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Jahrgang 15, Nr. 4 (April 15, 1962)

Baade, Fritz
Kriegsspiel mit 400000 Toten,   p. 12 and 13


Page 12 and 13

Berechnung beiseite gelassen worden, weil 
das Manöver von der Voraussetzung ausging, 
daß sie bereits zu Beginn des Angriffs in die 
Hände des Angreifers gefallen war. Die Ge- 
samtbevölkerung  dieses Gebietes beträgt 
etwa 600000 Menschen, von denen 400000, das 
heißt etwa zwei Drittel, als Opfer dieses Ein- 
satzes von Atomwaffen angesehen werden 
können. Die überlebenden 200000 würden im 
Falle einer solchen ~Verteidigung" in einer so 
schrecklichen Lage sein, daß sie die sofort 
Getöteten und sogar die bald Gestorbenen 
nur beneiden könnten: durch radioaktive Strah- 
lung in ihrer Gesundheit auf das schwerste ge- 
schädigt, ohne die Möglichkeit einer ärztlichen 
Versorgung, nach der Zerstörung praktisch 
sämtlicher Elektrizitäts- und Gaswerke des 
Gebietes von der Versorgung mit elektrischem 
Strom und Gas abgeschnitten, in vielen Fällen 
sogar auf radioaktives Wasser angewiesen, 
würde der größte Teil von ihnen unheilbarem 
Siechtum und einem qualvollen Tot entgegen- 
gewankt sein. Und dies überdies noch in 
einem Gebiet, von dem man auf Grund des 
Manöverergebnlsses unterstellen mußte, daß 
es sich nach einem nur vier Tage währenden 
Kampf in der Hand des Angreifers, also der 
Roten Armee. befindet. 
Sicherheit durch Atomwaffen? 
Diese Luftlandung funktionierte technisch 
vollkommen. Einen Tag später erfolgte in der 
Bucht von Eckernförde eine amphibische Lan- 
dung mit Landungsbooten. Wiederum einen 
Tag später hatten sich diese in der Bucht von 
Eckernförde gelandeten Angreifer mit den aus 
der Luft eingesetzten Kräften aus dem Raum 
von Gettorf vereinigt. 
Das, was jeder Einwohner Deutschlands, aber 
auch Europas, aus diesem Manöver lernen 
kann, ist eine klare Tatsache: Atomwaffen 
sind kein Instrument zur Verteidigung der Be- 
völkerung in diesem Teil der Welt. Mit Atom- 
waffen, gleichgültig, ob es die des Verteidigers 
oder die des Angreifers sind, können sie nur 
umgebracht, aber nicht geschützt werden. 
genommen wurden, ein Teil davon durch den 
Angreifer, ein anderer durch den Verteidiger. 
Die Städte Kiel, Neumünster, Bad Segeberg 
und Rendsburg waren bereits am ersten bzw. 
am zweiten Manövertag durch Atomwaffen in 
radioaktive Aschenhaufen verwandelt worden, 
ihre Bevölkerung mußte als überwiegend um- 
gebracht gelten. Die radioaktive Verseuchung 
dieser Städte wurde als so hoch angenom- 
men, daß sie weder von den Truppen des An- 
greifers noch von denen des Verteidigers mehr 
betreten werden konnten. 
wuroe sein, ie Ostsee durch die Besetzung 
ihres Ausgangs vollständig zu einem roten 
Binnenmeer zu machen. 
Der Vorstoß der ,Orange"-Kräfte ging vom 
Raum Lübeck aus. Als Ostgrenze des zu ver- 
teidigenden Gebietes war hier nicht die Zonen 
grenze, sondern die Autobahn Lübeck-Ham- 
burg angesehen worden, da man aus guten 
Gründen das Manöver nicht schon an der etwa 
fünfzig Kilometer weiter ostwärts liegenden 
Zonengrenze durchführen wollte. Die Ver- 
teidigung hatte die Aufgabe, dieses Ziel zu 
Der Angriff begann in den Morgenstunden des 
22. September mit dem Versuch, die als Kanal 
gedachte Autobahn zu überschreiten. Nach 
zwei bis drei Stunden war diese Grenze über- 
schritten und die Verteidigung auf hinhaltende 
Gefechte im Raum zwischen der Autobahn 
Lübeck-Hamburg   und  dem   Nordostsee- 
kanal reduziert. 
Am zweiten Tag des gedachten Angriffs wur- 
den  Luftlandetruppen  des Angreifers in 
Stärke von etwa 1200 Mann südlich von Eckern- 
förde in der Gegend von Gettorf abgeworfen. 
für einen Vormarsch zum Ostsee-Eingang. 
Man kann darüber philosophieren, ob im Ernst- 
fall ein solches Ziel in vier Stunden oder in 
vier Tagen erreicht werden dürfte. Das Furcht- 
barste aber ist die Tatsache, daß selbst das 
Hinauszögern der Eroberung des südlichen 
Teiles von Schleswig-Holstein nur durch eine 
unvorstellbar schreckliche  Maßnahme er- 
reicht werden konnte: durch den Einsatz von 
Atomwaffen. Es wurde unterstellt, daß in die- 
sen insgesamt vier Manövertagen sechzehn 
Atombombenabwürfe oder -abschüsse vor- 
Wie sähe es im Ernstfall aus? 
Was sich im Ernstfall abgespielt haben würde, 
ist so grausig, daß man es sich kaum vor- 
stellen kann. Die 400000 Toten, welche man 
eingestandenermaßen als das Opfer dieses 
Einsatzes von Atomwaffen unterstellt, wären 
ja nicht alle in der ersten Minute tot gewesen. 
Die sofort Getöteten wären die glücklichsten 
unter den Opfern gewesen. Viel schlimmer 
radioaktiven Verseuchung gestorben wären. 
Genau das gleiche würde der Bevölkerung von 
Schleswig-Holstein dann blühen, wenn hier 
Atomwaffen eingesetzt würden. In den ge- 
nannten vier Städten befinden sich fast alle 
Krankenhäuser des Gesamtraumes zwischen 
dem   Nordostseekanal und  der Lübeck- 
Hamburger Autobahn. Von den Ärzten des 
Gebietes lebt der größte Teil in den genannten 
vier Städten. Die Stadt Lübeck ist bei dieser 
Deutschlands und darüber hinaus aus einem 
möglichst großen östlich und westlich an- 
grenzenden Gebiet. Und diese Entfernung aller 
Atomwaffen aus diesem Gebiet darf nur der 
Anfang einer allgemeinen Entspannung sein. 
(Die Manöver fanden vor zwei Jahren statt.) 
Professor Fritz Baade ist Mitglied des 
Bundestages und Leiter des Weitwirt- 
schafts-Archivs in Kiel 


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