University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 1 (January 15, 1966)

Ratnam, S. Radscha
Rinder sind heilig,   pp. 18-19


Page 18

e Geschichte aus Indien von S. Radscha Ratnam 
A uf die Dürre folgte die Hungersnot, 
und es war, als erwache man aus 
einem schweren Alpdruck zu einem noch 
schrecklicheren. In den Reisfeldern, wo 
die schweren goldenen Halme der Ernte 
hätten rauschen sollen, standen nur halb 
versengte Stoppeln. Die Bauern sahen 
die zu Staub gewordene Erde ihrer Felder 
an und suchten mit Augen, die täglich 
trüber wurden, nach einer Antwort in den 
Gesichtern der Nachbarn. Nachts, wenn 
die hungrigen Kinder im Schlaf wimmer- 
ten, erfaßte hoffnungslose Wut die Her- 
zen der Männer. Manchmal übertönte das 
Wehklagen einer Frau das Wimmern und 
Stöhnen, dann wußten die Menschen, 
daß der Tod, der sie lautlos umschlich, 
sich wieder eines Opfers bemächtigt 
hatte; aber nach einiger Zeit ließ sie 
nicht einmal der Tod mehr schaudern. 
Dieses unbedeutende Dorf war so ent- 
legen und die Hungersnot so allgemein, 
daß es gar keine Möglichkeit gab, ihm 
sofort zu helfen. Bis Hilfe kam, mußten 
die Menschen trachten, sich am Leben 
zu erhalten, so gut sie konnten. Als ihre 
Vorräte aufgezehrt waren, suchten sie 
das Land nach Nahrung ab, aßen Vögel, 
Wurzeln und Getier - was immer sie fan- 
den. Bald war auch dieses selten gewor- 
den, und nur die Geier zogen hoch am 
Himmel ihre Kreise und spähten mit flat- 
ternden Flügeln auf die Erde hinab, in- 
dessen da unten die Ratten fett und glatt 
wurden. 
Unheil bringt die Menschen einander 
näher, das galt auch für diese Bauern. 
Sie zogen gemeinsam auf Nahrungs- 
suche, und das Elend des einzelnen wur- 
de zur Sorge aller. Als die Erde aufhörte, 
sie mit der Nahrung, die sie brauchten, 
zu versehen, schlachteten sie, so gute 
Hindus sie auch sein mochten, ihr Vieh. 
Der bloße Gedanke daran hatte sie krank 
gemacht, und sie hatten einander voll 
Unbehagen angesehen, als sie diesen 
Frevel erwogen, aber Hunger ist ein 
Tyrann, der keinen Kompromiß erlaubt. 
Bald nachdem sie ihr.Vieh geschlachtet 
hatten, hungerten sie wieder. 
<Mein kleiner Junge hat die ganze Nacht 
geweint, und ich mußte ihm eine Tracht 
Prügel verabfolgen ..." 
<Vielleicht wird der Hilfszug ... Ich 
träumte vergangene Nacht davon. Es gab 
eine Menge zu essen. Säcke voll Reis..." 
~Nur ein Dummkopf träumt so", rief eine 
alte Frau mit wildem Blick. 
<Auch ich träumte. Aber in meinem 
Traum lagen überall tote Menschen her- 
um, und Gott kam und redete zu mir über 
den Tod. Lumpenpackl Er straft euch für 
eure Verworfenheit. Wir haben keine 
Hoffnung. Ich weiß es. Gott..." 
,Halts Maul, alte Hexe! Mit deinem dum- 
men Gerede wirst du die Kinder erschrek- 
ken." 
Der Dorfpriester, dessen wohlgenährter 
Wanst längst verschwunden war, deu- 
tete an, daß er sprechen wolle. <Es gibt 
nichts mehr zu essen", sagte er, <außer 
dem, was uns Bruder Murugasu vielleicht 
aus Mitleid geben würde. Gestern abend 
sah ich ihn seinen Ochsen in den Stall 
treiben. Wenn wir ihn überreden könnten, 
den zu schlachten, hätten wir einige Tage 
zu essen." 
Der Bauer Murugasu hauste ungefähr 
eine halbe Meile vom Dorf entfernt; er 
hatte sich von den anderen abgesondert, 
weil er reich und von Natur aus unfreund- 
lich war. Zwischen ihm und dem Dorf 
hatte es viel Streit gegeben. Er war ein 
dunkles, muskulöses Geschöpf, und 
seine Kraft machte ihn zu einem Gegen- 
stand der Angst und des Hasses. Er hielt 
sich von den anderen fern, bearbeitete 
sein Feld mit so wenig Hilfe wie möglich, 
und kam er einmal in die Paimwein- 
schenke, dann starrte er düster in seinen 
Becher und merkte gar nicht, daß die 
Menschen rings um ihn scherzten und 
lachten. Seit seine Mutter gestorben war, 
hatten die Bauern gehofft, er würde hei- 
raten, denn nur eine Frau hätte Güte in 
seinem Herzen zu erwecken vermocht, 
aber er hatte dem Heiratsvermittler des 
Dorfes nicht einmal ein freundliches 
Kopfnicken geschenkt. Auch während 
der Hungersnot hatte er sich abseits ge- 
halten und nie an der Nahrungssuche der 
anderen teilgenommen. 
Der Priester mußte den Bauern zureden, 
ehe sie sich entschlossen, mit ihm zu 
gehen, um Murugasu anzubetteln. 
<Wäre es nicht einfacher", schlug einer 
vor, <wir gingen hin und holten uns den 
Ochsen, ohne Murugasu erst zu fra- 
gen?" 
~Ich denke, wir fragen ihn lieber", sagte 
der Priester. ,Er kann nicht nein sagen." 
<Du wirst dich wundern[" meinte der 
Bauer. <Wir kennen ihn nur zu gut." 
~Dennoch werden wir ihn zuerst fragen", 
sprach der Priester mit betonter Festig- 
keit. <Außerdem sperrt er ja seinen 
Ochsen über Nacht im Stall ein." 
Als die Bauern vor Murugasus Haus er- 
schienen, war er eifrig mit seinem 
Ochsenkarren beschäftigt. Er hob den 
Kopf und blickte sie aus seinen hervor- 
quellenden gelben Augen schweigend 
einen Augenblick lang an. Dann machte 
er sich wieder an seine Arbeit und hackte 
mit einer schweren Axt an einem Baum- 
stamm herum. In einem Abstand von ein 
paar Metern lag unter einem verdorrten 
Lindenbaum der Ochse. 
Der Priester hüstelte verlegen und ging 
langsam auf den breiten blanken Rücken 
Murugasus zu. <Bruder", sagte er, <du 
Gottes Augen sündigt! Ein Brahman 
priester, und hetzt die Leute dazu 
das Fleisch eines heiligen Tieres 
essen 1" 
Der Priester zuckte unter diesem 
wurf zusammen, erwiderte jedoch 
aller Würde und Ruhe, die er aufbrin 
konnte: <Die Zeiten sind besone 
schwer, Bruder. Ob man Pferdeflei 
ißt oder das eines Rindes, ist nicht 
Bedeutung, sondern daß man lebt. A 
ein Brahmane ist so menschlich, da( 
den Tod fürchtet." 
<Dann verreckl" rief Murugasu zor 
<Immer noch besser, als sich so her 
zuwürdigen, daß man von einem Straf 
köter nicht zu unterscheiden ist. Ich 
dich die Erde mit dem Blut heiliger Rin 
beflecken, ich sah dich schamlos 
Fleisch essen. Ich werde an einem 
chen Frevel nicht teilnehmen. Sola 
noch etwas Kraft in diesen meinen 1h 
den ist, werdet weder ihr noch eure h 
gernden Kinder meinen Ochsen tö 
2~* 
hast uns nicht gefragt, warum wir ge- 
kommen sind." 
Die Axt blitzte in der Sonne, aber Muru- 
gasu gab keine Antwort. 
<Wir sind gekommen, um deine Hilfe zu 
erbitten", sagte der Priester. <Die Frauen 
und die Kinder hungern." 
Murugasu hörte auf, an dem Holz herum- 
zuhacken, und blickte dem Priester ins 
Antlitz. <Was hab ich damit zu tun?" 
fragte er mürrisch. ~Ich hab nichts zum 
Hergeben." 
<Du hast einen Ochsen, Bruder", sagte 
der Priester. 
<Und wie fett er ist!" rief einer aus der 
Menge. 
Murugasu ließ seinen Blick über die 
Menge gleiten, und seine Augen glitzer- 
ten wie eine im Sonnenlicht geschwun- 
gene Klinge. ~Ja, das ist er. Und was ist 
dabei?" 
Die Menge murrte zornig, und der Prie- 
ster bat sie, Ruhe zu bewahren. <Kannst 
du deinen Haß nicht einmal in diesem 
Augenblick vergessen, Bruder?" fragte 
er begütigend. <Die Menschen sind 
hungrig. In solchen Zeiten müßten wir 
einander helfen." 
<Meinst du?" fragte Murugasu höhnisch. 
<Das ist aber komisch. Also kann sogar 
ein Priester so hungrig sein, daß er vor 
um ihn zu essen. Ich werde nicht ; 
Straßenköter werden - euch zu Gefal 
Wenigstens ich habe noch den Mut, 
guter Hindu zu sein.. 
<Dein Haß, Bruder..." 
~Ja", sagte Murugasu, <ich hasse e 
ebenso, wie ihr mich sogar jetzt n 
haßt. Aber es ist mehr als Haß. Ich 
achte euch alle, erstens, weil ihr 
Fleisch eines heiligen Tieres essen w 
und zweitens, weil ihr zu mir um F 
betteln kommt." 
Wieder murrte die Menge zornig, 
Murugasu packte den Stiel seiner 
fester. Aus Angst, es könnte zu Ger 
taten kommen, bat der Priester die M 
ge, doch ruhig zu bleiben. Murug 
machte sich wieder an seine Arbeit, 
nach einer Weile verzogen sich 
Bauern. Murugasu spuckte auf den 
den und rieb sich den hungrigen Bauc 
Ein paar Tage später führte der Prie: 
die Bauern abermals nach Muruga 
Hof. Diesmal waren die abgezehrten 
geren Gesichter der Männer ruhig 
entschlossen. Der Alpdruck der let2 
Tage, in denen sich der Tod seine 01 
reichlicher als je zuvor geholt hatte, 
unerträglich gewesen. Das Leben 
einzelnen war zu einer Sache von Si 
1 gevi 
MGer 
rineri 
WMil 
1 en 
Ssdt 
SSie 
~en t 
rugal 
1hot 
ihm 
ten 
*Köi 
skuld 
ft au 
eon. A 
os iii 
ir wa 
enl A 
n be 
nes( 
und 
Sihn 
~hsel 
rugaE 
Fer rL 
an 
ise 1 
ir we 
rn ui 
ugas 
Sr, alt 
sen 1 
is da 
h ne 
sch 
Is ei 
de ni 
nd ur 
halbi 
mm u 
ier di 
~ Es 
Mern, 
Hast 
n kl 
se is 
r mE 
ig. 1 
h~ we 
Gib 
brech 
Hand 
ugas 
Ruc 
h mei 
ück! 1 
st au 
und 
kzu 
rte s 
1 auf 
dig ri 
Tür 1 
19 VO 
n blig 
das 1 
se la 
emn,i 
en if 
der % 
Meni 
hte 
te dif 
hreci 
warrr 
den' 
s der 
Jose 


Go up to Top of Page