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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 8 (April 22, 1950)

Maran, Pierre
Die Kautschukernte,   pp. 10-[11]


Page [11]


Wieder saþen wir drei im Wagen. Ich fuhr.
Wir kamen zum ersten Feld und hielten
an. Wie eine Prozession gingen wir einer
hinter dem andern ¸ber den Feldweg.
.Da ist 'ne braune Stelle!' deutete Mutter.
Langsam gingen wir durch die Reihen.
Mitten in dem gr¸nen Weizen, der schon
fast eine Spanne hoch war, waren Stellen,
wo die Halme braun am Boden lagen oder
in einem kranken, weiþlichen Gr¸n dahin-
welkten, hier und da waren audc ganz
kahle Flecke.
Ich schaute ¸ber das Feld. Meist war der
Weizen tiefgr¸n, und er stand gut. Ich riþ
an einem gesunden Halm. Er hielt sich in
der Erde, als reichten seine Wurzeln
metertief.
Idc sah den Vater an. Sein Gesicht war
hager und vom Wind ger–tet. Er kaute auf
einem Streichholz, als er durch die Reihen
ging. Ich sp¸rte seine Unruhe. Er setzte den
Hut ab und wieder auf. Dann aber suchte
er nach seinen Zigaretten und steckte eine
so aufmerksam an, als ob ihn der Weizen
kaum noch interessiere. Mutter war uns
weit voraus.
.Wie sieht-s aus, Vater?' Ich konnte nicht
l"nger warten. ãJa', sagte er langsam, äder
Weizen ist fleckig. Aber er steht besser,
als ich dachte. Er steht sogar so gut, daþ du
im Herbst erster Klasse zur Universit"t
fahren kannst, M"dchen! Die K"lte und der
Regen der letzten Wochen haben ihn ein
wenig niedergehalten, aber jetzt wird er
schon kommen. - Anna!', rief er.
.Ben!' Mutters Stimme war froh. äSchau'
mal her! Hier steht er gut. Er sieht besser
aus als in der vorigen Woche.' Sie kam zu
Vater zur¸ck.
.ich dachte, du h"ttest den M"hdrescher
schon abgeschrieben!', lachte Vater.
.Na, f¸r Hagel und Heuschrecken ist immer
noch Zeit. Werde nur nicht ¸berm¸tig!' Sie
sah ihn mit lustigen.Auqen an.
Idc ging zum Wagen. Heute nachmittag wollte
ich Leslie hierher bringen, daþ er den Weizen
sah, dem die K"lte nichts anhaben konnte.
"Siehst du, Leslie', w¸rde ich sagen, äder
Weizen ist nicht gestorben. Ja, auf ein paar
kleinen Stellen vielleicht - aber versuche
den Halm hier herauszuziehen. Der Weizen
ist stark und gr¸n!' Leslie w¸rde wissen,
was ich sagen wollte. Seine Augen w¸rden
leuchten.
Ich stieg in den Wagen und wartete auf
Vater und Mutter. Sie waren noch tiefer
ins Feld gegangen. Nun standen sie dicht
beieinander. Sie wirkten kleiner unter dem
endlosen Himmel Montanas, Mutter dick
und st"mmig, Vater sdcmal, hager und ein
wenig gebeugt.
Warum hatte ich mir nur soviel Gedanken
um sie gemacht? Ich war so äblind in dieser
Welt' gewesen, wie Mutter damals sagte.
Die Liebe meiner Eltern hatte tiefe und
starke Wurzeln. Ich muþte Warren einmal
sagen, daþ Liebe Zeit zum Wachsen braucht,
wenn sie Bestand haben soll. Mein Leben
sollte so stark und best"ndig werden wie
Winterweizen, der Trockenheit und Regen,
Schnee und Sonne ¸berdauert.
Ich dr¸ckte auf die Hupe. Sie kr"hte l"rmend
in den Fr¸hlingstag. Kommt', rief idc, äder
Weizen w"chst auch nicht schneller, wenn
ihr ihn anseht.'
Mutter winkte. äImmer mit der Ruhe!' rief
Vater zur¸ck.
Dann kamen sie zusammen ¸ber das Feld
zu dem Wagen. Ich war stolz auf meine
Eltern.               Zeichnungen: Josef Herfl
Mildred Walker: Yeleea In der amerikaniscien Ori-
ginalausgabe heiþt dieser Roman: Winter wheat =
Winterweizen, und dieser Titel ist viel bestimmter
und bestimmender f¸r die ganze Handlung als der
Name des M"dchens, das sein Leben darin erz"hlt.
In den weiten Getreideanbaugebieten im Westen Nord-
amerikas auf einer Rands w"chst Yelena auf. Ihr
Vater ist Amerikaner. ihre Mutter Russin. Im ersten
Weltkrieg hat die beiden das, was wir leicht Zufall
nennen, zusammengef¸hrt.
Schwerblutig und oft hart ist die Mutter, krank und
voller Sehnsucht nach einem Leben "uþerer Sch–nheit
der Vater. Eine ungl¸ckliche Ehe also? Nein, so
leicht machen sich das Urteil immer nur die Auþen-
stehenden.
Auch B–ses und Schweres bindet. Kaum einem Men-
schen bleibt es erspart zu erfahren, daþ es eine
Einsamkeit gibt, aus der keine Brudken f¸hren. Nur
in gesegneten Stunden kann man sie vergessen. Aber
sie ist gut dazu, uns zu uns selber zu bringen.
Winterweizen. - Die K"lte bedroht ihn wie der
Hagel, schwer windet sich sein Blaugr¸n aus dem
harten,  rissigen  Boden  der  ehemaligen  Pr"rien.
Meint es das Wetter gut, dann werden 30 Bushel
je Einheit geerntet, und Yelena kann ein Jahr stu-
dieren. Gibt es nur 4 Bushel. dann h"ngt die Not
wie eine graue Glocke bis zur n"chsten Ernte ¸ber
den Weizenbauern.
Auch die Menschen in diesem   Buch sind wie das
Korn. das sie anbauen: Weizen kann viel ertragen.
Der beste Weizen braucht K"lte und Schnee. Durre
und Hitze. um reiche Ernte zu tragenf.
Ein tr¸bes Buch? Nein. Wie ein zur rechten Zeit
kommender Regen Bl¸tenf¸lle aus der Pr"rie zaubert.
so leuchten audc in Yelenas Leben die Liebe zum
feinnervigen Gil, das Studium an der Universit"t, die
Liebe die sie mit Vater und Mutter verbindet.
Fiir die Miusikalischen unter unseren Lesern wissen
wir einen Vergleich: Wie die V. Sinfonie von Dvorak
iAus der neuen Welt) ist dieser Roman, wie Sep-
temberhimmel ¸ber weitem Stoppelfeld. Wir w¸n-
schen diesem Buch, es erschien im Verlag Harriet
Schleber iPreis DM 8.50). viele Leser.
wort des Komman-
danten: äPaþ auf,
was der Komman-
dant dir befiehlt.
Wenn du bis heute
abend hier nicht ein
halbesDutzendH¸h-
ner, ein Ziegenlamm
und einen Korb
voll Eier abgelie-
fert hast, gibt es
Wellblech.- Auþer-
dem wird deine
Schwester, die Frau
- s   *      ~~des Filschers ma-
coude, meine Frau. - Der Kommandant hat
mir gr:sagt, nimm sie, wenn du sie brauchst,
und ich will sie noch heute abend haben.
Hast du verstanden?"
Batouala schweigt. Sein K–rper zittert. Dann
schreit er zur¸ck: äNein, das hat der Kom-
mandant nicht gesagt!'
.Boula! - Bandi! - Ali!' - br¸llt der Ser-
geant, und drei Kolonialsoldaten kommen
aus der Station gesprungen.
.Fort mit ihm in den Arrest!' kommandiert
Sandoukou. Er verl"þt sich auf die gerie-
benen Soldaten als Zeugen und erkl"rt dem
Offizier: äEr hat euch' in seiner Schweine-
sprache beleidigt!'
.Schwer beleidigt! - Sehr schwer!' best"ti-
gen die Soldaten.
Im Gesicht des Offiziers spannen sich alle
Muskel und pressen einen Fluch heraus:
äVerdammter Satan! - Du wagst mich zu
verh–hnen? - Weiþt du nicht, daþ wir
Kommandanten f¸r das Gewicht eures Kaut-
schuks verantwortlich sind? - Bei deiner
Ablieferung habe ich morgen die Anschnau-
zer aus Krebedge und Banjui zu erwarten!
- Das weiþt du nicht? - Aber wir wissen
deine Aufwiegeleien im Bezirk! - Weiþt du
¸berhaupt wer du bist -    Hier existiert
kein H"uptling Batoualal -Jeder Schwarze
ist der Knecht des Weiþen! - Der Knecht
und keinen Dreck mehr!'
Der Offizier schnippt mit dem Daumen als
Zeichen f¸r die Soldaten, Batouala abzu-
f¸hren.
äVierzehn Tage Wellblech und zehntausend
Franken Geldstrafe!'
Sandoukou ¸bersetzt dem H"uptling scha-
denfroh den Befehl.
Djouma, der zottige Hund Batoualas, ver-
harrt schweigend neben seinem Herrn, w"h-
rend die M"nner und Frauen der Sippe, die
wenige Schritte abseits den Urteilsspruch
vernommen haben, sich mit den Quittungen
zur Faktorei begeben und "ngstlich ihre
Blicke an die Erde heften. Der Hund schaut
mit gespitzten Ohren seinen Leuten nach,
doch kommt kein Pfiff, der ihn fortlocken
k–nnte. Er bleckt immer wieder die Z"hne,
wenn der Weiþe seine Fl¸che in die Erde
stampft.
,Wem geh–rt dieser Hund'' st–þt der Offi-
zier mit dem Stiefel nach dem Tier. äIch will
diese Biester nicht sehen! - Weg damitl -
Sofort! '
Steinw¸rfe - und w¸tendes Gebell des
Hundes, der den Steinen ausweidct und da-
vonl"uft.
Die Soldaten f¸hren Batouala ab.
Aufgeregt kommen die H"uptlinge mit ihren
ausbezahlten Quittungen aus der Faktorei.
Die ewige Taschenspielerei, die sich in aller
Welt fortsetzt wie die Wellen von Licht und
Schall. Die Eingeborenen z"hlen den aus-
bezahlten Betrag f¸r die Kautschukernte von
der einen Hand in die andere und gehen
zur¸ck zur Station, die Kopfsteuern f¸r ihre
Sippen zu bezahlen.
Im weiten Bogen ist Batoualas Hund um die
Station herum  gelaufen und scharrt sich
unter dem Maschendraht der Umz"unung
einen Durchsdclupf. Die Nase schnuppernd
an der staubigen Erde, entdeckt das Tier die
Spuren, danach es sucht - und rennt
sdcweifwedelnd auf die Wellblechbaracken
zu. Wie ein Pfeil auf sein Ziel jagt das Tier
¸ber den Sand und springt in die offenen
Arme seines Herrn.
Batouala l"chelt, als w"re ihm nichts ge-
schehen und liebkost an seiner nackten
Brust das treue Tier.
Berechtigte Ubersetzung aus dem Franz–sischen von
C. P. Hiessen.      Zeichnungen: Hubert Berke
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