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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 12 (December 15, 1962)

Schallück, Paul
Prager Etüden,   pp. 16-17


Page 17

1344 die erste Universltät des alten Deutschen Reiches. Prag 
ist alter, fruchtbarer europäischer Boden. 
TrBbes Kapitel 
Der jüdische Friedhof. Wir gingen an einer Backsteinmauer 
entlang, die mit Teufelfratzen und Hakenkreuzen beschmiert 
war, und fanden den Eingang. Die alte Synagoge ist heute ein 
Museum: kultische Gegenstände aus Gold und Silber, zer- 
franste Fahnen, zerblätterte Handschriften in Hebräisch, 
Deutsch und Tschechisch; historische Urkunden, Sendschrei- 
ben, Privilegien in lateinischer Sprache; riesige Fotos, aufge- 
stellt wie Kulissen, Bilder von dunklen Gassen, schiefen H&u- 
sern, bärtigen Männern, Erinnerungen an die jüdische Altstadt,
die vor dem ersten Weltkrieg abgerissen wurde. Wir konnten 
nicht erfahren, wie viele Juden heute in Prag leben. Sie werden 
nicht registriert, sagte die weißhaarige Wächterin an der Tür,
nicht offiziell, sagte, sie, Relgionsunterschiede zählen nicht, 
tausend vielleicht oder zweltausend, wir wissen es nicht, viele 
kommen nicht in die Synagoge, viele gehören nicht mehr zur 
Gemeinde, sagte sie. Weil sie sich assimiliert haben, aus Angst, 
weil sie keine Juden mehr sein wollen, weil sie keine Juden 
mehr sein dürfen? Wir stellten diese Fragen nicht. 
Wir gingen auf den Friedhof, der aussieht wie nach einer bar- 
barischen Zerstörung: Steine über- und nebeneinander, halb 
versunken, abgeblättert auseinandergebrochen, verfallen, 
fünf, sechs Steine auf einem Grab. Wir ließen uns belehren, 
daß den Juden in Prag nur dieses kleine Quadrat als Begräb- 
nisplatz zugestanden war. So waren sie gezwungen, ihre Toten 
übereinander zu bestatten. So setzten sie die Grabsteine 
neben- und übereinander. So entstand das wüste Bild. Die 
zweite Synagoge dieses jüdischen Gevierts wurde nach dem 
letzten Krieg verwandelt in eine Gedenkstätte. Vor- und Neben- 
gelasse und der Hauptraum sind leer. Die Wände aber sind in 
fünfjähriger Kleinarbeit beschriftet worden mit den Namen der 
jüdischen Opfer, die der Nationalsozialismus in Prag gefordert 
hat, rot und weiß, abwechselnd. Geburtsdatum und -ort, ver- 
mutlicher Sterbetag und -ort, achtzigtausend Namen, und da- 
neben die Namen deutscher, polnischer, österreichischer, 
tschechischer,französischer, hollänischer Städte. Es war still
und kalt in der leeren Gedenksynagoge an diesem sommer- 
lichen Nachmittag, im Haus der Namen. 
Am Abend saßen wir in der Barbara-Bar. Gedämpftes Kerzen- 
licht, gedämpfte Gelgenmusik, beim Tokaer. Wir sprachen 
Deutsch, wie immer. Der Geiger, ein weißhaariger, kurzge- 
schorener, scharizügiger Mann, spielte ein rheinlsches Lied. 
So schätzte er uns ein. Es schien nicht einmal deplaciert an der 
Moldau. Aber wir hörten nicht hin. Wir sprachen über den jü-
dischen Friedhof, über die Symbole auf den Grabplatten: der 
bedeuten. Er ist gut gekleidet und genährL Nur eine einzige 
Schlange sahen wir, vor einem Metzgeriaden. Wenn das ein 
Zeichen ist, dürften genügend Waren vorhanden sein, um die 
Bedürfnisse zu stillen. Wer weiß aber, ob die Bedürfnisse
so 
maßlos sind wie bei uns? Von der Eleganz der Prager Frauen- 
mode hatten wir gehört. Wir fanden sie nicht. Schuhen und 
Kleidern fehlt der modische Mut, der Pfiff, die individuelle 
Hand. Farben und Formen wie bei uns kurz nach der Wäh- 
rungsreform, also ein wenig ärmlich. Vielleicht ist die Sehnaucht 
der Prager auf anderes gerichtet, vielleicht sind die Bedürfnisse 
anderer Art? Vielleicht gibt es andere denn materielle Ziele? 
Am andern Morgen kommen wir wieder an dem Orangen- 
Kiosk vorbei. Er ist geschlossen. Plan erfüllt, sagt meine Frau. 
Die Altstadt ist eng, winkelig, regellos, dunkel-feuchte Gassen, 
Toreinfahrten, Hinterhöfe: ein gotisches Bild. So planlos ge- 
baut, daß keine'Autos fahren können, so schmal die Bahnen, 
so holprig  d' Pflaster, so eckig die Kurven, so niedrig die 
Durchfahrten. Ein Glück für den alten Kern der Moldaustadt, 
in dem ein Jahrhundert ins andere gebaut hat, in dem viele 
Kirchen und Kapellen träumen, mag im Gewölbezimmer neben- 
an der Fernsehapparat flimmern. Auch auf der Kleinselte, un- 
terhalb des Hredschin, fahren keine Autos. Aber da stehen 
mächtige Bäume, wachsen zwischen sauberen Häusern Sträu-
cher und Blumen, öffnen sich Gassen zu immer neuen Plätzen 
mit kleinen Palästen, Idyllischen Winkeln. Auf der Kleinseite 
wohnten ehedem die Reichen. Heute haben sich in den Palä- 
sten Ministerien und Botschaften niedergelassen. Wer sonst 
im volksdemokratechen Staat könnte sie heizen, renovieren, 
Instandhalten? Auch ein paar Intellektuelle wohnen dort, Film- 
schauspieler, Regisseure, Musiker, Maler, in kleineren Palä- 
sten, in beneidenswerter Stille. Liebespaare treffen sich auf der 
Kampa, der grünen Insel zwischen Teufelsbach und Moldau. 
Dort stört sie kein Lautsprecher und keine Touristik. 
tion, wie der Blick auf die Goldene Stadt in der Mulde des FIus- 
ses, oder der Blick hinab ins Palais Wallensteins, in den Für- 
stenberggarten, auf die Niklaskirche, auf die sieben Brücken 
der Moldau, oder der Blick über blühende Gärten und Ziegel-
dächer hinweg zu den rauchenden Fabriken von Strasnice. 
Einen ganzen Vormittag haben wir bei Kaffee, Wodka und Zi- 
garetten mit drei charmanten Damen diskutiert, die - lediglich 
für die gegenwärtige Literatur des Auslandes - eine Zeitschrift
von rund 250 Seiten herausgeben, alle zwei Monate, mit Texten 
und Fotos, Graphiken, Berichten und Kritiken. Ober die Quali- 
tät der mährischen Weine unterhielten wir uns mit dem Chef- 
redakteur einer nlchtkommunistischen Tageszeitung, die von 
200000 Abonnenten und Kleinanzeigen lebt, auf die Inserate 
der Wirtschaft aber verzichten muß. Einen ganzen Tag lang 
haben wir ohne Pause mlt einem VeragsleIter und seinen Assi- 
stenten, mit der Sekretärin und Bekannten diskutiert über Krieg
und Israel, Westdeutschland und die Heimatvertriebenen, vor 
denen sie Angst haben, über Warschau und Jazz, monochro- 
me Malerei und Kabarett, über das Prager Theater und die In- 
ternationalität seiner Bühnenbilder, über die Aufführung
eines 
Stückes von Dürrenmatt und immer wieder über Literatur und
Bücher. In Prag sind Bücher um zwei Drittel billiger als bei uns.
Der Lesehunger ist nicht zu stillen. Warum nicht, fragten wir. 
Export, sagten sie. Export ist ein Zauberwort mit realem Kern. 
Die böhmischen Wälder sind reich an Holz, aber Holz wird aus- 
geführt, und für die heimische Papierproduktion bleibt nicht 
genügend übrig. Die Autoproduktion steigt von Jahr zu Jahr, 
aber Autos werden ausgeführt, und für den eigenen Bedar 
gibt es Wartellsten. Export, um Devisen zu bekommen. Und 
Devisen sind lebenswichtig. 
Devisen - Devisen 
Touristen ziehen hinauf zum Hradschin. Auch wir waren Tou- 
risten und wurden hinaufgefahren durch die Nerudastraße zur 
Kaiserlichen Hofburg, zu den Palästen des Adels, zum SL- 
Veits-Dom, der 344 unter Karl IV., nach einem Plan des Bau- 
meisters Matthias von Arrs begonnen wurde. Wir standen 
vor dem silbernen Grabmel des heiligen Nepomuk, der alle 
Brücken des Landes bewacht, vor dem Reliquienschrein des 
heiligen Wenzel; wir umschrltten das fünfschiffIge Chor Peter 
Parlers; wir sahen den leeren Schrein, in dem die Insignien der 
böhmischen Könige aufbewahrt wurden, und stiegen hinab in 
die Krypta. Und in den Bänken des Hauptschiffs saßen Afrika- 
ner in bunten Gewändern, staunten hinauf zur Rosette und 
hörten dazu Jazzmusik aus dem Transistor. Nach Weihrauch 
roch es nicht im St-Velts-Dom. Er Ist eine touristische Attrak- 
Und als der Tag der Rückreise gekommen war, vollendete sich 
die Prager Gastfreundschaft in einem Sektfrühstück, in erneu- 
ten Gesprächen von hungriger Intensität. Wir umarmten uns; 
denn wir hatten Freunde gefunden. Eskortiert von zwei jungen 
Männern wurden wir zum Babnhof geleitet, eine Viertelstunde 
vor Abfahrt des Zuges. Wir hatten unsere Koffer verstaut und 
waren auf den Bahnsteig getten, da war die ganze Mann- 
schaft wieder versammelt, mit der wir gesprochen, diskutiert, 
um Klarheit gerungen hatten, bewaffnet mit Bierkrügen. Der 
Abschied wurde wiederholt, das Zuprosten, die Umermungen, 
das Händedrücken, die guten Wünsche, die Versprechungen 
und die wenigen Brocken Tschechisch, die wir gelernt hatten. 
Und als der Zug westwärts hinasgitt aus dem Bahnhof, wur- 
den große weiße Taschentücher geschwenkt. 


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