University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 6 (March 24, 1951)

Senge, H.
Der tückische Teich,   p. 7


Page 7


Immer, wenn ein St¸ck Vieh verschwand,
behauptete Bastiano, er wolle Petroleum
schlucken, wenn das kein Jacar" getan h"tte.
Aber wie kamen denn Amazonaskrokodile
nach El Girono? Befand man sich hier nicht
schon inmitten der Zivilisation - zwischen
Eisenbahnen und Betonstraþen, weit entfernt
von Fl¸ssen und Lagunen? Es war dodi
schon eine Ewigkeit her, daþ man die letzte
k¸mmerliche Echse in dieser Gegend erlegt
hatte. McNorton und Dom Antonio spotteten
darum: Bastiano s"he am hellen Tage weiþe
M"use. Denn Bastiano war der gewaltigste
S"ufer zwischen Manaos und Rio Trombetas.
Nun jedoch verstummte aller Spott in der
Ansiedlung.
Gestern abend waren die beiden S–hnchen
Chicas nicht zum Hause zur¸ckgekehrt; und
als die besorgten M"nner heute morgen
nach ihnen suchten, wurde Pablo, der Serin-
gueiro, auf offener Chaussee von einem
Jacare angefallen und halb zerfleischt. Von
einem rasenden Sechsmeterreptil, das schnell
wie der Blitz auftauchte und im versp"teten
Feuer der grenzenlos Uberraschten ebenso
rasch wieder verschwand, und zwar in dem
schlammigen Teich an der Biegung.
McNorton, der H"ndler, und Dom Antonio,
der B¸rgermeister, erstarrten zu Salzs"ulen,
als man die Leiche des alten Gummisuchers
in den Warenschuppen trug. Pablos rechter
Oberschenkel hing nur noch an einer Sehne,
hilflos baumelte der zehnsch¸ssige Colt am
zerfetzten Gurt. Vor drei Stunden hatte er
noch dort auf dem Cachassafaþ gesessen
und vom Sert"o erz"hlt, wo man sich am
Tage  mit vierundzwanzig   verschiedenen
Sorten Tod auseinandersetzen muþte. Nun
lag er da, und sein Blut rann ¸ber den Roh-
lederhaufen.
Bastiano gestikulierte heftig und behauptete,
daþ das Krokodil bei der letzten Uber-
schwemmung nach El Girono gewechselt sei.
Doch das interessierte niemand. Der Wolken-
nruch lag weit zur¸ck. Es war seltsam.
McNorton ging schweigend in seinen Ver-
schlag und holte drei schwere B¸chsen. Eine
davon nahm Dom Antonio, sein Freund, die
zweite Anton Woerenbach, sein Teilhaber.
Der B¸rgermeister schimpfte l"sterlich, nach-
dem er sich von seinem Schrecken erholt
hatte; ebenso Diego, der "lteste Urwald-
genosse  des  Toten. Diego  hatte  einen
m–rderischen Schwanzschlag erhalten, ehe
die Bestie in den grufttiefen Teich brach.
Alle luden ihre Revolver.
In zwei klapperigen Autos fuhren sie dann
bis an die Wegbiegung. Der Teich lag f¸nf-
zig Schritte hinter der Straþe. Der Boden
rundum war rostrot: hier hatte vor Tagen
ein Brand gew¸tet. Doch schon sproþte wie-
der kleines fettes Gras, und am Ufer wiegte
sich zartgr¸ner Bambus.
Dom Antonio und die beiden H"ndler stell-
ten sich schuþfertig auf einen verkohlten
Baumstamm, w"hrend die anderen sofort
darangingen, das Krokodil aufzuscheuchen.
Letzteres geschah mit unendlich langen Bam-
busrohren, die sie von allen Seiten in den
Teich stieþen. Sie hielten die entsicherten
Colts in der Linken; Juan, der fr¸her ein
gewaltiger Orchideenj"ger vor dem Herrn
gewesen, kommandierte. Die M"nner r¸hrten
groþe Schlammwirbel auf, jedoch sie trafen
auf nichts Hartes. Das Wasser war zu tief.
Es war ¸berhaupt ein seltsames, wenn nicht
gar unheimliches Bayuo.
Bastiano h¸pfte aufgeregt hin und her und
schwang seine Flasche Zuckerrohrschnaps.
Juan knurrte.
Nach etwa zwanzig Minuten gaben die
M"nner keuchend ihre Suche auf. Sie waren
systematisch um den ganzen Spiegel herum-
gewandert, aber alles Stochern nutzte nichts:
das Wasser dr¸ckte die Stangen mit Gewalt
wieder hoch. Anton Woerenbach sah gr¸b-
lerisch zu.
,Diable!' murrte Benjamino, .wir kriegen
ihn nicht!'
Anton Woerenbach wandte sich an seinen
Kompagnon.
.Wie w"re es', meinte er bed"chtig, "--sol-
len wir ein paar Faþ Benzin opfern? Ich
denke, der Satan ist es wert!'
McNorton bekam runde Augen. Sein Unter-
kiefer sank langsam herab. Dann aber erhellte
ein Leuchten des Verst"ndnisses seine Z¸ge.
.,Well!' sagte er. Grinsend stapfte er zu
seinem Auto.
Ob des allgemeinen Stirnrunzelns beugte
sich Anton Woerenbach herab und hielt einen
erkl"rendenmVortrag von vier S"tzen. Schmun-
zeln war die Antwort. Bastiano kicherte so-
gar vernehmlich. Hierauf best"tigte er sach-
verst"ndig, daþ auch Jacares einerseits Luft
brauchen und andererseits ein Zuviel an Licht
verabscheuen. Feuer beunruhige sie sogar
immer.
Bald kam MeNorton mit dem Lieferkarren
zur¸ck. Er brachte etliche Tonnen Benzin und
Petroleum. Denn Petroleum brennt l"nger.
Die Faþ–ffnungen wurden aufgeschraubt, und
Str–me von Treibstoff ergossen sich auf den
Teich. Dick und –lig schwappte die gl"nzende
Schicht.
Zuletzt warf Dom Antonio ein brennendes
Scheit hinein.
Er tat es sehr theatralisch, mit fast richter-
licher Geste. Alle traten zur¸ck, als die breite,
kreisende Flamme ¸ber die Wasserfl"che
kroch, sich dick fraþ und emporschwoll.
Sekunden sp"ter w"lzte sich eine ungeheure
Feuerzunge von Ufer zu Ufer; teerschwarzer
Rauch wand sich turmhoch dar¸ber hin wie
aus einem H–llenschornstein. Unten war die
Glut stechend weiþ, oben schnellten blutrote
Schlangen aus der torkelnden Finsternis.
Ruþflocken flogen.
Die M"nner blickten wohlgef"llig in den
imitierten Vulkan.
Sie sahen die Bambussch–þlinge aufleuchten
und verkohlen, und sie stellten sich gem"ch-
lich rundum auf. Der Aschenboden dampfte.
Das Feuermeer schien zu schweben: die
Flammen begannen erst an der Grenze zwi-
schen Gas und Luftschicht. Gleiþende Wogen
rollten.
Eine ziemliche Zeit verging, ehe das Untier
hochkam.
Endlich schrie Bastiano: ,Caramba -  da
ist er!'
In der Tat. Ein beklemmendes breitnasiges
Maul schoþ j"h aus dem Wasser nahe dem
Ufer. Es verschwand jedoch sofort wieder:
der gezackte Schweif warf lediglich eine
siedende Welle ans Ufer. Spottrufe ert–nten.
Bastiano lieþ freigebig seine Flasche kreisen.
Sie explodierte nicht.
Doch sie muþten noch eine Zeitlang warten,
ehe die Bestie sich stellte. Die Hitze schnitt
stark. In immer k¸rzeren Abst"nden fuhr
das Krokodil heraus: sein Rachen drohte,
und der S"geschwanz peitschte. Niemand
aber schoþ. Sie wollten es an Land haben.
Endlich war es soweit. Es ging fast auto-
matisch.
Bastiano, der einen sechsten Sinn daf¸r be-
saþ, sah den gleitenden Schatten unter der
beiþenden Helle zuerst: sein Zuruf riþ alle
K–pfe und Revolverl"ufe herum. Im n"chsten
Moment schlug der riesige Tierleib durch die
Flammen, irrsinnige Augen grausten ¸ber
einem aufgerissenen Maul, enorme Schaufel-
f¸þe schraubten. Mit fast unwirklicher Ge-
schwindigkeit raste die Echse heran; schon
krachten aber auch die B¸chsen, und die
Colts trommelten ein wildes Stakkato auf
den schwarzgr¸nen Panzer. Das Jacare ¸ber-
schlug sich keuchend und blieb liegen,
schmutzigweiþ leuchtete seine Bauchseite.
Der Hornbalg schwelte.
Triumphierend kamen die Sch¸tzen herbei.
Dom Antonio stieþ den B¸chsenlauf in den
glimmenden Hals, dem greulicher Gestank
entquoll. Zwischen den groþen gelben Z"hnen
floþ Blut, der m"chtige Panzer rauchte.
Bastiano spie grinsend auf den Kadaver.
Und dann erst gab es die eigentliche Sen-
sation.
In dem kochenden Teich hinter ihnen rauschte
es auf einmal, gespenstisches Heulen und
Fauchen ert–nte. Indes die J"ger herum-
fuhren, schlug ein Hagel gl¸hender Tropfen
aus dem merklich zusammensinkenden 01-
brand, gleichzeitig erblickten sie ein zweites
Krokodil. Es ruderte wild durch die blenden-
den Flammen, tobte von Ufer zu Ufer und
riþ einen Feuerschweif mit sich. Dann schoþ
es heraus, gleich einem lebenden Torpedo,
brennend und halb erstickt. Sein Drachen-
maul war voll Treibstoff; es spie Blitze und
gelbes Olwasser; der barbarische Leib troff
von Feuer. Wie eine Urzeitvision brach es
in den Kreis der J"ger.
Die M"nner sprangen eilig zur¸ck, der
Zackenschweif traf ins Leere. Dann krachten
wieder die Revolver.
Die Echse wurde mehrfach getroffen, hetzte
aber mit dem Aufgebot ihrer letzten Kr"fte
davon und fiel glimmend zwischen die an
der B–schung abgestellten leeren F"sser.
Zwei davon explodierten, gleichzeitig trafen
die Kugeln Dom Antonios und McNortons.
Zuckend blieb die Echse liegen.
Die M"nner blickten k¸hl zu, wie das ge-
panzerte Tier verging.
7


Go up to Top of Page