University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 9 (May 6, 1950)

Aus unseren Gruppen,   p. 13 PDF (758.5 KB)


"Fährst du mit?",   p. 13 PDF (758.5 KB)


Page 13


AUS UNSEREN GRUPPEN
STICHWORT: 3. STROPHE
,Irgendwo habe ich einmal von dem Brauch
einer Religionsgemeinschaft gelesen, die
z. B. einen Topf, wenn er ªverunreinigt´
wurde - etwa durch die Ber¸hrung mit
ªunreinem´ Schweinefleisch -, in die Erde
gr"bt und ihn dort so lange begraben l"þt,
bis man glaubt, er sei wieder ªrein´.
Ÿhnlich h"tte man es auch mit dem Deutsch-
landlied machen sollen. Man h"tte es ver-
graben sollen, weil die Nazis das Lied be-
schmutzten. ªUber alles in der Welt´ lieþ
sich leicht identifizieren mit den imperiali-
stischen Gel¸sten und dem Herrenmenschen-
wahn der Braunen. Obwohl Hoffmann von
Fallersleben das nicht so gemeint hatte. Be-
stimmt nicht! Als er das Lied dichtete, saþ
er als Emigrant auf Helgoland. (Die Insel
geh–rte damals den Engl"ndern.) Deutsch-
land war in Schreberg"rten aufgeteilt, deren
Besitzer sich F¸rsten und Herz–ge nannten.
Von ªbr¸derlich zusammenh"lt´ keine Spur!
So begr¸þt Willi seinen Freund -Werner an
einem regennassen Morgen im April. ãDumme
Frage', sagt der, ãich fahre doch jeden
Morgen mit dir, Ladcel, zu unserer langwei-
ligen Bude.'
,Mein Lieber, du hast ja keine Ahnung',
grinst Willi gutgelaunt, ãich meine doch
nach Hallthurm ins Ferienheim der Gewerk-
schaf ten.'
.Dir hat's wohl ins Gehirn geregnet, als ob
ich Geld h"tte, wie ein F¸rst in Urlaub zu
fahren. Das muþ ich anderen ¸berlassen.-
.Du bist und bleibst ein miesepetriger Dumm-
kopf', stellt Willi freundschaftlich fest.
ãWarte, wenn wir gleich in der Straþenbahn
sind, rechne ich dir genau aus, was du
kannst, wenn du nur willst.'
Als sie dann auf der hintersten Plattform in
der Ecke stehen, zieht Willi einen Zettel aus
der Brusttasche und liest dem ungl"ubig
dreinschauenden Werner vor:
ãDer Pensionspreis in den einzelnen Heimen
betr"gt 4,50 DM und 5,60 DM je Tag.'
ãIn was f¸r Heimen?' fragt Werner er-
staunt.
Es war nur ein frommer Wunsch des Dichters.
In der Weimarer Republik sang man alle drei
Strophen der Nationalhymne, ohne bei ªzum
Schutz und Trutze´ an Tigerpanzer und West-
wall zu denken. Aber bei den Nazis muþte
man daran denken. Wenn das Deutschland-
lied zusammen mit der Hymne des Zuh"lters
Horst Wessel gebr¸llt wurde, gab es bei
uns jungen Menschen keinen Unterschied
zwischen der Poesie Fallerslebens und dem
Parteisong Wessels. Beide Lieder erschienen
uns gleich nazistisch. Sicher, das Deutschland-
lied verdient es nicht, daþ es genau so
radikal abgelehnt wird wie ªDie Fahne hochª.
Als Herr Adenauer aber in Berlin war, h"tte
er daran denken sollen, daþ bei uns, wenn
das Deutschlandlied gesungen wird, Erinne-
rungen wach werden. Erinnerungen an den
Miþbrauch, den man mit diesem Lied trieb.
Es ist historisch belastet. Es klebt noch zu-
viel Nazismus daran. Man sollte es darum
noch vergraben lassen, bis der Schmutz der
Vergangenheit von ihm gefallen ist, bis in
Deutschland die nazistischen Elemente aus-
gestorben sind. Jetzt wittern diese nur Mor-
genluft, wenn Herr Adenauer ihre nation"li-
stischen Instinkte weckt. Und es w"re doch
zu schade, wollte man eingefleischten Nazis
und Nationalisten eine Hoffnung geben.'
Dieser Brief wurde von einem jung en Kol-
legen aus Freiburg i. Br. geschrieben. Wir
haben ihn abgedruckt, weil er der Meinung
vieler Kollegen und Kolleginnen entspricht,
die verurteilen, daþ der Bundeskanzler an-
l"þlich seines Besuches in Berlin die 3. Strophe
des Deutschlandliedes anstimmte. Der Ju-
gendsekret"r Walter Kirschner aus Rem-
scheid schrieb: ãVielleicht besteht die M–g-
lichkeit, im ªAufwarts´ das Deutschlandlied
zur Diskussion zu stellen. Wir w¸rden da-
mit die jungen Kollegen zum selbst" idigen
politischen Denken anregen.'   Wir dan-
ken Walter Kirschner f¸r seine Anregung
und f¸r den kurzen Beitrag, den er f¸r uns
schrieb. Sein Grundanliegen ist aber schon
im Brief des Freiburger Kollegen enthalten.
Nun sind wir auf die Meinung unserer
Leser gespannt.      Zeichnung: Otto Schwalge
~~~~~ ã~ ~ ~
,Ach, du kennst die Gewerkschaftsheime
nicht? F¸nf St¸ck sind es. Paþ auf:
1. Schulungs- und Erholungsheim Hausham,
Oberbayern.
2. Thermalbad Sulzbach, M¸ntner-Schumann-
Heim.
3. Emmersh"user M¸hle, Emmershausen bei
Rod a. d. Weil.
4. Erholungsheim Paþh–he, Hallthurm.
5. Haus Raintaler Hof bei Garmisch-Parten-
kirchen.
Wenn jemand allein oder mit seinen An-
geh–rigen den Urlaub dort verbringen will,
muþ er sich direkt an das betreffende Haus
wenden und fragen, ob zu- der gew¸nschten
Zeit Platz vorhanden ist. Ich schreibe heute
sofort nach Hallthurm. Das ist in der N"he
von Reichenhall und Berchtesgaden. Dort ist
es sicher groþartig.'
,Gewiþ, ausgezeidhnetl' erwidert Werner
ironisch. ãNachher bezahlst du mehr Fahr-
geld, als der Pensionspreis ausmacht.'
ãHalt doch nur mal deinen Rand, bis ich
fertig vorgelesen habe', meint Willi fried-
lich. ãJetzt kommt doch erst der Knalleffekt.
Der DGB hat mit der Arbeitsgemeinschaft
DER f¸r Gesellschaftsreisen ein Abkommen
getroffen. Deshalb k–nnen wir als Gewerk-
schaftsmitglieder die Sonderz¸ge dieser Ge-
sellschaft benutzen, und der Fahrpreis er-
m"þigt sich dadurch bis zu 50 v. H. gegen-
¸ber den Urlaubskarten, auf die man sonst
angewiesen. ist. Sogar wenn du an einem
kleinen Ort wohnst und bis zum Sonderzug
noch weit fahren muþt, gibt es daf¸r Ver-
billigung.
Na, ist das keine feine Sache? Jetzt sagst
du nichts mehr! H–r zu, hier steht noch was:
Wer Gebrauch von den Sonderz¸gen machen
will, muþ sich unter Beif¸gung
a) eines Gutscheins in H–he von 5 DM f¸r
jede Person und
b) der Mitteilung des in Betracht kommen-
den Erholungsheimes, daþ er seinen
Urlaub dort verbringen wird,
an die Arbeitsgemeinschaft DER f¸r Gesell-
schaftsreisen, M¸nchen, Prannerstraþe 11,
wenden. Von dort bekommt er dann Mittei-
lung, ob er mit dem Sonderzug fahren kann
und wie hoch der Fahrpreis ist. Acht Tage
vor der Abfahrt des Sonderzuges erh"lt er
(eventuell auch f¸r seine Angeh–rigen) die
Fahrkarte per Nachnahme oder unter Vor-
einsendung des angegebenen Betrages zu-
geschickt.'
,Was ist denn da f¸r ein Gutschein gemeint?
Wo bekommt man den?' fragt Werner.
,,Du bist wie ein neugeborenes Kind. Das
h"ngt doch mit der Reisesparkasse des DGB
zusammen. Jeder, der seinen Erholungs-
urlaub in einem Gewerkschaftsheim ver-
bringt oder eine der ausgeschriebenen Ge-
sellschaftsreisen mitmachen will, erh"lt vom
DGB einen Zuschuþ von 5 DM in Form einer
Sparkarte, auf die er nat¸rlich auch weiter-
sparen kann bis zu seinem Urlaub. Ich gehe
heute sofort zu unserem Ortsausschuþ und
hole mir eine Sparkarte. Vielleicht f"hrt
unsere Ursula auch mit. F¸r sie bringe ich
gleich eine Karte mit.'
Jetzt wird Werner aufmerksam. ãJa, Willi,
das ist wirklich eine Sache, die man sich
¸berlegen muþ. Da hast du recht.' Und als
sie aussteigen, murmelt er leise vor sich
hin: ãWenn ich jede Woche ein paar Mark
sparen w¸rde? Gebrauchen k–nnte man so
was, Erholung - Ausspannung - ein paar
frohe Tage unter frohen Kameraden -   .
13


Go up to Top of Page