war 
er als Journalist tätig und zeichnete 
sich als glänzender Reporter aus. Geo 
Bogza ist heute Vorstandsmitglied 
des Rumänischen Schriftstellerver- 
eins und Mitglied der Rumänischen 
Akademie. Für sein literarisches Werk 
erhielt er den Rumänischen Staats- 
preis. Obersetzt wurde die Erzählung 
von Edith Silbermann-Horowitz. 
der nächtliche Kampf mit den Wölfen 
seine Spuren hinterlassen hatte: Auch 
hier Haarbüschel und Blutflecken. Bei 
seinem Aufprall hatte der Mann wie ein 
Meteorstein den Schnee nach allen Sei- 
ten aufgewirbelt und mit seinem Blut be- 
spritzt. Er war völlig zerschmettert, ein 
gestaltloser Haufen aus Fleisch, Kno- 
chen, Kleiderfetzen, blutdurchtränktem 
Schnee und Kohlenstaub. Die großen 
Fäuste, auf denen sein ganzes Leben be- 
ruht hatte und die ihn doch nicht zu hal- 
ten vermochten, waren geschwollen und 
blau angelaufen. Sein unversehrt geblie- 
benes Gesicht war dem Himmel zuge- 
wandt. Die offenen erstarrten Augen 
waren auf die Höhen gerichtet, aus de- 
nen er herabgestürzt war. Sein Kampf 
war nun beendet. Die Täler, die ihn einen 
Herbst lang gepeinigt hatten und über 
die er dann mit der Drahtseilbahn dahin- 
geglitten war - ein Drache, in den er eine 
Lanze bohrte -, hatten an ihm die gräß- 
lichste Rache genommen. Er war auf den 
Grund des tiefsten wie in den Rachen des 
bösartigsten und unbarmherzigsten un- 
ter diesen Drachen gestürzt. Über allem 
stand schwarz und stumm wie ein flie- 
gender Sarg die Gondel, in der er seine 
Todesfahrt angetreten hatte. Auf beiden 
Seiten des Tals erhoben sich auf den 
Bergrücken die Eisenmasten der Draht- 
seilbahn in schwindelnder Höhe. 
Die Leute aus Petrila näherten sich mit 
ihren Schaufeln, um den Schnee bei- 
seite zu räumen. 
Als der Trauerzug sich um die Mittags- 
stunde durch Aninoasa bewegte, folgten 
ihm aus allen Fenstern düstere und trau- 
rige Blicke. Alle hatten Jakob Onisia ge- 
kannt; und sein jäher Tod am ersten 
Weihnachtstag erfüllte alle mit tiefem 
Schmerz. 
In der Küche des Toten, durch die sie 
gehen mußten, um die Leiche in das 
Wohnzimmer zu bringen, lag seit mehre- 
ren Tagen das geschlachtete Schwein 
im Trog. Große Stücke roten blutigen 
Fleisches. Auf der Tragbahre brachten 
vier Männer andere zermalmte blutige 
Fleischstücke herein. Während die Frau 
des Toten laut aufschluchzte und sich 
mit den Fäusten an die Schläfen schlug, 
senkten die Trauergäste beim Heran- 
nahen des Zuges den Kopf. Auf ihren 
Gesichtern stand nicht Demut; der dü- 
stere und wohl auch bedrohliche Aus- 
druck auf den Gesichtern der hier 
Versammelten verriet ihren stummen, 
schmerzlichen Protest. 
Wieder war einer von ihnen unerwartet 
und sinnlos in den Tod gegangen. 
Als sich zwei Tage später die Drahtseil- 
bahn von neuem in Bewegung setzte 
und alle Gondeln durchsucht wurden, 
fand man am Boden derjenigen, in der 
Jakob Onisia gefahren war, das Beil, den 
Aschehaufen von dem Tannenholz, das 
er angezündet hatte, und das nur zum 
Teil verbrannte Glückwunschstäbchen 
mit den Überresten der zerknitterten und 
von Kohlenstaub geschwärzten Blumen. 
Illustrationen: Joachim Braatz 


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