University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 4 (April 15, 1962)

Bronska-Pampuch, Wanda
Das Klima in Polen ist anders,   pp. 16-17


Page 17

d 
h 
s 
5 
5 
dier .Aiommlier'- erscnienen nicnz nur in aer 
Bundesrepublik, sondern auch in einer Reihe\ 
anderer europAischer Länder. 
In diesem Jahr brachte Mrozek ein kurzes Stück 
unter dem Titel ,StrIp-Tease" heraus, in dem 
er zeigte, wie der Weise und Konformist glei- 
chermaßen vor der verschlossenen Tür und 
der Macht, die sie bedient,kapitulieren müssen. 
Die verschlossene TOr- die Unmöglichkeit, ihr 
Land nach eigenem Ermessen zu verlassen - 
führt alle Freiheit ad absurdum. Ist es Zufall, 
daß in Polen gerade im Jahr der Berliner Mauer 
Stücke gegen die verschlossene Tür erschei- 
nen ? Der Philosoph Kolakowski veröffentlichte 
ein Drehbuch <Austreibung aus dem Paradies", 
in dem Adam und Eva, die sich in dem als mo- 
dernes Hotel dargestellten Paradies mehr ein- 
gesperrt denn selig fühlen, erst aufatmen, als 
sie aus diesem geschlossenen Paradies ver- 
wiesen werden. 
Freiheit ist mehr wert als alle materiellen Werte, 
und Freiheit ist vor allem freie und ungehin- 
derte Kenntnisnahme von der Welt der anderen 
- auch In der Zeit der gomulkistischen Reaktion 
ist in Polen diese Wahrheit nicht vergessen 
worden. Noch ehe in Moskau der XXII. Partei- 
tag der Sowjetkommunisten die zweite große 
Entstalinislerungswelie einleitete, waren die 
polnischen Intellektuellen wieder zur Stelle. 
Man brauchte in Polen keine Stalin-Denkmäer 
zu stürzen. Die hatte es dort nie gegeben. Man 
brauchte auch keine Städte- und Straßen- 
namen umzubenennen. Der Name des Dikta- 
tors war hier schon vor fünf Jahren überall 
getilgt worden. Aber man konnte wieder gegen 
Zensur und Bevormundung durch die Partei 
vom Leder ziehen Dieses Mai waren es nicht 
die jungen Liteaten und enttäuschten Kom- 
munisten, die das besorgten, sondern die Wie- 
senschafter der ilteren Generation, namhafte 
Hochschuprofesoren, Atomphysiker, Ökono- 
misten, Im Oktober 1961 begann In der War- 
schauerWochenzeitung~ Przegied KuLturalny" 
eine Diskussion über die MeInungsfreiheit Der 
erst 1950 aus Amerika nach Polen zurückge- 
Die Fotos von Rudolf Betz zeigen Szenen aus dem Schauspiel <Die Mauer",
in dem der Kampf und Untergang der Warschauer 
Juden der Inhalt ist 
kehrte Einstein-Schüler Leopold Infeld erin- 
nerte daran, daß unter dem Stalinismus selbst 
Albert Einstein als <bürgerlicher Idealist" ab- 
gelehnt worden war, und erklärte, daß es keine 
erfolgreiche wissenschaftliche Forschung ohne 
freie, nicht von inkompetenten Partelfunktio- 
nären kontrollierte Diskussion geben könne. 
Man solle nicht nur auf dem Gebiet der mate- 
riellen Güter, sondern auch auf dem der per- 
sönlichen Freiheit mit dem Westen konkurrie- 
ren. Der Krakauer Husseri-Schüier, Prof. 
Roman Ingarden, unterstrich in dem gleichen 
,,Przegiad Kulturalny", man könne nur dann 
von einer wirklich freien Diskussion sprechen, 
wenn jeder der Partner bereit sei, sich von den 
besseren Argumenten des anderen überzeu- 
gen zu lassen und gegebenenfalls auch auf sei- 
ne Positionen überzugehen, nicht aber, wenn 
es nur eine Schelndlskussion sei, die von der 
Eitelkeit diktiert werde und nicht von dem 
Wunsch, die WahrheIt zu erkennen. 
Es fielen bei dieser öffentlichen Auseinander- 
-setzung, die von dem Kulturbiattauchaufeinige 
Tageszeitungen übergrff, viele schade Worte 
über Zensur und Beschränktheit der Kultur- 
funktionäre. Dennoch schritt die Parteiführung 
erst ein, als auch Schriftsteller versuchten, sich 
an Ihr zu beteiligen. Ein Gedicht des bekannten 
Dichters AntoniSIonimskidernach 9 einige 
Jahre Vorsitzender des polnischen Schrift- 
stelierverbandes gewesen ist, zum Thema 
<MIlnungsfreheit" durfte nicht erscheinen, 
und In der Redaktion der Zeitung .Nowea Kut- 
tura" fand wieder einmal eine Säuberung statt, 
weil sie sich allzusehr für ein Buch eingesetzt 
hatte, ds Gomulka mißfiel. 
Dieses Buch-<Der göttliche Jullus" von Jacek 
Bochenski - scheint sich, nicht zuletzt wieder 
dank dem Eingreifen der Parteitführung, zum 
diesjährigen polnischen Bestseller zu entwlk- 
kein. Der Autor, einer aus der Generation der 
enttäuschten dreißigjährigen Kommunisten, 
gibt anhand der Geschichte von Julius Cäsar 
gewissermaßen eine populäre Anleitung zur 
Frage <Wie werde Ich ein Gott?" Die unbe- 
kümmert frech geschriebene Satire auf den 
eben so schmerzlich durchgelittenen Perso- 
nenkut ist, ohne je eine deutliche Parallele zu 
ziehen, so brennend aktuell und entspricht so 
sehr der Sicht, aus der die Parteijugend und 
die Intelligenz Oberhaupt drüben die Dinge 
sieht, daß sie genau Ins Schwarze trifft. Viel- 
leicht Ist die Parteiführung gerade deswegen 
so ungehalten darüber. 
Ungehalten war die Partelführung auch über 
das Theaterstück von Leszek Kolakowskl, 
;Eingang und Ausgang". Es wurde Ende 
Dezember 1961 In guter Besetzung (die Haupt- 
rolle spielte einer derbesten polnischen Schau- 
spieler, der junge Wojciech Siemon) im Thea- 
ter .Athenäum" in Warschau uraufgeführt. 
Das Premlerenpublikum, zu dem alle gekom- 
men waren, die in der Künsterwelt der polni- 
schen HauptstadIt Rang und Namen haben, 
nahm es mit viel Beifall auf, und auch die näch- 
sten zwei Vorstellungen bestätigten den Er- 
folg. Mit den in seinem Uefgründig Ironischen 
Stil geschriebenen Dielogen hatte Kotkowski 
in den zwei Akten seines Stückes soviel Zelt- 
kritisches gesagt, daß dem Warchauer Partei- 
sekretär, der sich das Stück ansah, agst und 
bange wurde. Er beantragte unverzüglich die 
Einberufung des Zentraikomitees. Es trat zu- 
semmen, und das Stück, das zwar noch nir- 
gends im Druck erschienen war, aber doch die 
Vorzensur des Theaters passiert hatte, mußte 
vom Spielplan schon bald abgesetzt werden. 
Eine große Kundgebung der intellektuellen 
Jugend Warschaus, die daraufhin in dem 
politisch-literarischen Klub .Krzywe Kolo" 
(~Der krumme Kreis"), der schon im Oktober 
195 eine Rolle gespielt hatte, stattfand, nahm 
nicht nur gegen das Verbot des Kolakowski- 
Stückes, sondern auch gegen eine Reihe ande- 
rer Repressalien gegen Künstler und Uteraten 
Stellung. Der eben von der Regierung mit 
einem Orden dekorierte Direktor der Akademie 
der Wissenschaften, Professor Kotarbinski, 
forderte ~Achtung vor den Errungenschaften 
des Polnischen Oktober' und Verhinderung 
einer neuen Meinungszensur. Aus Protest 
gegen die Zensur waren schon kurz vorher die 
großen alten Schriftsteller Polens, Maria 
Dabrowska und Antont Slonimski, aus dem 
Vorstand des polnischen Schriftstellerverban- 
des ausgetreten. 
Es tut sich wieder etwas in Warschau, und es 
wird der polnischen Parteiführung wohl nicht 
viel helfen, wenn sie das mit Gewalt verhindern 
wilL Wie es den Sowjetkommunlsten nicht hilft 
daß sie seit Jahr und Tag bemüht sind, den 
polnischen Einfluß von Ihren Mitgliedern und 
von der sowjethichen Jugend fernzuhalten. Die 
aufrührerische Wirkung der polnischen Zei- 
tungen und illustrierten, der polnischen Bücher 
und Filme, der polnischen Malerei und Musik 
(Jazzband) in der Sowjetunion wird immer 
spürbarer. Schon dringt sie unaufhaltsam in 
das geistige und kulhel Leben des großen 
Nachbarn ein und wird begierig aufgesogen. 
Das polnische Klima, gefragt und gefürchtet 
ist nicht nur eine Folge der ständi zunehmen- 
den Differenzierung im kommunistischen 
Machtbereich, sondern fördert diese auch. 
1 
17 


Go up to Top of Page