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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 1 (January 15, 1966)

Ratnam, S. Radscha
Rinder sind heilig,   pp. 18-19


"Finckenschläge" und andere Bücher,   p. 19


Page 19

,,Finckenschläge" und andere Bücher 
geworden und bestand nur noch aus 
nHorchen, ob nicht Hilfe nahe. 
Menge, Frauen und Kinder unter den 
nnern, zog langsam durch Murugasus 
* Mit ihren hervorstehenden Rippen 
den hungrigen Augen sahen sie wie 
schreckliche Prozession von Toten 
. Sie waren lautlos - nur der versengte 
len unter ihren Füßen knirschte. 
ugasu kauerte vor der Tür des Stalls 
hob kaum den Kopf, als die Menge 
ihm stehen blieb. Er hatte sich in den 
ten Tagen vollkommen verwandelt. 
Körper war noch immer breit und 
skulös, aber er strahlte nicht mehr die 
tt aus, die sie immer so gefürchtet 
en. Murugasus Augen bewegten sich 
os in seltsam tiefen Höhlen, und sein 
r war fast grau. 
.n Augenblick zögerte der Priester, 
n begann er zu sprechen. <Wir sind 
ies Ochsen wegen gekommen, Bru- 
und diesmal wird uns nichts abhal- 
ihn zu nehmen." 
hse? Was für ein Ochse?" sagte 
ugasu, als spräche er zu sich selbst, 
er runzelte die Stirn, als versuchte er, 
an etwas zu erinnern. ,Ach ja, der 
sei Natürlich, der Ochse. Er ist im 
.'' 
ir werden ihn töten und unter uns auf- 
in und ihn essen", sagte der Prie- 
ugasus ruhelose Augen wurden 
r, als er jetzt den Priester anblickte. 
sen! Ach ja!" sagte er nachdenklich. 
is darf nicht sein. Weil... Weil, laß 
h nachdenken ... Ihr könnt nicht 
sch von einem heiligen Tier essen. 
's euch ohnehin schon gesagt. Ich 
de niemanden meinen Ochsen essen 
en." Speichel rann ihm aus dem 
id und rieselte langsam am Kinn her- 
halbes Dutzend Männer stand um ihn 
um und glotzte ihn an. 
er du mußt, Bruder", sagte der Prie- 
<Es gibt sonst nichts zu essen, und 
Menschen sind verzweifelt und hung- 
Hast du kein Herz im Leibe?" 
ich", sagte Murugasu und schaute 
n kleinen Jungen an, <aber der 
se ist ein heiliges Tier." 
r mal, Bruder", sagte der Priester 
ig. ~Wir holen uns deinen Ochsen, 
h wenn wir Gewalt anwenden müs- 
. Gibst du uns den Schlüssel nicht, 
brechen wir die Tür auf." Er streckte 
Hand nach dem Schlüssel aus. 
ugasu erhob sich und lehnte sich mit 
Rücken an die Stalltür. <Ich werde 
h meinen Ochsen nicht essen lassen! 
ück! Ich werde..." Er schlug mit der 
st aus, und die Männer kämpften mit 
und hatten ihn nach einem Augen- 
k zu Boden geworfen. Er schrie und 
rte sich, aber als er sie die Tür zum 
1 aufbrechen hörte, wurde er merk- 
dig ruhig. 
Tür flog auf, und die Menge stürmte 
ig vorwärts. 
in blieben die Leute stehen und starr- 
das Bild an, das sich ihnen bot. Der 
se lag halb begraben im Stroh, mit 
em, aufgedunsenem Körper. Wo die 
en ihn angenagt hatten, blinkte das 
der Wunden. 
Menge hielt den Atem an. Einer 
:hte einen Schritt vorwärts und be- 
re die verglasten Augen des Ochsen. 
:hreckt fuhr er zurück, als ein dunkler 
warm Fliegen in einer zornig sum- 
nden Wolke aufstieg. 
s dem Englischen übersetzt 
Joseph Kalmer.) 
Robert Gover,Ein Hundertdollar Mißver- 
ständnis", 231 Seiten, Leinen, Rowohlt- 
Verlag, Reinbek bei Hamburg. 
K ann man darüber reden? Man kann! 
Fast ist man geneigt, Robert Govers 
Erzählung - die irreführend als Roman 
bezeichnet wird - als Public-Relations- 
Arbeit für das horizontale Gewerbe zu 
bezeichnen, denn seine vierzehnjährige 
Negergöre Kitten ist ebenso ordinär wie 
gerissen, und ihrem Partner, dem einige 
Jahre älteren College-Schüler Jim, in 
jeder Beziehung überlegen. Mit dem Ge- 
burtstagsgeschenk in Form eines Hun- 
dertdollarscheins in der Tasche, versucht 
sich der in drei Fächern durchgefallene 
Jim etwas aufzuheitern und gerät dabei 
an die kleine Negerin, die bei ihm ein ein- 
trägliches ~Dauergeschäft" wittert und 
recht schnell in den Besitz der Hundert- 
dollarnote gelangt. Der hoffnungsvolle 
Jüngling, dessen Papa im Sittlichkeits- 
verein aktiv ist, versucht sein Geld trotz 
erwiesener Dienstleistungen zurückzu- 
bekommen, indem er nach besserer 
amerikanischer Lebensart einen Revolver 
zieht. Aber die Geschäftspraxis der klei- 
nen Kraushaarigen erweist sich als viel 
raffinierter. 
Dieses Wochenende voller Mißverständ- 
nisse und eindeutigem Einverständnis 
läßt Robert Govers von beiden Personen 
abwechselnd schildern, jedes Episöd- 
chen wird aus ganz verschiedener Per- 
spektive geschildert. Der groteske Gegen- 
satz dieses Pärchens wird in den Mono- 
logen deutlich, darin liegt die Komik der 
Erzählung, weniger in einigen offenher- 
zigen Anspielungen. Das Negermädchen 
quatscht, wie ihr der Schnabel gewachsen 
ist, sie denkt mit dem Popo, hundsgemein 
und bar jeglicher Schulbildung, völlig 
immun gegenüber nationalen Phrasen, an 
denen sich ihr Partner vorübergehend 
berauscht; ihr genügt der Riecher für das 
~Dauergeschäft". Der junge Mann dage- 
gen erscheint als Heuchler und Feigling, 
als dressiertes Schoßhündchen einer 
Kaste, der sich mit leeren Redensarten 
selbst etwas vormacht. Die sozial- 
kritischen und satirischen Absichten des 
Verfassers sind unverkennbar. Der Über- 
setzer Hans Wollschläger hat die mit 
Schimpfwörtern gespickte Rede der 
Negerin dadurch ins Deutsche zu retten 
versucht, daß er so schreibt, wie sie 
spricht, ohne Rücksicht auf die Gram- 
matik. Mitunter läßt er Kitten im Berliner 
Jargon quasseln, das ist zwar nicht stil- 
echt, aber durchaus wirkungsvoll. 
Harry Pross <Dialektik der Restauration", 
120 Seiten, broschiert, Walter-Verlag, 
Olten und Freiburg. 
V on der politischen Konzeptionslosig- 
keit über das Wunschdenken sieht 
Harry Pross die Entwicklung in der Bun- 
desrepublik bis zum Machtwahn fort- 
schreiten. Seine Polemik gegen restaura- 
tive Tendenzen ist unkonventionell und 
aufrüttelnd. Allerdings muß man sich 
fragen, ob gegenwärtig nicht dokumen- 
tarische Fleißarbeiten oder geschichts- 
philosophische Deutungen wichtiger sind. 
Pross selbst bewegt sich auf einem holp- 
rigen Mittelweg, der stärkere Teil seines 
Buches ist der historische Rückblick, der 
aktuelle Teil dagegen wiederholt zum Teil 
längst bekannte Dinge wie die <Spiegel"- 
Affäre. Nachdepklich stimmt seine These, 
daß der Fatalismus weiter Bevölkerungs- 
kreise gegenüber der Politik wahrschein- 
lich bis auf den Dreißigjährigen Krieg zu- 
rückzuführen ist. 
Die außenpolitisch ergebnislose Politik 
der Stärke und die seit Jahren hartnäckig 
betriebene atomare Bewaffnung der Bun- 
deswehr kritisiert Pross scharf, er nennt 
sie <Ausflüsse eines kranken Geschichts- 
denkens". Nachdrücklich warnt er vor 
einem neuen Nationalismus, wie er sich 
beim Treffen der Sudetendeutschen 1964 
zeigte. Nach Meinung von Pross liegt das 
einzige Verdienst der Ära Adenauer 
darin, dem Kapital genügende Investi- 
tionssicherheit geboten zu haben. Aber 
um welchen Preis? Durch den <verspäte- 
ten Kapitalismus" in der Bundesrepublik 
hat die Konzentration der Konzerne alle 
bisherigen Ausmaße übertroffen. Wirt- 
schaftliche Macht verwandelte sich in 
politische. So drängt sich für Pross mit 
Recht die Alternative auf: Entweder wird 
die demokratische Willensbildung auf die 
Betriebe übertragen oder die Demokratie 
wird von den Konzernen geschluckt! Das 
perfekte Zusammenspiel von Regierungs- 
parteien und Wirtschaftsverbänden hat 
die Legislative in ihrer Bedeutung ja be- 
reits geschmälert. Die Restauration hat 
keine neue Geschichtsauffassung nach 
1945 hervorgebracht. 
Werner Finck ,Finckenschläge", 168 Sei- 
ten, Halbleinen, F. A. Herbig Verlags- 
buchhandlung, Berlin. 
WAas unterscheidet Werner Finck von 
der Autoindustrie? Er braucht seine 
guten Humor-Modelle nie zu ändern. Wer 
will, kann die alten Perlen aufsammeln, 
die der Finck so generös vor die Säue 
geworfen hat im Laufe der Jahrzehnte. In 
seinem Sammelsurium ,Finckenschläge" 
findet sich der Extrakt aus alten Büchern. 
Eins der früheren hat übrigens eine be- 
sondere Geschichte. Vom ,Kautsch- 
brevier" des Jahres 1938 wurden 600 Ex- 
emplare vor der Gestapo verborgen, nach 
sieben Jahren, 1945, aus dem Versteck 
geholt, vom Verfasser signiert, numeriert 
und mit einem Gedicht versehen. Ich 
besitze Exemplar 422 und bin darauf min- 
destens so stolz wie ein Käsefabrikant, 
dem man ohne Verdienste das Bundes- 
verdienstkreuz umgehängt hat. Die 
Finckenschläge, Ausgabe letzter Hand, 
mit gefaßter Prosa und zerstreuten Ver- 
sen enthalten so mancherlei aus der 
bösen alten Zeit, iri der die Uhren so 
schnell liefen, daß 1000 Jahre nach zwölf 
bereits 'rum waren. Der lose Finck 
schmuggelte damals im später verbote- 
nen <Berliner Tageblatt" aufsässige 
Stichworte in seine Glossen, die bereits 
die Grenze des Möglichen überschritten. 
Die Kunst der Andeutung machte er zur 
lebensgefährlichen Pflichtübung. Karl 
Kraus hat ja nicht mit Unrecht gesagt, daß 
Satiren, die der Zensor versteht, mit Recht 
verboten werden. Heute ist es leichter. 
Nicht weil man als Kabarettist noch fast 
alles sagen kann, sondern weil das heu- 
tige Fernseh-Kabarett sich vor Prominen- 
ten abspielt, die prestigeverbissen über 
sich selbst lachen müssen, und <das ist 
das neue Dilemma des Kabaretts". 
Doch das sind Theorien. Ersprießlicher 
ist die Lektüre der fast schon wieder 
aktuellen Verdunkelungsübung von 1938, 
der gereimten Pro- und Diagnosen für 
Deutschland und der Zellenzeilen von 
1943: 
Die Schritte des Postens draußen vor der 
Zellentür 
Sind die einzigen Schritte 
Die für mich unternommen werden. 
Die <Gedanken zum Nachdenken" von 
1945 stimmen auch noch 20 Jahre später. 
Finck stimmt aber auch zivilere Töne an, 
plaudert über antike Möbel, das ,privile- 
gierte Gerümpel mit dem Heiligenschein 
des Jahrhunderts" und serviert seine 
zwischen gewolltem falschem Pathos 
und echter Schnoddrigkeit angesiedelten 
Gedichte. Er verabschiedet sich mit dem 
auf den neuesten Stand gebrachten 
~Leben in Beurteilungen", und da er an- 
geblich kein neues Buch mehr schreiben 
will - seit Jahren warten wir auf die be- 
reits angekündigte Autobiographie -, hat 
der Leser ausreichend Zeit, das alte ken- 
nenzulernen. 
Horst Hartmann 
Clara Asscher-Pinkhof: 
Sternkinder 
Format 13x20,7 cm, Ganzleinen mit 
Schutzumschlag, 216 Seiten, 6,90 DM 
~Der Titel ,Sternkinder' klingt nach Mär- 
chenbuch. Doch die Sternkinder, von 
denen in diesem Buch berichtet wird, 
sind keine Märchenfiguren, sondern klei- 
ne holländische Mädchen und Jungen 
mit Hitlers Judenstern auf dem Schul- 
kleid und der Spielschürze." So beginnt 
Erich Kästners Vorwort zu dem bedeu- 
tenden Buch der früheren Holländerin 
Clara Asscher-Pinkhof, die heute in 
Israel lebt. Das Buch wurde 1962 mit dem 
Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeich- 
net, und das bestimmt zu Recht, obwohl 
es kein Jugendbuch im herkömmlichen 
Sinn ist. 
Nurfür wenige gibt es wirklich einen Aus- 
klang wie im Märchen. Sie werden gegen 
Gefangene in Palästina ausgetauscht 
und reisen, direkt aus der Hölle des La- 
gers, in das die Nazis sie gebracht hatten, 
einer frohen Zukunft entgegen. 
~Diese ,Sternkinder' sind so wichtig, so 
erschütternd und so schrecklich wie das 
,Tagebuch der Anne Frank'. Die Erwach- 
senen und die Halbwüchsigen müssen es 
lesen. Da hilft keine Ausrede. Wer sich 
daran begeistert, wie schnell und wie 
hoch der Mensch zu fliegen imstande ist, 
der muß auch wissen, wie abgrundtief er 
sinken kann ... Wer die Schuld aus jenen 
Jahren unterschlüge, wäre kein Patriot, 
sondern ein Defraudant. Wer aus der 
schuldlosen Jugend eine ahnungslose 
Jugend zu machen versuchte, der fügt 
neue Schuld zur alten." So schließt Erich 
Kästner sein Vorwort. 
Erich Maria Remarque: 
Arc de Triomphe 
Format 13x20,7 cm, Ganzleinen mit 
Schutzumschlag, 404 Seiten, 7,90 DM 
Remarque schildert das letzte <Friedens- 
jahr" vor dem Ausbruch des zweiten 
Weltkrieges. Die Handlung spielt in 
Paris, und dort in den kleinen Hotels, 
Kneipen und Nachtlokalen, in den Stra- 
ßen rund um den Triumphbogen. Diese 
kleinen Hotels sind voll von deutschen 
Flüchtlingen, die meist ohne Paß, ohne 
Aufenthaltsgenehmigung und ohne Ar- 
beitserlaubnis in Paris leben: zu Hause 
in Deutschland würde ihnen als Gegner 
des Nazi-Systems das Konzentrations- 
lager sicher sein. In Paris werden sie nur 
von der Fremdenpolizei gejagt (und von 
ihrer Verzweiflung!). 
Hier ist das eindrucksvolle Bild einer 
Epoche mit einer ungewöhnlichen Lie- 
besgeschichte verknüpft. Es wird viel 
geliebt und viel getrunken in diesem 
Buch, es gibt Bordell-Szenen und kühne 
Berichte von Operationen - aber alles 
ist für erwachsene Leser zumutbar. 
Büchergilde Gutenberg 


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