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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 4 (February 25, 1950)

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Page 4


FR I E DR IC H E B E RT
1918, als der erste groþe Weltkrieg zu
Ende ging und Deutschland zusammen-
brach, hatte das deutsche Kaisertum alles
Vertrauen im Volke verloren und muþte
abdanken. Um das deutsche Staatsschiff
nicht ganz versinken zu lassen, muþten
M"nner aus dem Volke das Ruder er-
greifen. Einer dieser M"nner war Fried-
rich Ebert, ein Sattlergehilfe, der im
Dienste der Arbeiterbewegung zu einem
ihrer F¸hrer geworden war. Friedrich
Ebert war ein Mensch des festen Wollens
und des starken Willens. Er war ein
K"mpfer f¸r eine bessere Zukunft. Nach
1918 hat er den Verfall Deutschlands
verh¸tet und entscheidend zum Aufbau
der ersten deutschen Republik beigetragen.
Vom Vertrauen des Volkes getragen,
wurde er der erste Reichspr"sident des
neuen Staates. Sechs Jahre stand er an
der Spitze, und unter den schwersten
Bedingungen muþte er seine Arbeit tun.
Die alte Welt der Abgetretenen, die vor
dem Kaisertum buckelten, begegneten
ihm mit Hochmut . und Spott, Haþ und
Undank. Aber mit W¸rde, unbeirrbar und
zielsicher ging Friedrich Ebert seinen
Weg. Der ehemalige Sattlergeselle zeigte
eine gr–þere politische Einsicht als alle
gekr–nten und ungekr–nten Fachm"nner.
Doch wurde er im wahrsten Sinne des
Wortes in den Tod getrieben. Eine
sch"ndliche Hetze warf ihn aufs Kranken-
bett. Am 28. Februar 1925 starb er.
Friedrich Ebert hat nie vergessen, daþ er
ein Arbeiter, ein Sohn des Volkes war.
Immer lebte er bescheiden und einfach,
und in voller Offenheit bekannte er, wo-
her er kam. Daf¸r ist auch das folgende
kleine Erlebnis bezeichnend.
Ebert als Straþenkehrer
Der erste Pr"sident der Deutschen Repu-
blik f"hrt nach M¸nchen, um dort offiziell
Besuch zu machen. Der bayrische Mini-
sterpr"sident Graf Lerchenfeld geleitet
ihn in den historischen Saal des alten
Rathauses. Eisige Zur¸ckhaltung emp-
f"ngt ihn. Er ist mitten im feindlichen
Lager.
Pl–tzlich entdeckt Ebert das ihm bekannte
Gesicht des Staatsrates von Graþmann.
Erfreut geht er auf ihn zu und kommt so-
fort in ein lebhaftes Gespr"ch mit ihm.
Sie sind beide S¸ddeutsche und haben
sofort Ber¸hrungspunkte. Herr Dr. Graþ-
mann erz"hlt gerade, daþ er in Neuburg
an der Donau geboren sei, als Ebert ihm
schnell ins Wort f"llt: "Mein Gott, aus
Neuburg sind Sie? Da kenn' ich ja jeden
Pflasterstein.' - "Woher denn, Herr
Reichspr"sident?' -- Ja, wissen Sie, als
ich noch als Handwerksbursch auf der
Walz' war, bin ich durch Neuburg ge-
kommen. Schwupp hat mich auch schon
ein Polizist gehabt und mir einen Besen
in die Hand gedr¸ckt: ªDa, kehr' die
Straþen!´ Daher kenn' ich's ganz genau
- besonders die Pflasterstein'!'
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Im Jugendareissdudzgesetz vom 30. April 1938 heiþt es im Paragraph
8:
1. Den Jugendlichen ist die zur Erf¸llung der gesetzlichen Berufssdcul-
pflicht notwendige Zeit zu gew"hren.
2. Die Unterrichtszeit In einer Berufsschule Ist auf die Dauer der Arbeits-
zeit anzurechnen.
Die Erziehungsbeihilfen oder der Lohn ist f¸r die Unterridctszeit weiter-
zuzahlen.
Die in letzter Zeit immer h"ufiger wer-
denden Verhandlungen vor den Jugend-
gerichten zwingen die Gewerkschaften,
ein gr–þeres Augenmerk auf dieses Ge-
biet des Jugendarbeitsschutzes und des
in diesem Zusammenhang g¸ltigen Reichs-
schulgesetzes vom 6. Juli 1938 zu wer-
fen. Ich m–chte zun"chst zwei F"lle
herausstellen.
Da w"re ein 16j"hriger Hilfsarbeiter in
einem Zeitschriften- und Lesezirkel-
unternehmen. Seine t"gliche Arbeitszeit
beginnt morgens um 5 Uhr, wenn aus
den Verlagsorten die Tageszeitungen
am  Bahnhof ankommen.    Abends um
8 Uhr ist seine Arbeitszeit zu Ende. Auf
seine Vorstellungen beim Chef, daþ er
zur  Berufsschule  m¸þte,  entgegnete
ihm dieser: Ach was, die Arbeit bei
uns geht vor.' So geht es Woche f¸r
Woche, bis die Berufsschule Anzeige
erstattet und unser junger Kollege eine
Vorladung vom Jugendgericht erh"lt.
Erst jetzt findet er den Weg zum Ge-
werkschaftsb¸ro und macht seinem Her-
zen Luft. Der Jugendsekret"r nimmt
sich dieser Sache an und wird auf Grund
der ßß 32 und 43 des Reichsjugend-
gesetzes. (RJGG) beim' Jugendgericht zu-
gelassen. Es gelingt ihm durch die Lohn-
abrechnungen zu beweisen, daþ der Ju-
gendliche im Monat durchschnittlich 280
Stunden gearbeitet hat und demzufolge
keine Zeit zum Schulbummeln ¸brig-
blieb. Auch der als Zeuge geladene
Gewerbeoberlehrer entlastet den Jun-
gen, der jetzt wieder regelm"þig zur
Berufsschule kommt, nachdem er eine
andere Arbeitsstelle gefunden hatte. Es
erfolgte ein Freispruch. Wegen der Miþ-
achtung der gesetzlichen Bestimmungen
des  Jugendarbeitsschutzes  wird  der
fr¸here Arbeitgeber durch das Arbeits-
gericht erfahren, daþ man junge Men-
schen nicht als billige Arbeitskraft aus-
beuten darf.
Bei dem anderen Fall, einer jungen
Hausangestellten, liegt die- Schuld nicht
direkt beim Arbeitgeber. Sie kommt
aus schlechten h"uslichen Verh"ltnissen.
Der Vater ist seit langem arbeitslosdie
Kleidung der Jugendlichen und ihre
Schuhe tragen deutliche Spuren der wirt-
schaftlichen Not. Sie sch"mte sich in der
alten Kleidung in die Berufsschule zu
gehen. Seit sechs Wochen hat sie eine
neue Stelle und von ihrer Arbeitgeberin
ein Kleid und ein Paar Schuhe geschenkt
bekommen. Auch sie kommt ohne Strafe
davon, allerdings mit der Maþgabe, sich
innerhalb einer Woche bei der Berufs-
schule zu melden und diese regelm"þig
zu besuchen.
Aus diesen beiden F"llen m¸ssen wir als
junge Gewerkschafter die Lehren ziehen.
Jeder Lehrling, jeder jugendliche Arbeit-
nehmer tr"gt selbst die Verantwortung,
wenn er seiner Berufsschulpflicht nicht
nachkommt.              Walter Kirsdcner
In der groþen Debatte um den Antrag der
Opposition zur Bek"mpfung der Arbeitslosig-
keit und um das von der Regierung vor-
gelegte Arbeitslosenbesch"ftigungsprogramm
erkannten sowohl die Sprecher der Koali-
tion als auch die Antragsteller, daþ dabei
die Jugendarbeitslosigkeit ein zentrales Pro-
blem ist, dessen sich die Regierung beson-
ders anzunehmen hat.
Der SPD-Abgeordnete Prof. Dr. N–lting,
Wirtschaftsminister  von  Nordrhein-West-
falen, hatte erkl"rt:
"Die Blutspuren Hitlers lassen sich nur mit
Arbeitsschweiþ abwaschen. Wir k–nnen es
uns nicht leisten, daþ namentlich ein Teil
der zur Schulentlassung kommenden Jugend
heute nicht in Lehre und Arbeit eingewiesen
werden kann. 510000 Jugendliche zwischen
14 und 18 Jahren stehen schon jetzt ohne
Arbeitsplatz da; das ist eine furchtbare
Hypothek f¸r jedes Staatswesen. Die heran-
r¸ckende Welle der Schulentlassenen m¸þte
die gr–þte Hoffnung der leistungsgeschw"ch-
ten deutschen Wirtschaft sein; praktisch ist
sie uns heute leider mehr ein Alpdruck. Im
Reichsgesetz f¸r Jugendwohl vom Januar
1923 steht der sch–ne Satz: ªJedes deutsche
Kind hat ein Recht auf Erziehung zur leib-
lichen, seelischen  und  gesellschaftlichen
T¸chtigkeit.´ Wir bekennen uns zu diesem
Satz, versp¸ren aber schmerzlich den Ab-
stand zwischen Forderung und Wirklichkeit.
Jugend ohne Hoffnung ist f¸r jeden Gesell-
schaftsk–rper soziales Dynamit. Aus der so-
zialen Not droht sich eine nationale, ich will
besser sagen nationalistische Frage zu ent-
wickeln. Wir haben es schon einmal erlebt,
daþ uns sechs bis sieben Millionen Arbeits-
loser sturmreif gemacht haben f¸r die Dik-
tatur  des  demagogischen  Schnapphahns
Adolf Hitler, der verzweifelte Menschen in
seinem braunen Bierzelt zusammenfegte, um
daraus seine Sturmkolonnen zu formieren.
Demokratien m¸ssen den Beweis erbringen,
daþ man in ihnen nicht nur freier, sondern
auch gesicherter und besser lebt, sonst wer-
den sie erbarmungslos untergepfl¸gt. Wir
fragen daher: ist die Regierung ¸berhaupt
bereit, zuzugeben, daþ Vollbesch"ftigung
zum zentralen Problem der Wirtschaftspoli-
tik erhoben wird?  - Man ¸berh–re nicht
die warnende Stimme der Gewerkschaften
aus K–nigswinter. Gewerkschaften pflegen
ihre Worte wohl abzuw"gen; aber gerade
deshalb sind sie doppelt gravierend.'
Als Sprecher der Regierung erkl"rte Bun-
desarbeitsminister Anton Storch:
,Ich weiþ, daþ wir in der Bundesregierung
vor eminent schwierigen Aufgaben stehen.
Das Arbeitslosenproblem hat dadurch eine
besondere Note, daþ der gr–þte Teil der
Arbeitslosen Jugendliche sind. Man fragt,
woher kommt das? Die Antwort ist gar nicht
so schwer. Der Nationalsozialismus hat die
jungen Menschen ohne eine ausreichende
berufliche Ausbildung zum Arbeitsdienst
gebracht, er hat sie von da zum Milit"r
gehen lassen und dann haben Hunderttau-
sende jahrelang in der Kriegsgefangenschaft
gesessen. Diese Menschen sind nicht in der
Lage zu sagen, daþ sie eine abgeschlossene
Berufsausbildung h"tten.
Dazu kommt ein Zweites: die Zahl derjeni-
gen jungen Menschen, die jetzt aus der
Schule entlassen werden und in der ge-
schrumpften Wirtschaft ihren Platz noch nicht
finden k–nnen, ist sehr groþ. Wir sind uns
in der Regierung v–llig klar dar¸ber, daþ
wir diejenigen jungen Menschen, die jetzt
noch nicht in ein Lehr- oder Arbeitsverh"lt-
nis kommen k–nnen, schulm"þig wirtschaft-
lich so schulen m¸ssen, daþ wir sie zu einem
sp"teren Zeitpunkt mit einer verk¸rzten
Lehrzeit ins Wirtschaftsleben ¸berf¸hren
k–nnen.<'
Wie wir in unseren letzten Nummern schon
mehrfach herausgestellt haben, bedarf es
jetzt von seiten der Regierung nicht mehr
der Worte, sondern endlich der Taten.
Nie ge&t ei weite.?
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