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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Schneider, Dieter
Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,   pp. 8-9


Page 9

uterbewegung 
häft ul 
ch no Frage <Warum führt das Vorgehen gegen die Sozialdemokratie
zu keinem 
ign?." beantwortete der bürgerliche ,,Kladderadatsch" mit
dieser Karikatur 
Deutschen Arbeiterschaftsverbandes,der 
Gewerkschaften  der  Lassalleaner. 
Schweitzer, der eigentlich nur deshalb 
Gewerkschaften gründete, weil er die 
ökonomische Organisation der Arbeiter- 
schaft nicht völlig in die Hände der Kon- 
kurrenz geraten lassen wollte, hielt außer- 
dem die überall ausbrechenden Streiks 
einer rechtlosen Arbeiterschaft für von 
vornherein sinnlos. Er glaubte als Gefan- 
gener von Lassalles Irrtümern, daß sie 
kein geeignetes Mittel seien, ihre Lage zu 
verbessern. 
Die Mitglieder freilich verstanden das 
kaum. Sie sahen nicht ein, daß sie neben 
dem Kampf um eine bessere Gesell- 
schaftsordnung, zu der das allgemeine, 
gleiche, direkte und geheime Wahlrecht 
verhelfen sollte, nicht auch Lohnforde- 
rungen stellen und ihre Lebensbedingun- 
gen schrittweise verbessern sollten. Eine 
Scheibe Brot mehr bedeutete damals un- 
endlich viel. Immerhin endete mancher 
Arbeitskampf mit Lohnerhöhungen oder 
gar einer Verkürzung der überlangen 
Arbeitszeit. 
Bebel gab seinen Leipziger Handwerks- 
betrieb bald auf. Parteiangelegenheiten, 
Verhaftungen, Gefängnisaufenthalte und 
vor allem parlamentarische Aufgaben, 
zunächst im Norddeutschen und ab 1871 
im Deutschen Reichstag, hatten ihn ohne- 
hin den größten Teil der Zeit von der 
Werkbank ferngehalten. 
Er, der große Volkstribun, dem selbst die 
unversöhnlichsten Gegner mucksmäus- 
chenstill zuhörten, war eigentlich immer 
von schwächlicher Gesundheit. Sein 
Arzt behauptete, daß ihm die Festungs- 
und Gefängnisaufenthalte das Leben 
retteten. In Festungen ging es im ver- 
gangenen Jahrhundert beschaulich zu. 
Zudem warer in Hubertusburg zwei Jahre 
lang zusammen mit Liebknecht einge- 
sperrt. Er konnte neue Kräfte sammeln, 
geistige und körperliche. 
Beachtlich ist die Reihe der Zeitschriften- 
aufsätze und Bücher, die Bebel neben 
seinen  kräftezehrenden  Belastungen 
schrieb. Von seinem bekanntesten Werk 
,Die Frau und der Sozialismus" erschien 
bereits 1909 die 50. Auflage. Etwa um 
diese Zeit begann er auch die Nieder- 
schrift seiner Erinnerungen ,Aus mei- 
nem Leben". Das Erscheinen von zwei 
Bänden konnte er noch selbst erleben, 
den dritten gab nach seinem Tode Karl 
Kautsky heraus. 
Gegen Kriegskredite 
Zu den Ruhmesblättern deutscher Ge- 
schichte gehört Bebels Haltung im 
Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Er 
und Wilhelm Liebknecht enthielten sich 
am 21. Juli 1870 im  Norddeutschen 
Reichstag bei der Abstimmung über die 
Kriegskredite zunächst der Stimme. Am 
11. September des gleichen Jahres wand- 
te sich die sozialdemokratische Partei- 
führung in einem Aufruf an die Partei- 
genossen gegen die Fortsetzung des 
Krieges gegen das inzwischen republika- 
nische Frankreich und vor allem gegen die 
Annektion Elsaß-Lothringens. Am 26.No- 
vember schließlich benutzte Bebel die 
Tribüne des Norddeutschen Reichstages, 
um den Eroberungskrieg anzuprangern. 
Alle Sozialdemokraten verweigerten nun 
die Mittel für die Weiterführung des 
Krieges. 
Zu einer Zeit, in der Franzosenhaß hier- 
zulande groß in Mode war, verfochten die 
beiden Freunde trotz des sie umgeben- 
den nationalistischen Geheuls uner- 
schütterlich den Gedanken der deutsch- 
französischen Freundschaft. Den Vor- 
stand der Eisenacher mit Wilhelm Bracke 
an der Spitze ließ General Vogel von 
Falckenstein zur Strafevon Braunschweig 
aus in Ketten quer durch Deutschland 
nach Lötzen schleppen. 
Innerhalb der Sozialdemokratischen Par- 
tei war Bebel immer auf die Wahrung der 
innerparteilichen Demokratie bedacht. 
Wie er sich Auseinandersetzungen vor- 
stellte, geht aus seinen Lebenserinnerun- 
gen hervor: .. Meinungskämpfe sind in 
der Sozialdemokratie vorgekommen, so- 
lange sie besteht, und sie werden bleiben, 
solange die Partei lebt, dabei allerdings 
nach den Umständen ihren Charakter 
ändern. Sollen aber solche Meinungs- 
kämpfe innerhalb einer Partei zu ihrem 
Nutzen verlaufen, so ist die erste Bedin- 
gung eine freie Aussprache der Meinun- 
gen, die einen Ausgleich der gegensätz- 
lichen  Auffassungen  herbeiführen 
kann ... 
Marxismus als wissenschaftliche 
Methode 
Im Marxismus hat Bebel nie eine endgül- 
tige Wahrheit letzter Instanz gesehen. 
Er wußte und war überzeugt davon, daß 
der Marxismus eine derartige Wahrheit 
nicht kennt, daß er - wie Mehring in sei- 
ner <Geschichte der deutschen Sozial- 
demokratie" schreibt - ~kein unfehlbares 
Dogma, sondern eine wissenschaftliche 
Methode" ist. 
Stets aber war sich Bebel der werbenden 
Kraft der Grundgedanken von Marx und 
Engels bewußt. Den Widerspruch zwi- 
schen den tagespolitischen Notwendig- 
keiten auf der einen und der Hoffnung auf 
den sozialistischen Zukunftsstaat auf der 
anderen Seite vermochte er freilich nicht 
zu überbrücken. Das war zuviel verlangt 
in einer Zeit, in der die Partei von Wahl- 
erfolg zu Wahlerfolg eilte und der Sieg 
nichts anderes sein konnte als eine ,pure 
Wahrscheinlichkeitsrechnung nach ma- 
thematischen Gesetzen". 
Bebels Tod bedeutete einen tiefen Ein- 
schnitt. Die deutsche Arbeiterbewegung 
verlor am 13. August 1913 mehr als ihren 
Führer. An die Stelle des Volkstribunen 
traten fast nur noch Beamte. 


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