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The History Collection

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Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Die Fahrt zwischen Himmel und Erde,   pp. 6-9


Page 7

ohne dauernd hinauf- und wieder hinab- 
steigen zu müssen. Er sah sich über sie 
dahinfahren, mit einem Gefühl, gemischt 
aus Haß und Freude, wie man es gegen- 
über Todfeinden haben mag, die einem 
nichts anhaben können. Winden würden 
sich die Täler dort unten in der Tiefe wie 
niederträchtige Drachen, die ihn quälen 
wollen, aber nicht bis zu ihm gelangen 
können. Ober sie hinfahren würde er in 
der Drahtseilbahn und ihnen von oben 
eine Lanze in den Rachen stoßen, wie der 
heilige Georg, der reitend über den 
Drachen hinwegsetzte. 
Jakob Onisia durchquerte die Siedlung 
Bukowina; zu beiden Seiten waren die 
Häuser erleuchtet, in denen man sich für 
das Weihnachtsfest rüstete. Vor jedem 
Haus war in den Schnee ein schwarzer 
Fleck geschmolzen, der von der Lauge 
herrührte, die die Frauen nach dem 
Scheuern der Fußböden aus den Eimern 
gegossen hatten. Auch bei ihm daheim 
waren jetzt die Fußböden gewaschen, 
und es roch nach Feiertag. 
Die Gondeln, die über den Häusern der 
Siedlung dahinglitten, klirrten ohne Un- 
terbrechung. Irgendwo auf dem Hügel 
zogen Kinder von Haus zu Haus und 
sangen Weihnachtslieder. 
Verstohlen und lautlos wie eine Katze 
erkletterte Jakob Onisia das Holzgerüst 
am Beginn der Strecke. Er erreichte die 
Querstreben, an denen die Gondeln 
langsam vorüberzogen. Man brauchte 
nur einzusteigen. Es war nicht gefähr- 
licher als das Einsteigen in einen Eisen- 
bahnwagen, ehe er sich noch recht in 
Bewegung gesetzt hat. Mehrmals warf er 
einen Blick auf das beleuchtete Wärter- 
häuschen. Zwei Gondeln ließ er an sich 
vorüberziehn. Als die dritte auftauchte, 
warf er das Beil und das blumenge- 
schmückte Stäbchen hinein und schwang 
sich, mit beiden Händen fest zupackend, 
rittlings auf den eisernen Rand der Gon- 
del. Mit dem Fuß tastete er an der Wand 
entlang, bis er auf einen Holzblock stieß, 
auf den er sich rasch niedergleiten ließ. 
Unten, neben der Hütte des Wärters, 
schlug ein Hund an. Jakob Onisia zog 
den Kopf zwischen die Schultern und 
kauerte sich auf dem Boden der Gondel 
nieder: Doch wer hätte ihn jetzt noch 
sehen können? Die Gondel glitt leicht 
über der Erde dahin, nach Aninoasa. 
Noch eine Stunde, und er war zu Hause. 
Die Menschen, die das Paradies be- 
schrieben haben, müssen eine dürftige 
Phantasie gehabt haben. So dachte Jakob 
Onisia jedesmal glücklich in den ersten 
Augenblicken, wenn ihn die Drahtseil- 
bahn durch die Luft trug. Die Glückselig- 
keit des Paradieses kann nicht anders 
sein als das Glück, das man fühlt, wenn 
einen die Drahtseilbahn unermüdlich 
über Hügel und tiefe Täler führt. 
Bald versank Petrila mit seinen Zehn- 
tausenden Lichtern gleich dem unter- 
gehenden Siebengestirn in der Tiefe. 
Doch als Jakob Onisia über Petrosani 
dahinglitt, wurde die Welt zu einer Mär- 
chenlandschaft  von  unvorstellbarer 
Schönheit. Sein Blumenstäbchen in der 
Hand, stand Jakob Onisia aufrecht in der 
Gondel und staunte. 
Die Erde war ein funkelndes Lichtermeer, 
so weit das Auge reichte. Hunderte von 
strahlenden Punkten erhellten die Nacht 
bis zum fernen Rand der Berge. In der 
Stadtmitte drängten sie sich zu einem 
funkelnden Lichtfleck zusammen, von 
dem strahlenförmig leuchtende Ketten 
zu den Siedlungen am Stadtrand hin- 
führten. In der Ferne blieb nur da und 
dort ein schwacher Lichtpunkt sichtbar. 
Dieses Lichtermeer wurde in der Mitte 
von einem dunklen Band zerschnitten, 
auf dem nur vereinzelt einige schwache 
rote und grüne Punkte schimmerten. Es 
war der Bahnhof mit seinen zwanzig 
Gleisen. Den Schnee zwischen den 
Schienen  hatten  Kohlenstaub  und 
Schlacke bedeckt, so daß alles noch 
schwärzer erschien als die Finsternis der 
Nacht. 
Der Lärm der Stadt vermischte sich in 
dieser Höhe zu einem gleichmäßigen, 
undifferenzierten Geräusch. Langsam 
schwebte die Gondel über dieses Lichter- 
meer hinweg, Aninoasa entgegen. All- 
mählich begannen die Lichter unterzu- 
gehen, ganz langsam, eine Welt, die in 
die Tiefe versank. Leicht, fast unmerklich, 
hob das Kabel der Drahtseilbahn die 
Gondel zum Gipfel des ersten Hügels. 
Wenig später tauchten die schneebe- 
deckten Berge aus der Dunkelheit auf; 
sie kamen so nahe, daß es schien, als 
könnte man sie mitderHand berühren. Als 
Jakob Onisia hoch oben am Rande des 
ersten Berges anlangte, blieb Petrosani 
immer noch wie auf dem Grunde des 
Ozeans sichtbar. Seine Lichter ver- 
schmolzen zu einem funkelnden Diadem. 
Eines der Streckenenden näherte sich, 
und Jakob Onisia verbarg sich in der 
Gondel, um nicht entdeckt zu werden. 
Jetzt erst merkte er, daß er vor Kälte 
zitterte. Er kauerte sich eng auf seinem 
Holzblock zusammen und versuchte, das 
Brennen seiner Haut zu vergessen. Die 
Gondel glitt über die öde, vereiste Hoch- 
fläche zwischen den Eisenpfeilern dahin. 
Jetzt erreichte er das erste der drei tiefen 
Täler. Die Kabel der Drahtseilbahn 
schwangen sich, leicht durchhängend, 
ohne jede Stütze von einer Seite des 
Abgrunds zur anderen; und die Gondel 
folgte diesem Schwung in der Finsternis 
über dem Nichts. Sie erklomm den Gipfel, 
erreichte den mächtigen Pfeiler, auf den 
sie sich einen Augenblick stützte, als 
wollte sie frische Kräfte sammeln, und 
schwebte jäh über das zweite, das tiefste 
Tal. Unten waren nur wenige schwache 
Lichter zu erkennen: die Hütten des 
Weilers Dalsha. Die Gondel zog auf 
ihrer luftigen Fahrt über sie hin, setzte 
noch eine Zeitlang ihren Weg fort und 
hielt an. Das Surren der über die Kabel 
gleitenden Rollen war verstummt. Tiefe 
Stille. 
Es konnte höchstens 211 Uhr sein. Ja- 
kob Onisia kauerte sich auf dem Boden 
der Gondel zusammen und wartete. Er 
stopfte seine Fäuste so tief er konnte in 
die Taschen; doch zwischen Taschen- 
rand und dem kurzen Ärmel blieb trotz- 
dem ein Streifen Haut unbedeckt; und 
an dieser Stelle spürte er schneidend 
den Frost, als seien seine Hände mit 
Ketten gefesselt. Von den Handgelenken 
stieg die Kälte unter dem Rock die Arme 
hinauf bis zu den Ellenbogen, wo sie 
noch heftiger schmerzte. Jakob Onisia 
versuchte, den Schmerz zu lindern, in- 
dem er die Hände so stark wie möglich 
gegen die Rippen preßte. Erste Zweifel 
beschlichen ihn. Vielleicht wäre es doch 
besser gewesen, in diesem Frost zu Fuß 
zu gehen. Doch dann wäre er erst nach 
Mitternacht zu Hause gewesen. Ein Glück, 
daß es wenigstens windstill war. Die 
Gondel mußte sich gleich wieder in Be- 
wegung setzen. Mühsam drehte er sich 
eine Zigarette und zündete sie an. 
Er hatte sie fast zu Ende geraucht, und 
noch immer fuhr die Gondel nicht weiter. 
Und in dem Augenblick, da er zum letz- 
tenmal an der Zigarette zog, durchfuhr 
ihn der Gedanke, der ihn mit der Gewalt 
eines Blitzes niederschmetterte. Er glich 
dem Funken, der in der Grube das Erdgas 
entzündet, der Kräfte entfesselt, durch 
die die Schienen der Grubenhunde aus 
dem Boden gerissen und wirbelnd in die 
Luft geschleudert werden, der Tote 
hinterläßt mit versengten Haaren und 
verbrannten Kleidern, der Pferdeleiber 
zu einem gestaltlosen Haufen Fleisch 
verkohlt. 
Als er in die Drahtseilbahn gestiegen war, 
hatte sich das Erdgas in ihn einge- 
schlichen; und jetzt war es explodiert. Es 
hatte ihn zerstört wie ein Bergwerk. Alles 
in seinem Innern stürzte zusammen. 
Wann hatte ein einziger Gedanke einem 
Menschen soviel Unheil zugefügt! Der 
Gedanke: Morgen ist Weihnachten! Die 
Drahtseilbahn wird nicht weiterfahren. 
Sie wird zwei Tage lang stillstehen. 
Wie ein plötzliches Aufleuchten ging es 
durch Jakob Onisias Bewußtsein, daß er 
der Gefangene des Nichts, der Nacht und 
des Frostes war. Er war vernichtet. 
Mit schreckensstarren Augen sah er die 
Welt; sie hatte sich gewandelt, sie war 
eine große heimtückische Feindin ge- 
worden. Eine unbedeutende Episode, die 
Stunde im Herbst, in der er sich einen 
Rausch angetrunken hatte; sie erschien 
ihm jetzt wie eine verborgen gelegte Falle, 
in die er ahnungslos hineingetappt war. 
Die Menschen saßen geborgen in ihren 
Häusern, in der wohligen Wärme, die sie 
zwei Tage lang nicht verlassen würden. 
Die Gruben und die Zechen waren wie 
ausgestorben. Zwei Tage und zwei 
Nächte würde sich hier nichts mehr 
regen; und er würde in seiner Gondel 
über dem Abgrund hängen und vor 
Hunger und Kälte sterben. Es war ihm 
nach Heulen zumute. Statt seiner heulte 
im Dalshatale am Rande des Waldes ein 
Wolf. 
Wie langsam würden jetzt die Stunden 
dahinschleichen? Und was würde mit 
ihm geschehen? Zwei Fragen, die in ihm 
aufstiegen wie die Menschen, die nach 
einem Grubenunglück mit zitternden Bei- 
nen, erloschenen Laternen und zerfetz- 
ten Kleidern aus der Tiefe der Schächte 
aufsteigen; zwei Fragen, die ihn peinigten 
und ihn mutlos machten. Aber so quä- 
lend diese Gedanken waren, sie wurden 
überdeckt von zwei sehr bestimmten 
Empfindungen, die seinen ganzen Körper 
zu beherrschen begannen wie zwei un- 
barmherzige Dämonen, die lange mar- 
ternde Speere in sein Fleisch stießen. 
Ihn hungerte. Und er fror. Allmählich ließ 
sein Widerstand nach, er wurde eine 
Beute dieser grausamen Qualen. Erfühlte 
sich am Ende seiner Kräfte. 
Ober dem Weinberg ging jetzt der Mond 
auf. 
Wurde je ein Mensch, der den Tod vor 
sich sieht, Zeuge eines großartigeren 
Schauspiels? Jakob Onisia rollten einige 
Tränen die braunen Wangen hinab. 
Herr, mein Gott, verlaß mich nicht. Herr, 
mein Gott, murmelten seine Lippen, 
während er, von seinem Unglück über- 
mannt, auf die Herrlichkeit blickte, die sich 
unter ihm ausbreitete. 


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