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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 20 (September 24, 1949)

Bo., K.
In der Bundeshauptstadt,   p. 12


Page 12


IN DER BUNDESHAUPTSTADT
,Achtung, Achtung, die Beethovenstadt Bonn
begr¸þt Sie. Zum Bundestag umsteigen in
die Straþenbahn nach Godesberg oder mit
dem Autobus ab Bahnhofsvorplatz!", so
tonte es freundlich verheiþungsvoll aus dem
Lautsprecher, als wir in der Bundeshaupt-
stadt ankamen. Der Bahnhof, der vor weni-
gen Wochen noch einen stark bomben-
gesch"digten Eindruck machte, war wieder
vorkriegsm"þig hergerichtet und sah mit
seinen hellen Tageslichtlampen und den
festlichen Lorbeerb"umen direkt vornehm
aus. Die Hauptstraþen zeigten reichen Fah-
nenschmuck, doch der Himmel war grau-
verhangen an diesem Geburtstag der deut-
schen Bundesrepublik. Und gerade, als die
Bonner sich morgens um den M¸nsterplatz
dr"ngten, um von den M"nnern und Frauen,
die die politischen Geschicke f¸r die kom-
mende Zeit zu lenken haben, wenigstens
Die Frauen waren ¸brigens durchweg viel
hoffnungsfreudiger als die M"nner. Der
Ausspruch einer jungen Angestellten gefiel
uns besonders gut, und er schien uns auch
sehr treffend zu sein. Sie meinte: ãEs ist
gut, daþ wir jetzt wieder eine richtige Ver-
tretung haben, wenn sie vielleicht auch
noch nicht so viel zu sagen hat, wie wir
das gerne m–chten, es ist aber doch ein An-
fang, und ich glaube bestimmt, daþ die
M"nner, die gew"hlt worden sind, den
besten Willen haben, etwas Gutes fur d"s
Volk zu beschlieþen. Und wenn sie es nicht
tun, sind wir W"hler ja auch noch da.'
Bundesrat und Bundestag sind feierlich er-
–ffnet worden.  In den ersten Sitzungen
wurden der Bundesratspr"sident, der Bun-
destagspr"sident und der Bundespr"sident
gew"hlt. Die Arbeit kann beginnen. Wie sie
ausf"llt, davon wird es abh"ngen, ob die
Bundesrepublik in den Herzen des Volkes
lebendig wird oder nicht.         K. Bo.
Die ebemalige P"dagogische Akademie in Bonn
wurde im Eiltempo zum Bundeshaus ausgebaut.
,Es ist uns etwas zuviel Theater', war die
Meinung vieler Arbeiter ¸ber den Bundestag.
ein St¸ckchen, wenn auch nur im vorbei-
fahrenden Auto, zu sehen, ging ein starker
Platzregen nieder, und alles war viel weni-
ger feierlich, als man sich das gedacht hatte.
Auch am Nachmittag war von der Feierlich-
keit der Er–ffnung wenig zu merken. Einige
hundert Meter rechts und links des Haupt-
einganges des Bundeshauses, dessen Anblick
einen "sthetischen Genuþ darstellt, so sch–n
und sauber steht es da, hatte die Polizei
strenge Absperrmaþnahmen getroffen, und
der einfache B¸rger durfte nur von ferne
ahnungsvoll  schauen. Daf¸ir waren   die
Presseleute mit und ohne Kameras desto
zahlreicher  vor  dem  Bundeshaus   ver-
treten und versuchten, die im str–menden
Regen husch husch in das Geb"ude fl¸ch-
tenden Abgeordneten und sonstigen hohen
Herrschaften mehr oder weniger gl¸cklich
vor die Linse zu bekommen.
Abgesehen von dem Fahnenschmuck, den
vielen weiþberockten Polizisten und den
zahlreichen Einsatzwagen der Straþenbahn
war das Stadtbild Bonns wenig ver"ndert.
Nat¸rlich ist m"chtig viel gebaut worden in
den letzten Wochen, aber das war drauþen
vor der Stadt, und die Bonner sind auch
sehr froh, daþ ihr Bahnhof so sch–n in Ord-
nung ist und sie wieder eine Rheinbr¸dcke
erhalten, aber so leicht lassen sie sich nicht
aus der Ruhe bringen. Groþen Teilen der
Bev–lkerung ist auch der Begriff Bundestag
immer noch nicht recht gel"ufig. Wir frigen
die Arbeiter des Br¸ckenbaues, wir frugen
die Arbeiter der st"dtischen Straþenbahn,
wir frugen die Straþenbahnschaffner, wir
frugen Angestellte und Hausfrauen, viele
hatten leider nur ein Kopfsch¸tteln f¸r das
Ganze und sagten: Etwas weniger ªThea-
ter´ w"re auch genug gewesen.' Gewiþ ist
die Ausstattung des Bundeshauses nicht
¸bertrieben luxuri–s, aber den Menschen, die
immer noch in Bunkern wohnen und gar
nichts besitzen und bei den heutigen L–hnen
und Preisen keine groþe Aussicht haben,
bald etwas zu bekommen, erscheint auch
dieses zu groþartig und f¸r unsere deutschen
Verh"ltnisse nicht passend. ãSie k–nnen
noch so sch–n reden', sagte ein junger
Br¸ckenbauer, " ich glaube nicht, daþ etwas
Gutes f¸r uns dabei herauskommt, das
einzige, was wir tun k–nnen, ist abwarten
und aufpassen.' Die eingefleischten Bonner
sind allerdings stolz auf den Namen äBun-
deshauptstadt", der Streit Bonn-Frankfurt
ist ihnen vollkommen unverst"ndlich, wo
Bonn doch so sch–n ist". Es gibt aber auch
hier Pessimisten, die, vielleicht nicht ohne
Grund, sagen: Hoffentlich reut es uns nicht
schon bald, Bundeshauptstadt geworden zu
sein, wenn die Preise sich den h–heren Ge-
h"ltern der Angestellten und Beamten der
Bundesregierung anpassen und wir mit
unseren kleinen Einkommen das Nachsehen
haben.'
Karl Arnold, der Mini-
sterpr"sident von Nord-
rhein-Westfalen, wurde
zum   Pr"sidenten  des
Bundesrates  gew"hlt.
Dr. Erich K–hler, der
bisherige Pr"sident des
Wirtsdcaftsrates, wurde
Pr"sident des Bundes-
taiges.
Dr. Konrad Adenauer, der 73j"hrige Vorsitzende
der Christlich-Demokratischen Union, wurde vom
Bundespr"sidenten Heuþ zum Bundeskanzler vor-
geschlagen und mit 202 Stimmen gew"hlt.
Die Frauen urteilten nicht so kritisch. Idih hoffe
bestimmt, daþ es jetzt weitergeht', sagt die
junge Angestellte.
Fotos: dpa (3), Spielmans (3), Archiv (1)
Der Reichsbund der K–rpergesch"digten erinnert
die Abgeordneten an ihre Wahlversprechen.


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