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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 14, Nr. 7 (July 15, 1961)

Ott, Günther
Bildende Kunst bei den Ruhrfestspielen 1961,   pp. 16-17


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Johann Liss, geboren Ende des 11 Jahrhundes.          H            i t-tM
   Die Lemamde" 
SBaauehochzei   t9 (Detail) 
Vom Menschen zum Tier. Wir erleben, wie Ewald Matarös 
~Liegende Kuh" die verkörperte Ruhe, die Klarheit, ja auch die
harmonische Schönheit Ist - und daneben im <Vogel" des 
Amterdamers Wessel Couzljn eine unerhörte Dynamik. 
Könnte man dabei noch behaupten, daß das Thema den Künst-
lern den Stil diktiert, so sehen wir bei den Architekturbildemt 
wie Arkaden und Säulen, Fenster und Böden, diese verwand- 
ten Bauelemente, verschieden dargestellt wurden; Beispiele 
hierfür: der Italiener des 18.Jahrhunderts Glövanni Battista 
Plranos (<Römischer Kerker") und der Holnder Pieter Seen- 
draam (~Inneres der Kirche zu Alkmaar"). Ähnliches gilt 
schließlich für die Landschaften. Man vergleiche Paul C6zannes
berühmtes Gem.lde<Gebirge St. Victoire" (1897), Paul Signacs
,Cöte d'Azur" (1889), van Goghs ~Abendlandschaft" (188) 
und Lyonel Fellngers .Dühnen mit Mondsichel" (1937). Die 
Triebhaftigkeit und die Obersteigerung auf der einen Seite und 
die Ordnung klassischer Art und Klarheit auf der anderen ma- 
nifestieren sich in der abstrakten Kunst, wo sich die künstle- 
rischen Elemente wie Farbe, Linie. Form, Komposition vom 
Thema losgelöst haben, noch deutlicher. Das sehen wir bei 
Paul Klee oder Piet Mondrian, dem extremen Beispiel apollinl- 
scher Malerei, an der reinen Plastik aus Plexiglas und Nylon- 
draht von Naum Gabo - und an Henri Etienne-Martina spru- 
delnder Holzakulptur, einem abstrakten Werk. Dieser in Paris 
lebende Bildhauer nennt sein ~wurzelähnliches Wachstums- 
gebilde' Widmung für BerninL Damit macht er eine Vernel- 
gung vor dem großen Barockkünstler, dem Baumeister und 
Bildhauer - Rom, Giovannl Lorenzo Berninl, der mit seiner 
Federzeichnung ~Martyrium zweier Apostel" ebenfalls auf der 
dionyuischen Seite zu suchen ist Gleichzeitig aber erleben wir 
den großen Bogenschlag über Jahrhunderte. 
Hat man die kontrastreIchen oder verwandten Merkmale in den 
Kunstwerken erkannt - die grellen, lauten Farben, die nervöse 
und temperamentvolle Führung des Pinsels durch den Maler 
und des Meffle und Schnltzmesaes durch den Bildhauer und 
die stürmische. bewegte Komposition als Zeichen des Diony- 
siechen oder die ruhige und statisch gebaute Komposition, die 
hanmonische Palette, die maßvolle Handhabung des Künstler- 
handwerkes am anderen Pol -, dann ist man auch der Kunst 
einen Schritt näher gekommen. Man wird denn auch die Ein- 
teiung, wie sie In Recklinghausen als eine für viele Möglich- 
kelten in derKunst angeregtworden ist, nicht mehrgebrauchen. 
Ja, es kann sein, daß man manche ~offizielle Etikettlerung" 
verwirft oder zumindest zu zweifeln beginnt, ob das A (apollU- 
nisch) oder D (dionysisch) für dies oder jenes sgestelite 
Werk eigentlich angebracht erscheint. ist man aber so selb- 
stndig und kritisch geworden, so hat die Ausstellung Iren 
Zweck erfüllt: den Betrachter zwn Denken und Fühlen ange 
zu haben. 
ßmffier Ott 
de'* 117/18 


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