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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 8 (April 22, 1950)

Bo., K.
Seit 60 Jahren,   pp. 6-[7]


Treppte, Hans
Brief an einen Staatsanwalt,   p. [7] PDF (799.6 KB)


Killat
Berufswettkampf,   p. [7]


Page [7]


Jugend bei den Maikundgebungen vor 1933
arbeitenden Menschen der ganzen Welt
unter dem gleichen Joch seufzten und von
dem gleichen Willen beseelt waren, f¸r eine
Verbesserung ihrer Lage zu k"mpfen, wurde
der Weltfeiertag der Arbeit zum Inbegriff
aller Hoffnungen auf den endlichen Sieg
einer gerechten Sache.               K. B<.
Fotos: Archiv, Histor. Bildarchiv, Handlcr-Berneck (2.
BRIEF AN EINEN STAATSANWALT
Sehr geehrter Herr Schl¸terl
Ich f¸hle mich verpflichtet, nochmals an
Sie zu schreiben, um einiges richtigzu-
stellen. Denn immer, wenn man glaubt,
man habe etwas besonders gut gemacht,
liegt man gew–hnlich daneben.
In Nummer 5 unserer Zeitschrift richtete
ich einen Offenen Brief an Sie, der den
von Ihnen in Opladen gehaltenen Vor-
trag zum Thema hatte. Als Unterlage
diente mir der im Wuppertaler General-
Anzeiger erschienene Bericht, der mir
von jungen Kollegen mit entsprechenden
Begleittexten ¸bermittelt wurde. Sie sind
mittlerweile in den Besitz dieses Zei-
tungsberichtes gekommen, und Sie werden
mir zubilligen, daþ Anlaþ vorhanden
war, dazu etwas zu sagen.
Aber sehen Sie, man kann nicht vor-
sichtig genug sein, denn zwei Tage nach
Erscheinen des Aufw"rts riefen zwei
Kollegen aus D¸sseldorf, die Sie aus
Ihrer Arbeit sehr gut kennen, bei mir
an und sagten, hier wA're uns ein b–ser
Irrtum unterlaufen. Kurz und gut, so war
es auch. Der von uns als Unterlage be-
nutzte Brief war nicht einwandfrei, in-
dem der Berichterstatter nur die von
Ihnen erw"hnten Tatsachen, nicht aber
Ihre  Stellungnahme  erw"hnte.  Und
darauf bin ich hereingefallen.
Nach anderen mir vorliegenden Zeitungs-
berichten haben Sie in Wirklichkeit ganz
eindeutig und klar ¸ber die Ursachen der
Jugendkriminalit"t gesprochen. Sie haben
u. a. gesagt: Wohnungsnot, schlechte
Beispiele, fehlende V"ter sind Ursachen
der  Jugendkriminalit"t.  Die  Jugend
wachse unter Verh"ltnissen auf, die so
miserabel seien, wie sie in der Geschichte
noch nicht dagewesen sind. 5001e aller
Kinder haben kein eigenes Bett.' Und
Sie sagten weiter: Bevor wir strafen
und mit Forderungen an die Jugend
herantreten, haben wir zuerst eine soziale
Pflicht zu erf¸llen. Die Jugend hat ein
Recht darauf, daþ ihr geholfen wird. Die
Erwachsenen haben versagt, denn das
gute Beispiel ist die wirksamste Er-
ziehung.'
Indem ich diese S"tze anf¸hre, will ich
sagen, daþ Sie ganz offen ¸ber das
,Warum' und Wieso' gesprochen haben,
wie es eigentlich besser nicht gesagt
werden kann. Und damit sind meine
Anw¸rfe, Sie h"tten es unterlassen, un-
berechtigt.
Ich bedauere, daþ Ihnen auf Grund nicht
einwandfreier Unterlagen unrecht ge-
schah und hoffe, bald unseren Lesern
mehr und ausf¸hrlich ¸ber Ihre fort-
schrittliche Arbeit als Jugendstaatsan-
walt sagen zu k–nnen.
Hochachtungsvoll
Hans Treppte.
Von der DAG wird im Mai dieses Jahres
ein sogenannter Berufswettkampf' propa-
giert, der f¸r Lehrlinge und Jungangestellte
ausgeschrieben ist. In Ausschreibungen und
Aufrufen wendet sich die DAG dabei nicht
nur an ihre Mitglieder, sondern an die ge-
samte deutsche Angestelltenjugend, und ver-
sucht auch sonst, die Offentlichkeit f¸r diese
Maþnahme zu interessieren. Es ist deshalb
notwendig, daþ auch wir einmal hierzu
Stellung nehmen.
Bei einer Betrachtung dieser Dinge stellt
sich uns zuerst die Frage: .Berufswettkampf',
ja oder nein? Wer sich einmal etwas ge-
nauer mit diesem Berufswettkampf' be-
faþt, kommt zu der Feststellung, daþ die
b e r u f Ii ch e Leistung eines Angestellten
nicht meþbar ist, es sei denn, man lieþe alle
wesentlichen und bedeutsamen Pers–nlich-
keitswerte v–llig auþer acht. Initiative, Ver-
antwortungsbewuþtsein, Organisations- und
Verhandlungsf"higkeit, Menschenkunde (Be-
handlungderKundschaft oder einesBeh–rden-
besuchers) sowie Kollegialit"t und Kame-
radschaft sind Werte, die nicht meþbar, aber
f¸r die Arbeit eines Angestellten von emi-
nenter Bedeutung sind.
Wirklich meþbar sind nur die elementaren
Grundkenntnisse, wie Deutsch, Rechnen, Han-
delskunde, Stenogrammaufnahme und Ma-
schineschreiben, die aber nur Teilgebiete
des Berufes eines Angestellten darstellen.
,Wettk"mpfen auf diesen Gebieten sind zwar
m–glich, bedeuten dann aber nur Pr¸fungen
auf Spezialgebieten und k–nnen eher Spe-
zialistentum und individualistisches Streber-
tum f–rdern ohne wirkliche Wertung des
Berufs und der ganzen Pers–nlichkeit. Die
Sph"re eines Berufswettkampfes kann nur
der Betrieb oder die Wirtschaft sein, in der
sich der Mensch in seiner Gesamtheit zu be-
w"hren hat. Ihr am n"chsten kommt noch
die Ubungsfirma, in der Lehrlinge und
Jungangestellte in einer Betriebsatmosph"re
arbeiten. Auf diesem Gebiete Leistungsver-
gleiche anzustellen, w"re eine M–glichkeit,
Pr¸fungen gewisser Berufskenntnisse und
deren Anwendung vorzunehmen.
Von seiten des DGB werden demgegen¸ber
leistungsvergleichende oder pr¸fende Maþ-
nahmen auf den Teilgebieten der Ange-
stelltent"tigkeit, die meþbar sind, nicht
grunds"tzlich abgelehnt; deren Maþstab darf
aber nur das Ausbildungsziel auf Grund der
Berufsbilder sein. Als allgemeine Leistungs-
steigerung f–rdern wir Vertiefung der Lehr-
lingsausbildung und gesetzlich verankerte
j"hrliche Zwischenpr¸fungen zu Leistungs-
vergleichen. Hierbei kann festgestellt wer-
den, ob die Lehrstelle ihrer Verantwortung
auf Erreichung des Ausbildungszieles auch
nachkommt. Heranf¸hrung der Lehrlinge und
Jungangestellten an die verschiedensten Auf-
gaben in Kontor und Fabrik und der Aus-
tausch dieser jungen Menschen zwischen den
Betrieben und m–glichst auch mit dem Aus-
land sollen nicht nur ihre Berufskenntnisse
und Erfahrungen erweitern, sondern ihnen
auch Achtung vor den Menschen anderer
Berufe und des Auslandes lehren. Nur eine
Zusammenarbeit zwischen berufsbildenden
und f–rdernden Institutionen, Industrie- und
Handelsorganisationen und den Gewerk-
schaften kann solche Bedingungen schaffen.
Wir k–nnen unsere Ausf¸hrungen aber nicht
abschlieþen, ohne die gef¸hlsbetonten Be-
gr¸ndungen der DAG einer kritischen Be-
trachtung unterzogen zu haben.
W"hrend vor 1933 nur die Angestellten-
verb"nde mit ihren organisierten Lehrlingen
und Jungangestellten von uns nicht abzu-
lehnende Leistungspr¸fungen und Vergleiche
vornahmen, blieb es dem Dritten Reich
¸berlassen, daraus einen groþ aufgezogenen
Wettkampfrummel f¸r alle Berufe durchzu-
f¸hren. Hierbei waren aber nicht nur be-
rufliche Kenntnisse und Erfahrungen ein
Pr¸fstein, sondern die Beherrschung der
Nazi-Ideologie, rassisches Aussehen und auch
k–rperliche Leistungsf"higkeit im Sinne des
wehrhaften Menschen spielten eine ebenso
groþe Rolle. Auþerdem lag das Schwerge-
wicht auf Nachwuchsberufen f¸r den Aufbau
der R¸stungsindustrie.
In Anlehnung an diese Vorbilder j¸ngster
Vergangenheit versucht die DAG ihren Be-
rufswettkampf zu lancieren. Anders kann
der Agitationsrummel von seiten dieser Or-
ganisation nicht aufgefaþt werden.  Kllal
Berufswettkampf
Titel einer M6aizetung mit einer Zeichnung von
Hans Baluscek.
Audh der Haþ gegen die Niedrigkeit ver-
zerrt die Z¸gel Auch der Zorn gegen das
Unrecht macht die Stimme heiser. Ach,
wir, die wir den Boden bereiten wollten
fi¸r Freundlichkeit, konnten selber nicht
freundlich sein! Ihr aber, wenn es so weit
sein wird, daþ der Mensch dem Menschen
Helfer ist, gedenket unser mit Nachsichtl
Bert Brecht.
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