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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 7 (July 15, 1962)

Gebert, Li
Niese glücklich, Victoria,   p. 23


Page 23

drei Betten für seine Gäste. Wer besser woh- 
Ich  nen wollte, quartierte sich schräg vis-ä-vis ein, 
denn dort steht ein gutes Hotel, weitläufig mit 
e    geräumigen Zimmern rund um den Garten. Die 
ere Straßen laufen gerade mit soitdem, altern Pfla- 
ster. Manchmal steht an der Straßenkreuzung 
ein Brunnen. Verschmitzt grinst uns das stei- 
neme Geeicht zu, als wüßte es, daß aus seinem 
Mund längst kein Wasser mehr fließt. In der 
er-  nächsten Straße liegt das lHes des Dichters. 
In   Ein Akanthus blüht dort wo ein Mann seine 
en  Verse schrieb. Nicht weit davon Ist eine Bäcke- 
ne,  rel Aber die Backstuben sind verlassen, und 
nur die Sonne wlrmt die Backöfen. 
wn   Alles gibt es in der Stadt, den Arzt, den 
ite     Weber, den Färber und den Schuster. Selbst 
die Zauberin hat ihr Haus, wo die Pompeianer 
sich magische Hilfe, Orakeisprüche und Ue- 
bespillen beschafften und dafür Hühner und 
Zicklein den Göttern opferten. Ja, alles gibt es 
an  in der gespenstischen Stadt; Theater und 
en   Tempel, Wäschereien und Bäder - sogar Ver- 
h-   kehrssperren fehlen nicht. Travertinblöcke, 
2000 Jahre vor uns In das Pflaster gerammt, 
sperren den Zugang für Wegen zum Forum. 
Aber nicht nur Verkehrasperren und Brunnen 
er   machen Pompeil zur modernen Stadt. Treten 
m    wir als ungebetene Gäste in die Häuser, Über- 
rascht uns eine gewisse modische Einförmig- 
in   keilt. berall sieht es verblüffend ähnlich aus. 
41t  Ocker und Kirschrot an den Wänden gehörten 
7e   zur Standardeleganz. ,Ladies and gentlemen, 
beachten Sie das pompejanische Rot an der 
Wand -hier sehen Sie Venus und ....". 
~Komm, Hans-Petert Wir haben genug von 
e    diesen abscheulichen Bilder an de Wand 
gesehen." 
Die Herde mit ihrem Hirten ist weitergetrieben. 
Eine Eidechse huscht über die Straße ins brök- 
kelnde Gestein. War es hier, wo einer an die 
Mauer kritzelte: ,Figulus ist in Idai verliebt"? 
Vielleicht war es dies und vielleicht etwas an- 
deres. Die Pompejaner betrieben das Kritzeln 
mit solcher Leidenschaft, daß keine Mauer vor 
ihnen sicher war. Viele der Inschriften an der 
Wand muten an wie Postkartengrüße, viele sind 
Liebesbotschaften wie diese: ,,Cornela He- 
lena wird von Rufus geliebt". Wenn einer 
schreibt: ,Modestus war hier mit Albana", 
denkt man an die eingeritzten Herzen aVf Ruhe- 
bänken, wo Liebende ihre Namen vereinigten. 
Aber auch die traurigen Worte des Abschieds 
wurden der Mauer anvertraut. ,Leb wohl, meine 
Savaundbewahremir immerdeineLebe", Leb 
wohl und niese glücklich, Victoria, wo immer 
du bist". 79 brach der Vesuv aus und begrub 
die Stadt unter Lava und Asche. War Vlctoria 
vorher zurückgekehrt oder nieste sie unbe- 
schadet In Rom? 
UL Gbert 


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