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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 9 (April 28, 1955)

Bold, Gottfried
Sag nicht Jawoll - sag niemals Jawoll!,   p. 4


Dachrodt, Heinz
Scharfschützen von morgen gesucht,   p. 4


Page 4

9. W. labil EiUw-FDm  I.r liztie Ikt<- Vn Se Iktl dI 
die 
r Bundeskanzler 
nken der Russen 
tlage in keiner 
In der indonesischen Hafenstadt Bandung 
trafen sich die Vertreter von 29 Staaten 
Afrikas und Asiens, die mit 1,4 Milliarde Menschen die 
zahlenmäßige Mehrheit der Menschheit vertreten, an ihrer 
Spitze die Ministerpräsidenten  Chinas, Indiens und 
Ägyptens. Das große Thema: Der Kolonialismus, dem die 
Mehrzahl der beteiligten Staaten kaum entronnen ist, und 
das Massenelend, in dem die übergroße Mehrzahl ihrer 
Bürger lebt. Das Ziel der Konferenz - laut- dem indo- 
nesischen Staatspräsidenten Soekarno -  ist es, .das 
Gewicht dieser Mehrheit der Menschheit in die Waag- 
schale des Friedens zu werfen». Keine der gegenwärtigen 
Großmächte war auf dieser Konferenz vertreten. 
- Proletariernationen von heute - Weltmächte von 
morgenl 
Im Alter von 76 Jahren ist in den Vereinig- 
ten Staaten, wohin er vor den Nazis fliehn 
mußte, der Mann gestorben, ohne den es keine Atom- 
bombe geben würde: Albert Einstein, deutscher Jude, 
größter Physiker unserer Tage, Kämpfer für die Freiheit
des Menschen, und Mahner des Weltgewissens! In der 
Trauer aller Nationen um den Großen haben die Sprecher 
aller Völker und politischen Gemeinschaften das an 
diesem Mann hervorgehoben, was das Entscheidende 
seines menschlichen Wertes war: einzustehen mit seiner 
ganzen Person, daß die Menschheit die Erkenntnisse zum 
Segen anwendet, die sein Geist errungen hat. 
- Wenn die Welt seine Erkenntnisse annahm, kann sie 
sein moralisches Zeugnis in den Wind schlagen? 
Mit einem heftigen Dementi reagierte der 
Vorsitzende  der  Katholischen  Arbeiter- 
Bewegung   (KAB), Landtagspräsident Josef Gockeln 
(CDU), auf eine Meldung der katholischen Wochen- 
zeitung MICHAEL, nach der die Gründung christlicher 
Gewerkschaften unmittelbar bevorstehe. Der MICHAEL, 
der sich gegenüber diesem Unternehmen übrigens scharf 
ablehnend verhält, hatte diese Meldung als aus sicherer 
Quelle angekündigt. Auch der Name des Vaters der 
sogenannten' .Rhein-Ruhr-Aktion», Bernhard  Winkel- 
heide, war in diesem Zusammenhang genannt worden. 
- Zwar bedeutet in der Politik dementieren fast das 
gleiche wie bestätigen; wir nehmen aber in diesem Fall 
ausnahmsweise an, daß das Dementi hier aus der Ein- 
sicht und nicht aus schlechtem Gewissen kommt! 
Ganz undramatisch ist in den Ostertagen 
Englands großer alter Mann, Sir Winston 
Churchill, von der politischen Bühne abgetreten und hat 
das Amt des britischen Premierministers seinem lang- 
jährigen Freund, Sir Anthony Eden, übergeben. Churchill 
hat die Geschichte Englands von ihrem Höhepunkt um 
die Jahrhundertwende bis in die Jahre seiner schwin- 
denden Weltgeltung begleitet. Der neue Mann, Sir 
Anthony Eden; hat für den 26. Mai Neuwahlen aus- 
geschrieben, um sich seinen Auftrag durch Englands 
Bevölkerung bestätigen zu lassen. 
- Winston Churchill, ein Politiker - immer umstritten, 
aber immer von Format; und das bedeutet schon etwas 
in einer Zeit mieser Mittelmäßigkeitl 
Zwanzig Minuten lang klatschten die Ar- 
beiter der sowjetzonalen Leunawerke stür- 
misch Beifall und hinderten so den Ministerpräsidenten 
Grotewohl an einer Rede, die er im Kultursaal des 
Werkes halten wollte. 
- Motto: Lieber klatschen als Klatsch und kalter Kaffeel 
UC, nLL sct.amensstarres c  ecnujas. .v'vn....sju .an la 
Volksturm-.Mann' Richard Brunner tief ins Gewissen 
einbrennt. Noch wenige Stunden oder Tage zuvor - die 
Zeit scheint in diesem Bauche der Hölle stillzustehen - 
hat sich Richards Wunschtraum erfüllt: Mit zehn anderen 
HJ-Kameraden, die im Kampf um den <Endsieg» auf den 
Trümmern Berlins sich auszeichneten, hat ihn der Führer 
,persönlich dekoriertl Bis seine Handverletzung geheilt ist, 
darf er im Bunker bleiben; und hier erlebt er Hitler, wie 
er wirklich war... 
Die Deutsche Wehrmacht ist ausgeblutet und geschlagen. 
Halb Deutschland ein von Bomben zerpflügter, rauchender 
Trümmerhaufen. Immer fester und enger schließt sich der 
amerikanische und russische Feuerring um das Ruinen- 
meer von Berlin, wo in einem gigantischen Bunker aus 
Stahl und Beton im Garten der Reichskanzlei, zwei Stock- 
werke tief in die Erde gewühlt, Adolf Hitler sein letztes 
Hauptquartier errichtet hat. Längst ist der Krieg verloren. 
Alle wissen es. Auch die <schleimigen Ja-Sager* des 
engeren Führer-Kreises raunen es sich bereits zu. Niemand 
aber wagt es, dem Diktator, in dessen Augen bereits der 
blanke Irrsinn lodert, das sinnlos Verbrecherische jedes 
weiteren Widerstandes ins Gesicht zu sagen. Im Gegen- 
teil. Mit sturem oder grimmigem <Jawolll« werden die 
mörderischen Wahnsinnsbefehle prompt ausgeführt oder 
weitergegeben. Für den <größten Feldherrn aller Zeiten'
sind die Fähnchen und Holzklötzchen, mit denen er auf 
der Karte im Verlies seines Bunkers die Russen aufhält, 
noch schlagkräftige Armeen. Immer wieder hofft er - 
durch historische Vorbilder und von seinem teuflischen 
Lügenminister Goebbels noch darin bestärkt - auf die 
große Wende. 
Unerbittlich aber schlägt das Schicksal zu. Die Armee 
Steiner ist zum befohlenen Großangriff überhaupt nicht 
mehr angetreten. Göring schickt an seinen Führer ein 
Ultimatum. und wird als Verräter abgesetzt. Himmler ver- 
handelt seit Monaten bereits hinter dem Rücken mit den 
Alliierten. Sein Vertreter im Bunker, der Schwager von 
Eva Braun, SS-Obergruppenführer Fegelein, der Berlin 
heimlich verlassen wollte, wird auf Befehl des wut- 
schäumenden Führers auf der Stelle erschossen. Hitlers 
letzte Hoffnung aber, die Armee Wenk, deren Abge- 
sandter, Hauptmann Wüst, seit Tagen bereits vergeblich 
der fragwürdigen Welt seines Bunkers und Gewissens 
dabei schonungslos herauszustellen. Nur zu viele kleine und 
große <Manager der Angst» warten bereits wieder darauf 
eine neue Generation in ihr Joch zu spannen. Der öster 
reichische Regisseur G. W. Pabst, einer der großen Alt 
meister deutscher Filmkunst, hat im Auftrag der Wiene 
Cosmopol-Film, bei der auch <Die letzte Brücke» entstand 
das heiße Eisen dieses Filmthemas mutig angefaßt. Kein 
Geringerer als E. M. Remarque, der Autor von Buch und 
Film <Im Westen nichts Neues», schrieb nach authenti 
schen Unterlagen das Drehbuch dazu, in dem Spielfilm 
elemente geschickt hineingewoben wurden, ohne die 
historische Wahrhaftigkeit dabei zu verzerren. G. W. Pabs 
h4t den Film mit Albin Skoda in psychologisch und dar 
stellerisch genau studierter Hitler-Maske, Oskar Werne 
als Hauptmann Wüst - die schauspielerisch prächtig ver 
körperte Symbolgestalt des Widerstandes - und vielen 
um Originaltreue bemühte, bewundernswerte Studien de 
Figuren des engeren Hitler-Kreises sowie zahlreichen 
typischen Randfiguren zu einer packenden Entlarvung 
des großen Scharlatans und wuchtig schlagender Absage 
an Diktatur und Kadavergehorsam gestaltet. Die ganze 
schäbige Stufenleiter des stereotypen <Jawollsl' - skla 
visch ergeben, stumpfsinnig, zähneknirschend oder aal 
glatt dienstbeflissen - wird dabei vom Unteroffizier bis 
hinauf zum Generalfeldmarschall anschaulich variiert. 
Geradezu gespenstisch, von fast visionärer Wucht - teils 
an mittelalterliche Totentanz-Holzschnitte erinnernd - 
sind die Bilder von der hysterischen Verzweiflungsorgie 
und von   einem  Krüppeltanz in  der Bunkerkantine 
beim Ausbruch des Chaos. Auch einige der erlauchten 
Ja-Sager flüchten zuletzt in den Suff, wobei in einem 
wehleidigen und zynischen Zwiegespräch der ganze Ab- 
grund der zu Ende gedachten unmenschlich brutalen Nazi- 
Philosophie sich auftut. In wundervollem Kontrast und 
wahrhaft erhebend steht daneben das Bekenntnis eines 
erschütterten Stabsoffiziers angesichts des sterbenden 
Widerstandskämpfers Wüst. Als letztes Bild wird in die 
schweligen Flammen des mit Benzin übergossenen bren- 
nenden toten Hitler-Leibes noch einmal das klare Leuchten 
von Hauptmann Wüsts friedlichem Totenantlitz hinein- 
geblendet, und wie aus dem Jenseits beschwörend klingt 
noch einmal sein letztes Vermächtnis auf: <Sagt n i e m a 1 s 
»Jawoll« Seid wachsaml* 
Scharfschützen von morgen gesucht 
Die Jugend Westdeutschlands ist sicher manche Uber- 
raschung gewöhnt - die freien Jugendverbände nicht 
minder. Wovon heute aber zu berichten ist, hat sich bisher 
keiner, dem die Jugendarbeit Herzenssache ist, träumen 
lassen. 
So war vor einigen Tagen in dreispaltiger Uberschrift: 
<Mehr Jugendarbeit beim Soldatenbund» in einer schles- 
wig-holsteinischen Provinzzeitung zu lesen. 
Man möchte an einen Aprilscherz denken, aber nein, da 
steht es am 9. März 1955 schwarz auf weiß geschrieben: 
.Der Jugendarbeit wolle man sich mehr als bisher wid- 
men.* Und damit auch kein Zweifel besteht, was man 
unter soldatenbündischer Jugendarbeit versteht, heißt es 
weiter: <Der Schießsport soll aufgenommen werden." 
Dann wird es auch nicht mehr an Anregungen fehlen, wie 
und wo unsere Mittel für den Bundesjugendplan angelegt 
werden sollen; denn zum Schießsport gehören Schieß- 
stände und natürlich Gewehre, und weil es ja zur Ertüch- 
tigung der lieben Jugend dient, muß auch gezielt wer- 
den - auf Pappkameraden natürlich; denn es ist ja Spaßl 
Schützen brauchen aber Uniformen und Schützenabzeichen 
- also müssen sie her. Und so wird die Jugendarbeit, 
der man sich widmen will, auch durch manch anderes 
belebt werden, zum Beispiel durch ein Scharfschützen- 
abzeichen. 
Diese Fähigkeiten brauchen also die Rekrutenausbilder 
von 1958 nicht zu ergründen. Hier wird soldatenbündische 
Vorbereitung wertvolle Ausbildungszeit für andere Dinge 
ermöglichen. Man wird sich mehr der Berufsausbildung 
im Soldatenhandwerk zuwenden.,. In wie viele Teile 
zerfällt die Erde, wenn eine H-Bombe , . ., na und so 
weiter. Also Schluß mit Jugendschutz, Abhärten heißt die
Parole. 
Statt RJWG brauchen wir Wehrertüchtigungsausschüsse, 
die natürlich mit .Fachleuten« besetzt werden. Zwar gibt 
es keine Meister, aber ein Ritterkreuz kann auch Be- 
fähigungsnachweis sein. Volkstanz und Wandern gehören 
einer sentimentalen Vergangenheit an, und 1958 wird 
also der Gepäckmarsch und gute Tarnung das neue Ele- 
ment in der Jugendarbeit sein. Die <Tage der Jugend" 
werden durch Herbstmanöver ersetzt, und statt einer 
Kundgebung in Bonn oder Frankfurt werden wieder aller- 
orts Manöverbälle unser kleiristädtisches Idyll beleben. 
Für Komponisten und Textdichter der neuen <Marsch- 
lieder* kommen goldene Zeiten, und Jens Rohwer oder 
Gottfried Wolters werden als verträumte Romantiker 
abtreten. 
Das sind also die Aussichten und die möglichen Vergleiche, 
denen wir uns in der Jugendarbeit von morgen gegen- 
übersehen. Wir hätten gehofft und gewünscht, der Soldaten-
bund bliebe bei seiner Arbeit. Wir waren nie der Mei- 
nung, daß politisierende Generale der Gegenwart Wich- 
tiges zu sagen haben. Was hier aber als Aufgabe ge- 
fördert wird, im Verband deutscher Soldaten, entspricht 
weder der Aufgabe noch den vor Jahr und Tag gege- 
benen Zielen. 
Die deutsche Jugend wird erneut wehrfreudig gemacht, 
noch ehe die Narben und Wunden von 1939 bis 1945 
verheilt sind. Ob wir uns hier'mit der Jugend aller Ver- 
bände einig sind, wenn wir dem VdS sagen: <Hände weg 
von der Jugend!" Nicht Schießstände, sondern Jugend- 
heime brauchen unsere Mädel und Jungen, in denen 
Demokratie friedlich gelebt werden kann und wir nicht 
wieder das Lachen verlernen wie unsere Väter und 
Brüder damals -  1939 bis 1945 -  auf den Schlacht- 
feldern Europas. 
Heinz Dadirodt 
d- 


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