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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 9 (May 6, 1950)

hst
Ay ay ay Maria...,   p. 12


Page 12


Freut euch des Lebensl
Das sage ich nicht wegen dem Gemeinderat
von Hinterfutschenhausen; der interessiert
mich nicht und interessiert euch nicht - so-
fern ihr nicht das Pech habt, in so einem
komischen Nest zu wohnen. Nein, es ist
sch–ner und bringt euch noch mehr Freude
auf die Dauer. Ich habe das k¸rzlich auf
einem Tanzturnier erlebt: Wieviel Be-
schwingtheit, Feinheit und Figurenreichtum
liegt doch in den modernen T"nzen, wenn
man sie ridctig tanzt. Da geht einem das
Herz auf ob soviel Scharm und Grazie. Ver-
sucht es einmal.
Einen Rat f¸r den Herrn Vorsteher:
Um die Polizeikr"fte auch schlagfertig gegen
die Unsittlichkeit der Jugend einsetzen zu
k–nnen, m¸þten Landespolizeitanztheorie-
schulen eingerichtet werden. Dort erhalten
im Kampf um die Sauberkeit der Jugend
bew"hrte "ltere Schutzleute in sechsmona-
tigen Kursen Unterricht in allen Tanz-
formen, damit sie auch die guten von den
schlechten unterscheiden k–nnen. Nach er-
folgreich bestandenem Landespolizeitanz-
theorieschulexamen wird ihnen das "Sil-
berne Tanzbein" verliehen, das am linken
Oberarm, 5 cm unterhalb der Schulter-
st¸cke, zu tragen ist. Wer in unerm¸d-
lichem Einsatz 333 Tanzs¸nder zur Anzeige
gebracht hat, erh"lt die ãGoldene Tanzbein-
Plakette" und wird automatisch Ehrenmit-
glied des "Veteranenkorps im Kampf um
die bessere Jugend". Nur so wird eines
Tages wieder die herrliche Zeit anbrechen,
wo deutsche Zucht und deutsche Sitte auch
wieder im kleinsten Alpendorf zu Hause sind.
hst.
Wo junge Mensdien sind. ist die Freude. und wo
Freude ist, wird getanzt. Freude l"þt sich nicht nor-
mieren. Auch in Bayern tanzen sie auf ihre Weise:
Schuhplattler. Sollen wir ihn bei uns verbieten, weil
man sich dabei auf den Popo klatscht?
Ob das noch Freude ist, dar¸ber l"þt sich schon strei-
ten. Die beiden wollen den bestehenden deutschen
Rekord im Dauertanz von 246,5 Stunden ¸berbieten.
Im ¸brigen: Sie - eine arbeitslose T"nzerin, Er -
ein Penn"ler. (Die Lehrer sind vorsichtshalber zu Hause
geblieben.)                      Fotos: Felten, dpa
0         w1                              ' /1  <4r;  .  .
Der Gemeinderat in HelfternWestf. hat einstimmig beschlossen,
daþ Samba und samba"hnliche T"nze im Bezirk der Gemeinde
Helftern mit sofortiger Wirkung verboten sind. Zuwiderhandelnde
werden zur Anzeige gebracht.
Nachdem Helftern diesen mutigen Schritt
gegen, Unsitte und Zuchtlosigkeit der Ju-
gend getan hat, schlossen sich eine Menge
anderer Gemeinden in Westdeutschland an.
Aus Bayern, Niedersachsen, Baden und
Oldenburg h"ufen sich die Meldungen, "wo
verantwortungsbewuþte M"nner dem Trei-
ben der Jugend Einhalt gebieten".
Nur keine Aufregung . . .
Nehmt die Sache nicht zu tragisch. Das gibt
sich wieder. Es hat schon immer Menschen
gegeben, die sich dazu berufen f¸hlten, ¸ber
die ãSittlichkeit" - insbesondere ¸ber die
ihrer Mitmenschen - zu wachen, wobei
unsittlich meist gleich "neu" und "modern"
zu setzen ist. 19.. kam der kniefreie Rock
auf. Da ging ¸ber alle, die sich.so "unver-
froren in der Offantlichkeit zeigen", ein
"Sturm der Entr¸stung" nieder. 19.. trug
ihn jeder. - Jahre sp"ter wurde "New
Look" groþe Mode. Da ging die Schimp-
ferei wieder von vorne los.
Sogar der Walzer
Als vor rund 130 Jahren der Walzer auf-
12
kam, hat man sich ¸ber ihn nicht weniger
entr¸stet als heute ¸ber Samba, Rumba,
Swing, Jitterbug und Raspa. Stellt euch vor:
Unser braver Wiener Walzer wurde damals
in Wien bei strenger Strafe als "unz¸chtig"
verboten!  Die gleichen Attacken muþten
nadcdem ersten WeltkriegFoxtrott undcTango
¸ber sich ergehen lassen. Inzwischen haben
sich diesbez¸glich auch die "vornehmste
Dame" und der biederste Dorfamtmann be-
ruhigt, bis - ja, bis der Samba kam.
Selbsterkenntnis Ist der erste Weg . . .
Hand aufs Herz: Ein klein wenig sind wir
auch mitschuldig am schlechten Ruf des
Samba. Wir tanzen ihn - wie auch viele
andere T"nze - oft mehr ausgelassen als
sch–n. Na ja, wir sind halt jung, und das
nur einmal. Es l"þt sich ja auch soviel
Temperament da hineinlegen. Aber versucht
Xes doch einmal ein biþchen nett und stil-
voll, ein wenig dezent und "sthetisch. Das
heiþt nicht: so steif und langweilig, wie
man's beim Tanzlehrer Kuhlemeyer lernt,
aber . . . ihr versteht mich schon.


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