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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Eine Frau und 480 Millionen Inder,   p. 18


Hartmann, Horst
Widerstand / Armut in Sardinien,   p. 18


Page 18

rer auf einem Tiger reitet, kann nicht 
absteigen." Mit diesem Sprichwort 
der erste Ministerpräsident Indiens, 
u, einmal seine Situation umrissen. 
t bestieg seine einzige Tochter den 
ken des ,Tigers" Indien in der Ab- 
t, ihn als erste Frau zu reiten: Indira 
dhi wurde als Nachfolgerin Minister- 
ident Shastris zur ersten Regie- 
schefin des 480-Millionen-Volkes der 
r und gegenwärtig einzigen Minister- 
identin der Welt gewählt. 
Am 19. November 1917 in Allahabad ge- 
boren, hatte Indira (zu deutsch: ,teurer 
Anblick") viele Eigenschaften ihrer Eltern 
geerbt: die zum Geistigen neigende Le- 
benseinstellung, eine offene und mit- 
reißende Art zu reden, Pflichtgefühl, ein 
heftiges Temperament und eine gewisse 
Reserviertheit. 
Die 12jährige organisierte eine Kinder- 
Bewegung zur Unterstützung des ge- 
waltlosen Ungehorsams und gründete 
die sogenannte ,Affen-Brigade", eine 
Kindergruppe, die Botengänge ausführte 
und bei Parteiversammlungen des Kon- 
gresses als Chor mitwirkte. 
Von ihrem Vater sah lndira In ihrer Kind- 
heit und Jugend wenig. Er saß die meiste 
Zeit im Gefängnis. Auch lndira saß mehr- 
mals in britisch-indischen Gefängnissen. 
Als 17jährige ging sie an die Universität 
Rabindranath Tagores nach Santiniketan. 
Später schickte Nehru seine Tochter zum 
Studium in die Schweiz und nach Ox- 
ford. Im Jahre 1942 heiratet sie den 
Rechtsanwalt Feroze Gandhi, einen jun- 
gen Parsen, der mit dem Mahatma nur 
zufällig den Namen gemeinsam hatte. Die 
beiden Söhne des Ehepaares, Rajiv und 
Sanjay, sind heute 21 und 19 Jahre alt 
und studieren in Großbritannien. 
Während ihrer Ehe widmete sich Indira 
Gandhi vorwiegend sozialer Arbeit und 
überließ die politische Tätigkeit ihrem 
Mann, der Parlamentsabgeordneter der 
Kongreßpartei war. Erst nach dem Tode 
Feroze Gandhis im Jahre 1960 kehrte sie 
endgültig in die Politik zurück. Schon 
1959 war sie zur Vorsitzenden der Kon- 
greßpartei gewählt worden, der sie seit 
ihrem 21. Lebensjahr angehört. Es war 
eine Verlegenheitslösung, von der Nehru 
selbst nicht begeistert war. Öffentlich 
erklärte er, die Präsidentschaft seiner 
Tochter sei ~kein gutes Beispiel" für 
Indien. Nehru hatte keineswegs etwas 
gegen die politische Tätigkeit seiner 
eigenwilligen Tochter, aber: der Vater 
Indira Gandhi 
Foto: Keystone 
als Regierungschef, die Tochter als 
sitzende der Regierungspartei - 
schien ihm ein ungünstiges politis 
Verhältnis zu sein. Zehn Monate s 
trat Indira Gandhi ohne Aufsehen 
Parteivorsitz zurück. 
~Woher rühren die Einwände gegen, 
Familie Nehru?" hat ein Bekannter 
mal Jawaharlal Nehru gefragt. Na 
denklich antwortete Nehru: ,Wir 
hören nicht so ganz dazu." Der 1f 
Nehru war auch für Indira Gandhi 1 
immer ein Vorteil. Die Abneigung go 
eine ,Nehru-Dynastie" war einer 
Gründe, warum sie nach dem Tode 
Vaters als Bewerberin um die Nachi 
aus dem Rennen bald zugunsten S 
stris ausschied. Sie wurde Informat 
minister in seinem Kabinett. 
Indira Gandhi hat mit ihrer Wahl 
Ministerpräsidenten Indiens die 
leicht mächtigste Position errungei 
der je eine politische Frau ausertý 
wurde, denn noch nie hat eine Frai 
größeres und vielleicht mächtigeres 
,regiert als sie. 
Widerstand / Armut in Sardinien 
~Widerstand gegen die Staatsgewalt", 
Fischer-Bücherei, Band 669 
E in bemerkenswertes Taschenbuch 
stellte Fritz Bauer, Generalstaats- 
anwalt und Nonkonformist, zusammen. 
Die Auswahl seiner Texte über den 
Widerstand reicht vom Alten Testament 
zur Antike, ins Mittelalter bis in unsere 
Gegenwart. Während das angelsächsi- 
sche Widerstandsdenken stets sehr aus- 
geprägt war, wie einst auch bei den Ger- 
manen, wird es in Deutschland eigentlich 
erst im ~Sachsenspiegel" ausführlich 
definiert. Luthers Wirken als Reformator 
begann als eindeutiger Widerstand gegen 
Rom. Doch die zweite Kirche verlor nach 
ihm sehr rasch den Elan ihres Gründers, 
obwohl der Gehorsam des Christen gegen 
die Obrigkeit kein absoluter sein sollte, 
denn der Gläubige sollte und soll noch 
Gott mehr gehorchen als den Menschen. 
Durch Kant und Hegel trat in Deutsch- 
land eine weitere Stagnation im Wider- 
Standsdenken ein. Kants Ethik war von 
der Bereitschaft zur Unterordnung ge- 
prägt: ,Das Volk hat nichts zu tun als zu 
gehorchen." Den zu Unrecht als tiefsten 
Denker seiner Zeit angesehenen Philo- 
sophen aus Königsberg nannteTroeltsch 
auf Grund seiner Schriften ,ganz beson- 
ders diplomatisch und übervorsichtig". 
Er war - um ein Schlagwort von heute zu 
gebrauchen - ein schäbiger Konformist! 
Der elende preußische Untertanengeist, 
der bis zum 8. Mai 1945 Deutschland be- 
herrschte, geht mit auf sein Schuldkonto 
zurück. Der Über-Preuße Treitschke war 
noch schlimmer als Kant: ,Der Einzelne 
soll ein Glied seines Staates sein und die 
Irrtümer des Staates auf sich nehmen. 
Von dem Recht des Widerstandes der 
Untertanen gegen eine Obrigkeit, die nach 
ihrer Meinung unsittlich ist, kann gar 
keine Rede sein." Hier begann bereits der 
Weg nach Auschwitz. 
Im schroffen Gegensatz zu den deutschen 
verbeamteten Philosophen standen un- 
sere Dichter, Schiller mit seinen ,Räu- 
bern", Kleist mit dem ~Michael Kohl- 
haas" und Hölderlin im ,Hyperion": <Das 
hat den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn 
der Mensch zu seinem Himmel machte." 
Heine, Herwegh und Büchner setzten 
dann noch stärkere Akzente, die dann 
Marx und Lassalle zum politischen Pro- 
gramm erhoben. Für den Widerstand im 
19. Jahrhundert steht Jakob Grimms Epi- 
stel über die Widerstandspflicht von 1838, 
nach dem Verfassungsbruch des Königs 
von Hannover. Die jüngste deutsche 
Gegenwart bietet viele Beispiele des 
Widerstands. Bauer konnte nur an einige 
Tatbestände erinnern, an den Aufruf des 
ADG zum Kapp-Putsch, an Ossietzkys 
Verteidigungsrede im Weltbühnenpro- 
zeß. Der mutigen Reichstagsrede von 
Otto Weis vom März 1933 folgt schließlich 
der Einleitungstext des Bundesentschä- 
digungsgesetzes. Fritz Bauer hat es sich 
nicht nehmen lassen, auch auf eine er- 
folgreiche Widerstandskampagne in der 
Bundesrepublik hinzuweisen, nämlich die 
Protestaktion an der Göttinger Universi- 
tät 1955, die einem angebräunten Kultus- 
minister der FDP nach wenigen Tagen 
das Amt kostete. 
Paride Rombi ,Sardische Ernte", Roman, 
Claassen-Verlag, Hamburg 
P aride Rombi, Richter in Rom, be- 
schreibt seine Heimat Sardinien, die 
Landschaft, die Menschen. Es ist die ein- 
fache Geschichte eines armen Pächters, 
der ausgedörrten Ländereien mit eiser- 
nem Fleiß eine gute Ernte abringt, die ihm 
und seiner Familie eine goldene Zukunft 
verspricht. Doch ein Tag zerstört alles. 
Rombi schildert gleichzeitig den Traum 
eines jungen Mädchens, Pasqua, Toch- 
ter des Pächters. Sie begegnet dem Sohn 
des Grundbesitzers, der so ungewohnte 
Dinge spricht, der so anders ist. Das ist 
eine ebenso einfache Geschichte. 
Für das naive Dorfmädchen wird diese 
Begegnung. zum Verhängnis, für den 
jungen Herrn bleibt sie eine Episode, die 
vielleicht einmal viele Jahre später in 
schlechten Träumen wieder lebendig 
wird, mehr nicht. Es ist die traurige 
Geschichte einer Liebesbegegnung, die 
für den einen Liebe und für den anderen 
nur Leidenschaft bedeutet. Seine Küsse 
sind für Pasqua Brandmale, an d 
Rombi sie verbrennen läßt. Das ein 
was ihr das verwöhnte Herrensöhn 
bieten kann, als sie ein Kind erwarte 
das Honorar für die Abtreibung. 
Mädchen lehnt diesen Vorschlag ab 
beschließt, ins Wasser zu gehen. [ 
ihr mißgestalteter Bruder Momos, 
mehr von ihrem Kummer ahnt als 
kommt ihr mit seiner Rache zuvor. L 
seinen Schüssen stirbt aber nicht der 
führer, sondern der eigene Vater, 
Bruder wird zum Krüppel, und die Sc 
ster verliert ihr Augenlicht. 
Die schlichte Fabel dieses Romans 
von Paride Rombi auf sehr poetische 
hutsame Weise in den Lauf der Jal 
zeiten verwoben. Archaische Leb 
formen, zurückgebliebene soziale 
hältnisse werden dichterisch ert 
Jedes Kapitel entspricht einer PhasE 
Wachstums, vom Pflügen bis zur 1 
und alles, was Menschen im Guten 
Bösen geschehen kann, spielt sich ai 
einer undurchdringlichen Natur. R( 
schuf einen realistischen und zugl 
überaus kunstvollen Roman über eint 
Menschen, deren Schicksal die Ab 
gigkeit von anderen ist. Der Verfa 
dessen Sympathien auf seiten der Ar 
sind, spricht am Ende davon, daß u 
Leben kein Geschenk Gottes ist, vielr 
ein unlösbares Rätsel darstellt. 
Horst Hartmann 


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