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The History Collection

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Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Bihaly, Mira
Ein Tagebuch in Bildern,   p. 5


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done Bilder wir auf dieser Seite vor- 
sellen, wäre heute vielleicht eine be- 
khnnte Malerin. Wir wissen es nicht. 1917 
v«urde sie in Berlin geboren. Hier be- 
sachte sie bis 1933 das Lyzeum, später 
noch einige Jahre die Hochschule für 
bildende Künste. Nach dem Pogrom 
gegen die Juden in Deutschland im No- 
vamber 1938 schickten ihre besorgten 
;Itern sie nach Südfrankreich zu den 
;roßeltern, die schon bald nach Hitlers 
rIachtergreifung emigriert waren. Die 
-alomons haben ihre Tochter nie wieder- 
gesehen. Während sie selbst Krieg und 
'erfolgung im holländischen Versteck 
berlebten, wurde Charlotte 1943 von der 
,estapo gefangen und nach Auschwitz 
eportiert. Sie war 26 Jahre alt, als sie in 
,ie Gaskammer ging. 
4ach dem Kriege fand man in dem Haus, 
,vo sie zuletzt Zuflucht gefunden hatte, 
ieben zahlreichen Landschaftsbildern 
und Porträts einen autobiografischen 
Zyklus von über 1000 Temperablättern, 
auf denen die junge Malerin aus der Er- 
innerung ihr kurzes Leben festgehalten 
hat, vom Kindertage im Elternhaus, über 
Schulerlebnisse, eine scheue erste Liebe, 
die wachsende Bedrohung durch die 
Nazis, ihre Flucht aus Deutschland und 
die Zeit im Exil bis zur Verhaftung. 
Der Versuch, sich angesichts der dro- 
henden Gegenwart mit der eigenen Ver- 
gangenheit auseinanderzusetzen, von 
der Charlotte mit großer Aufrichtigkeit 
berichtet, führt zu einem Stil expressiver 
Vereinfachung. Ihre Bilder haben die 
naive Direktheit und Poesie der Kinder- 
zeichnung und sind doch gleichzeitig 
von großer Feinheit der Farbgebung. 
Eine Auswahl der schönsten Bilder zeigt 
eine Ausstellung ~Charlotte Salomon - 
Ein Tagebuch in Bildern 1917-1943". (Ein 
farbiger Bildband gleichen Titels er- 
schien bei Rowohlt.) Gerhard Schoen- 
berner, bekannt durch seine Bücher 
über die NS-Judenverfolgung (~Der 
gelbe Stern"; <Wir haben es gesehen"), 
hat sie arrangiert und nach Deutschland 
gebracht, sagt: ~Ich glaube, die see- 
lische Intensität und künstlerische Kraft, 
mit der hier ein junges Mädchen von den 
kleinen Freuden und großen Ängsten 
seines kurzen Erdendaseins und seiner 
heißen, vergeblichen Liebe zum Leben 
berichtet, muß jeden anrühren und nach- 
denklich machen. 
In einem Zeitalter, das uns an den Mas- 
senmord als Alltagserscheinung ge- 
wöhnt hat, erinnern uns ihre Bilder wie- 
der an die Kostbarkeit und Einmaligkeit 
jedes einzelnen Menschenlebens. Diese 
Lektion Ist nicht neu, aber sie bleibt wei- 
ter aktuell." 
Die Ausstellung wurde bisher mit gro- 
ßem Erfolg in Berlin, Frankfurt, Baden- 
Baden, Essen und - während der dies- 
jährigen Woche der Brüderlichkeit - in 
Bonn gezeigt. Im April ist sie in Mann- 
heim zu sehen, danach in Hamburg. Es 
wäre zu wünschen, daß noch weitere 
Städte sich anschließen. Eine Initiative 
der Jugend bei den Stadtvätern könnte 
da viel ausrichten. 
Mira Bihaly 
A. 
in Tagebuch 
n Bildern 
harfotte Saomoin g inge Schlcksalsgefähtln Anne Franks 
1 
Cbd t   Salom o 
Selbstbildnis (1M) 
*Imon, deren vor 25 Jahren entstan- 


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