University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 9 (May 6, 1950)

Schulentlassene Jugend in Not,   p. 2 PDF (716.5 KB)


Page 2


Das Statistische Amt in Wiesbaden hat er-
rechnet, daþ in diesem Jahr insgesamt 721 000
Jugendliche die Schulen verlassen. 346 000
Sch¸ler und Sch¸lerinnen sind bereits in den
Osterwochen ausgeschieden, zwischen Juli
und September werden weitere 275 000 fol-
gen. 100 000 Entlassungen kommen noch aus
den mittleren und h–heren Lehranstalten
dazu.
Die kritische Lage auf dem Arbeitsmarkt
d¸rfte also trotz der w"rmeren Jahreszeit
und dem Beginn der Besch"ftigungsm–glich-
keiten f¸r saisonbedingte Berufe noch weiter
andauern, wenn es der Bundesregierung
nicht gelingen sollte, die schulentlassene Ju-
gend m–glichst schnell in den Arbeitsprozeþ
zu ¸berf¸hren. Besonders ernst zeichnet sich
nach den statistischen Unterlagen die Situa-
tion der weiblichen Jugend ab, f¸r die nur
in bescheidenem Umfange Lehrstellen und
Arbeitspl"tze - f¸r je f¸nf M"dchen steht
nur ein Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zur
Verf¸gung - beschafft werden k–nnen.
Zust"ndige Beamte des Bundesarbeitsmini-
steriums haben zwar gewisse Mutmaþungen
in der Presse ¸ber den katastrophalen Mangel
an Lehrstellen als unrichtig und ¸bertrieben
bezeichnet, verhehlten aber durchaus nicht,
daþ allein f¸r die m"nnliche Jugend minde-
stens 20 v. H. Arbeitspl"tze bzw. Lehrstellen
noch ausfindig gemacht werden m¸ssen. Wir
erinnern uns in diesem Zusammenhang eines
Berichtes des Bundestagsausschusses f¸r Ju-
gendfragen, der vor einigen Monaten den
Prozentsatz arbeitsloser Jugendlicher, ver-
glichen mit der Gesamtzahl der Arbeitslosen
im Bundesgebiet, mit einem Drittel angab.
Dabei hat sich in verschiedenen Berufszwei-
gen bereits ein empfindlicher Nachwuchs-
mangel bemerkbar gemacht.
Bundesarbeitsminister Storch  beabsichtigt,
dem Kabinett m–glichst bald einen Gesetz-
entwurf zur Berufsvorschulung der Jugend
vorzulegen, um den Schulentlassenen ohne
Lehrstellen zu erm–glichen, sich in Kursen
auf bestimmte Berufe vorzubereiten. Die
Dauer der Berufsvorschulung soll dann sp"ter
auf die Lehrzeit angerechnet werden. Wenn
auch diese Anregung in der Offentlichkeit
sehr optimistisch aufgenommen wurde, so
h"lt das Bundesarbeitsministerium heute
nicht mit der Bef¸rchtung zur¸ck, daþ ein
solcher Plan an den beschr"nkten Finanzie-
rungsm–glichkeiten scheitern k–nnte.
Man hat anscheinend in Bonn auch das Ge-
f¸hl, daþ mit solchen Maþnahmen allein das
drohende Gespenst der Arbeitslosigkeit und
der Verwahrlosung der Jugend nicht ver-
trieben werden kann. Die Frage, ob ein
Arbeitsdienst der Ausweg aus dem augen-
blicklichen Dilemma sein k–nnte oder nicht,
ist daher gerade in diesen Wochen wieder
laut geworden. W"hrend beispielsweise der
Vorsitzende der Katholischen Arbeiterver-
wcr reaau Ha korªd D: el#he Se&4                aed
(Aus: W\esttd htsche Allgemeine Zeitung)
eine, Landtagspr"sident Gockeln (NRW),
einen freiwilligen Arbeitsdienst bef¸rwor-
tete, erkl"rte  der Bundesarbeitsminister
Pressevertretern gegen¸ber, daþ die daf¸r
erforderlichen Mittel besser f¸r Lehrlings-
werkst"tten, Jugendwohnheime und Arbeits-
beschaffung verwendet werden sollten.
In einem Aufruf ,Jugend ohne Beruf -Volk
ohne Zukunft!' der u. a. vom Bundespr"si-
denten der Bundesregierung, Politikern, auch
von Hans B–ckler und f¸hrenden Industrie-
vertretern unterschrieben wurde, wird darauf
hingewiesen, daþ durch eine besch"ftigungs-
lse Jugend der Wirtschaft unabsehbarer
Schade erwachsen wird, wenn die in weni-
gen Jahren infolge der Uberalterung vieler
Berufszweige zu erwartenden L¸cken durch
gr¸ndliche Nachwuchsschulung nicht ge-
schlossen werden k–nnen. Alle Ausbildungs-
und Arbeitsm–glichkeiten f¸r die Jugend
m¸þten daher ausgesch–pft werden, um eine
volkswirtschaftlich, sozial und politisch ver-
h"ngnisvolle Entwicklung abzuwenden. Die
Bundesregierung, der Bundestag und der
Bundesrat sowie alle unterzeichneten Ver-
b"nde und Einrichtungen des –ffentlichen
Lebens versprechen in diesem Aufruf, daþ
alle ihnen zur Verf¸gung stehenden Mittel
zur Uberwindung der Berufsnot der Jugend
eingesetzt werden. Es bleibt zu hoffen, daþ
die Vertreter der Arbeitgeberverb"nde und
der Industrie ihr schriftlich gegebenes Ver-
sprechen auch mit der Tat einl–sen. Wir
werden sie zu gegebener Zeit daran er-
innern.
Der Bundeskanzler hat vor dem Parlament
und dem Volk angek¸ndigt, alles zu tun, um
durch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm der
erdr¸ckenden Hypothek seiner Wirtschafts-
politik Herr zu werden. Im Interesse der
Zukunft des Volkes wird er jetzt ohne wei-
teres Z–gern alles einsetzen m¸ssen, um
einer bedr"ngten Jugend den Weg in das
Elend - und damit auch in die Arme poli-
tischer Hasardeure zu ersparen.
DIE ARBEITSLOSEN
Vor dem Arbeitsamt sehe ich
Menschen.
Eine lange Schlange
Menschen.
Doch ich dachte nur, es w"ren
Menschen;
denn j¸ngst las ich, es w"ren
keine.
Nur Wirtschaftserscheinungen
waren sie, die dort stehen,
las ich,
alle.
Sonst w¸rde sie nicht so gehen,
die Wirtschaft,
f¸r einige. Darum schreiben sie,
es w"ren keine.
Aber vielleicht glauben sie es nicht,
die dort stehen,
und denken doch, sie w"ren
Menschen.
Kurt Sdclidcting


Go up to Top of Page