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The History Collection

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Jahrgang 4, Nr. 18 (September 8, 1951)

hst
Denkt an Europa,   pp. 2-[3]


Page [3]


rramns-roncey
Der franz–sische Hohe Kommissar:
a     . Unsere Hoffnung geht nun dahin, daþ
es den Bem¸hungen Ihrer Generation ge-
lingen m–ge. Europa das Bewuþtsein seiner
selbst zu geben, ihm das Verst"ndnis daf¸r
beizubringen, daþ es sich einer Reihe von
¸berholten Begriffen und Gef¸hlen entledigen,
sein altes Haus modernisieren, sich orga-
nisieren und sich durch diese Organisation
beleben und verj¸ngen muþ, um in der Welt
auch weiterhin seine s"kulare Rolle spielen
zu k–nnen.
Das ist keine leichte Aufgabe! Es handelt
sich n"mlich nicht nur darum, eine Reform
durchzuf¸hren, es handelt sich um eine
Revolution!
Es bleibt noch die Aulgabe, eine gr–þere
soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen, die
dem Leben innewohnenden Ungleichheiten zu
mildern, allen F"higen Zutritt zu s"mtlichen
Laulbahnen  zu sichern, das Gef¸hl der
Br¸derlichkeit zu pflegen, das Lebensniveau
und die Existenzbedingungen der Schallenden
zu erh–hen.-
gekommen. Aus Bayern, Hessen, Nieder-
sachsen, Nordrhein-Westfalen. Allein aus
Rheinland-Pfalz ¸ber 1000. Mit ihren Fahnen
und Wimpeln beherrschten sie das Bild. Ihr
mtsbe Madel und Burschen zeigten ihre Nationalt"nze.
Der Gewerksdiaftsjugenddior Hannover erregte durch seine auþergew–hnlichen
Leistungen Aufsehen.
-         ~ M. Alexandre Marc
Prasident der Universite Fhderaliste Euro-
peenne:
Jugend glaubt nicht an halbe Maþnahmen,
an Beschwichtigungen, an tbert¸nchung. Sie
glaubt nicht mehr an Reden, Versprechungen,
diplomatische Winkelz¸ge, an beratende Ver-
sammlungen, an Pl"ne, die am n"chsten Tag
nicht mehr aktuell sind. Sie ist ¸berdr¸ssig.
immer nur zu warten, ob den Worten auch
einmal Taten . . . folgen werden. Die Jugend
ist der Meinung, daþ diejenigen, die sich
damit begn¸gen, nur dauernd von Europa zu
reden, noch nichts geleistet haben. Was aber
heute nottut: handeln und sch–pferisch sein.
Noch ist es Zeit, aber es ist h–chste Zeit."
Fotos. Claude Jacobv (3j. Ardciv (1}
Auftreten hinterlieþ einen nachhaltigen Ein-
druck ¸ber unsere Jugendarbeit.
Unser Gewerkschaftsjugendchor aus Han-
nover eroberte sich mit seinen neuen Arbei-
terliedern die Herzen aller jungen Men-
schen aus den L"ndern Europas. Uberall
muþte der Chor unter Leitung des Kollegen
Traeder auftreten und wurde begeistert
gefeiert.
Doch trotz H–hepunkt: Das ist eigentlich gar
nicht das Wesentliche. Groþkundgebungs-
enthusiasmus kann kein Wertmaþstab sein.
Der Wert wird erst sp"ter im Alltag sicht-
bar - oder auch nicht. Von den Wochen
auf der Lorelei aber wird man bestimmt
etwas sehen k–nnen bei denen, die sie mit-
erlebten. Sie bauten am neuen Europa!-hst
losigkeit, und einen Bettler wird man in
diesem Land vergeblich suchen.
ãDie vordringlichen Aufgaben zuerst er-
ledigen' ist das Motto, nach dem in Finn-
land gehandelt wird. Das ist der Bau von
Wohnungen, Schulen, neuen Produktions-
und Arbeitsst"tten, Kliniken, Erholungsst"t-
ten f¸r die Arbeiter, Kinderheimen usw.
Der Gast des Landes wird nach neu entstan-
denen Bauten der B¸rokratie, Luxusrestau-
rants, Bars, Kinos und der Fassade neu-
gebauter hypermoderner Gesch"fts- und
Luxusstraþen vergeblich Ausschau halten.
Ein finnischer Fabrikant faþte es mir gegen-
¸ber so zusammen: Das Geld verteilt sich
gleichm"þiger auf unsere vier Millionen
Einwohner. Da Dienen bei uns noch immer
gr–þer als Verdienen geschrieben wird und
vor allem das ,Verdienen um jeden Preis´,
und das doch nur auf Kosten der Allgemein-
heit, bei uns als unmoralisch abgelehnt
wird, haben wir zwar weniger Million"re,
daf¸r aber auch weniger Arme in Finn-
land.,
Ich ging in einen der vielen neuzeitlichen
achtgeschossigen Wohnhausneubauten der
Arbeiter. Der elektrische Fahrstuhl - er
fehlt in keinem dieser H"user - bef–rderte
mich rasch in die sechste Etage. Die junge
Hausfrau f¸hrte mich entgegenkommend
durch die neue Wohnung. Diele, vier Zim-
mer, Balkon auf der Sonnenseite, Bad,
Toilette. ãDie Sauna und die elektrisch be-
triebene Waschkuche sind im Keller." Alle
Zimmer waren groþ, hell und luftig. Warum
haben Sie mit zwei kleinen Kindern vier
Zimmer?" fragte ich. Es war an ihr, erstaunt
zu antworten: Ein Zimmer je Person steht
jeder Familie zu. Die Kinder m¸ssen doch
auch Platz haben." Ja, hier wird, auch noch
in anderer Form, an die Kinder gedacht.
1000 Finnmark = 20 DM ist je Monat das
Kindergeld f¸r jedes Kind. Das wird als
selbstverst"ndlich bezeichnet. Die finnische
Hausfrau war ¸berrascht, daþ es eine ein-
heitliche Regelung des Kindergeldes in der
Bundesrepublik bis heute noch nicht gibt.
"Aber Kinder sind doch Kinder, gleich,
ob der Vater nun Beamter, Arbeiter, Ge-
sch"ftsmann oder Angeh–riger eines freien
Berufes ist.'
,Das ist alles nur ein bescheidener Anfang',
sagen die Finnen. ãAb September 1952 wird
es bei uns noch besser aussehen.' Zu die-
sein Zeitpunkt haben sie n"mlich den Rest
der 230 Millionen Golddollar Reparationen
an Ruþland bezahlt. ãUnd alles aus eigener
Kraft!" Sie haben keine Marshallplanhilfe
erhalten und auch keine ERP-Mittel. Sie
haben - mit schweren Ersch¸tterungen -
ein groþartiges Aufbauwerk nach 1945 ge-
meinsam geleistet, sie haben aber - und
das ist wohl das wesentlichste - auch die
Fr¸chte dieser gemeinsamen Arbeit gemein-
sam geerntet und den Kommunismus und
den Radikalismus jeder F"rbung durch ihre
soziale Ausgeglichenheit empfindlichst ge-
troffen. Man h"lt in Finnland nicht sehr viel
von der Aufstellung groþer Programme, von
vielen Reden schon lange nichts. Vielmehr
von jeder Wohnung, in die man einziehen
kann, noch mehr von dem Betrag in der Lohn-
und Gehaltst¸te, mit dem man leben kann.
Die besten Erfolge sind die handgreiflichen
- nicht die der groþen Programme und
der Reden.'                   o. P. Brandt
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