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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 5, Nr. 11 (May 29, 1952)

Zwischen Rednerpult und Wandelhalle,   pp. [9]-[12]


Page [11]

den kurzen Konferenzpausen war der Brunnen 
genüber dem Tagungslokal immer dicht um- 
-ert. Wer in der Stadt mit dem stärksten Mine- 
wasservorkomilen Europas war und dazu nc 
i Tage lang im Mittelpunkt des .Badelebens 
jte, konnte doch nicht nach Hause zurück- 
bren, ohne wenigstens einen  Schluck dieses 
issers genossen zu haben, auch wenn kein 
euma dazu zwang. Daß es zum   schönsten Er- 
ais In der Bäderstadt Cannstatt, nämlich zu 
emn Bad in einem der Mineralschwimmbäder, 
j der Arbeitsfülle nicht reichte, war zu er- 
rten. Wie beliebt dieses Baden in Mineral- 
sser in Stuttgart ist und vor allem war, zeigt 
on ein Dekret aus dem Jahre 1602. Damals 
b sich eine hohe Obigkeit gezwungen, gegen 
en Unfug des Badens, wo die ganz Nacht und 
Tag und also zwanzig und vier Stunden ge- 
det wird', einzuschreiten. Man beschloß da- 
:s, .solches Baden nicht mehr zu gestatten, 
nst werde man die Badeute gebührlich be- 
,fen'. 
werksdaften gingen nach 1945 diesen Weg der 
religiösen Neutralität und parteipolitischen Unab- 
hängigkeit. Die Achtung vor dem einzelnen und 
die Anerkennung seiner Wertvorstellungen be- 
stimmen unsere Arbeit. Wir wissen, daß wir nur 
ineinem demokratischen Rechtsstaat die Möglich- 
keit dieser Arbeit haben und treten deshalb rück- 
haltlos für ihn ein. 
Der junge Mensch muß in die Lage versetzt wer- 
den, nicht nur die soziologischen Verbände, son- 
dern auch die wirtschaftlichen und gesellschaft- 
liden Einrichtungen, ja auch die politische Grup- 
pebildung, zu erkennen und wenn möglich 
geistig zu durchdringen. Er muß aus der bisher 
gezeigten Betlehungslosigkeit zu all diesen Din- 
gen herausgenommen werden und erneut in eine 
Verantwortung gpstellt werden. Ereignisse der 
jüngsten Vergangenheit haben zur Genüge klar- 
gemacht, daß es nicht angeht, wenn Menschen zu 
einer Gesinnungsethik erzogen, letzte -Entschei- 
dungen, die nur sie in eigener Verantwortung zu 
treffen haben, einer ganz bestimmten Gruppe 
oder einem Verband überlassen. Es gilt von der 
Gesinnungsethk zu einer Verantwortungsethik 
hinzukommen, die dem einzelnen die Möglichkeit 
der freien Entscheidung und der damit verbun- 
denen Verantwortung überträgt. Diese Verant- 
wortung in einer Gruppe, in der Familie, im Be- 
trieb, in einer Partei oder wo er auch stehen mag, 
kann und darf dem Menschen nicht genommen 
werden. Es ist dabei .jedoch erforderlich, daß. der 
Verantwortung tragende Mensch geistige und 
bildungsmäßige Voraussetzungen hat, all das zu 
übersehen und zu erkennen, In das er gestellt ist. 
Es ist Tatsad, daß heute durch die zwangs- 
läufige Ausrichtung der Schulen und Bildungsein- 
richtungen zum Spezialistentum hin Immer mehr 
der einzelne als Individuum für sein Spezia- 
listentum erzogen wird. Betrachten wie die heu- 
mik der Gruppe, die den einzelnen bindet, ihn 
aber auch stützt und ihm damit Kraft gibt, aus 
der großen Beziehungslosigkeit herauszukommen, 
ist eine neue Form. 
In diesen Gruppen wird bildungsmäßig gearbei- 
tet. Es werden die Werte vermittelt, die gestal- 
tend wirken und zur Ganzheitsbildung beitragen. 
in den kurzen Pausen fanden sich Immer wieder 
gen zusammen, um besondere Fragen zu diskutieren. 
zialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhält- 
nisse der jugendlichen Arbeitnehmer in allen 
Lebensbereichen einzutreten. Die Jugend sei 
heute politisch nicht mehr uninteressiert. Ginhold 
konnte mitteilen, daß die Zahl der unter 21 Jahren 
alten Mitglieder in eineinhalb Jahren von 400 000 
auf 650 000 gestiegen ist. Rechne man die Mit- 
1. 
GEGEN JEDEN ARBEITSDIENST 
Eigensüchtige Interessengruppen fordern immer 
wieder die Errichtung eines Arbeitsdienstes. 
Verschiedene  Parteien  und  Organisationen 
haben sich für einen Sfreiwilligen Arbeits- 
dienst ausgesprochen und betrachten ihn als 
Mittel zur Beseitigung der Jugendarbeitslosig- 
keit 
Wir sind nach wie vor gegen jeglichen Arbeits- 
dienst, und zwar aus folgenden Gründen: 
1. weil die Gewerkschaften grundsätzlich für 
jede geleistete Arbeit eine gerechte Entloh- 
nung (Tariflohn) fordern und nicht die Aus- 
zahlung eines billigen Taschengeldes. 
Wenigstens einen Schluck des Mineralwassers wollte 
die junge Kollegin probieren. Für mehr war keine Zeit. 
in Wort von Rathenau mit an den Anfang seiner 
iusführungeh stellte: SIch arbeite im Materiellen 
in des Ideellen willen', so wollte er damit sagen, 
laß gewerkschaftliche Arbeit nicht nur materielle 
nteressenvertretung sein kann, sondern auch in 
mistig kulturelle Gebiete hineingetragen werden 
nuß. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit In Volks- 
odschulen, in SArbeit und Leben', in der ge- 
merkschaftlichen Jugendarbeit und an Gewerk- 
chaftsschulen zeigen dies mit aller Deutlichkeit. 
)ie Recklinghauser Festspiele und ihre Entstehung 
durch den Solidaritätsakt der Recklinghauser und 
Hamburger Arbeiter und Künstler bezeugen es 
benfalls. Gewerkschaftliche  Wirtschafts- und 
Sozialpolitik muß mit der Kulturpolitik zusam- 
roen gesehen werden. In diese Aufgabe sind wir 
it unserer Jugendarbeit gestellt. Wir haben es 
zU tun mit einer Jugend, die weitgehend skep- 
.ich, mißtrauisch und enttäuscht nach neuen For- 
,nn des Zusammenlebens und nach neuen Vor- 
Uidern und Idealen sucht. Die Angst um den Ar- 
bo itsplatz, um die Lehrstelle und damit die Angst 
un die Zukunft prägen den Menschen. Lücken 
ik, Allgemeinwissen, Beziehungslosigkeit zu so- 
Ziologischen Institntionen, gesellschaftliche Mas- 
sonbegriffe formten den jungen Menschen. Feh- 
fldes Elternhaus und unregelmäßiger Schul- 
ýsuch trugen zur verneinenden und oft sogar 
les negierenden Meinungsbildung bei. Dabei 
- zu berüdcksichtigen, daß die komplizierten tech- 
.schen Lebensformen dem einzelnen den Uber- 
L!itk erschweren und ihn damit noch mehr als 
<jhwankendes Rohr In den Wind stellten. 
1.er hatte unsere Arbeit einzusetzen. Letzte 
Vertvorstellungen des Menschen, die für den 
Christen In der Bergpredigt und in den zehn Ge- 
lten liegen, sind auch unsere. Wir wissen, daß 
7oleranz vor diesen Dingen menschliches Zu- 
irnimenleben nur ermöglichen kann. Die Ge- 
tigen komplizierten bis zur letzten technischen 
Vollkommenheit gekommenen zivilisatorischen 
Errungenschaften und die damit verbundene Enge 
und Kleinheit der Welt und auf der anderen 
Seite das geringe Verständnis und kaum vor- 
handene Voraussetzungen, die damit verbundene 
Gefahr zu überwinden, so stellt sich hier eine er- 
neute Aufgabe. 
Es bedarf heute keiner Beweise mehr, wenn ge- 
sagt wird, daß wir im Zeitalter der Massen und 
der Vermessung stehen. Die Gefahren, die sich 
daraus ergeben, können nur unter Berücksichti- 
gung des oben Geforderten überwunden werden. 
Wir stehen heute vor dieser Aufgabe, und es gilt 
beherzt zuzupacken. 
Die neub Form 
In der gewerkschaftlichen Jugendarbeit haben 
sich junge Menschen In Gruppen zusammen- 
gefunden und werden dort in Irgendeinem Sinne 
tätig. Sie lernen sich gegenseitig zu tolerieren 
und lernen vor allen Dingen sich in dieser Gruppe 
zunächst fremder Menschen   bewegen. Dieser 
kleine Raum wird für sie überschaubar und da- 
mit durchdringbar. Die Gruppe entwickelt Eigen- 
leben und entfaltet dadurch Kräfte, die wiederum 
andere Menschen oder Gruppen beeinflussen. 
Ihre Tätigkeit wird zunächst von den naheliegen- 
den Interessen der betrieblichen Arbeit, der be- 
ruflichen Weiterbildung und andern jungen Men- 
schen eigenen Dingen bestimmt werden. Hier 
gilt es mit der Arbeit zu beimnen. Es wird ihnen 
nunmehr die Möglichkeit gegeben, all das in der 
Gruppe, mit der Gruppe, durch die Gruppe zu er- 
xeichen. 
Die Gefahren der Zeit, charakterisiert durch die 
Massen, können, wie schon einmal gesagt, nur 
überwunden werden, wenn dies mit neuen For- 
men geschieht. Die Gruppenarbeit und die Dyn- 
2. weil nur eine gute und echte Berufsausbil- 
dung dem jungen Menschen eine solide 
Lebensgrundlage, auf der er sein Leben 
sozial und wirtschaftlich sicher aufbauen 
kann, gibt. Das Gefühl der sozialen und wirt- 
schaftlichen Sicherheit ist für die Entwicklung 
eines gesunden Staates die erste Voraus- 
setzung. 
Echte Hilfe bietet sich in der Schaffung von 
Deuerarbeitsplätzen, die nur die Verwirklichung 
der wirtschaftspolitischen Forderung des DGB 
mit dem Ziel auf Vollbeschäftigung bringen 
kann. Dadurch würde auch in Ergänzung eines 
bald zu erlassenden Berufsausbildungsgesetzes 
eine geordnete Berufsausbildung möglich sein. 
Hier praktiziert der junge Mensch schon sehr  glieder bis zum Alter von 25
Jahren, dann seien 
früh all das, was später von ihm gefordert wird  es sogar 1,4 Million.
Es sei aber nicht nur ein 
und was dann über Erfolg und Mißerfolg im Le-  Zustrom  an jugendlichen
MitgliedUrn, sondern 
ben entscheidet.                               auch eine vermehrte Aktivität
festzustellen. Willi 
Bereits im Geschäftsbericht war zum Ausdruck Ginhold meinte jedoch,
es liege noch ein großes 
gekommen, daß es die Hauptaufgabe der Gewerk-  Reservoir im Arbeitsprozeß
stehender und ge- 
schaftsjugend sei, für eine Verbesserung der so-  werkschaftlich nicht
organisierter Jugend offen. 
Kollege Christian Fette, der fast während der ganzen Dauer 
der Konferenz anwesend war, im Kreise Junger Delegierter. 
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