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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 22 (October 22, 1949)

Cremer, Johanna L.
Junge Rheinfischerin,   p. 6


Hagedorn, Ilse
Kommt das Hausangestellten-Gesetz?,   p. 6


Page 6


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Klare Herbstsonne liegt ¸ber dem  Strom,
als wir gem¸tlich im Aalschocker bei einem
Rheinfischer sitzen. Leise wiegt sich das
Boot auf den Wellen, und wir k–nnen uns
nicht vorstellen, daþ es im Augenblick
irgendwo sch–ner sein kann als hier. Das
kr"ftige, sehr braungebrannte M"del, das
uns gegen¸bersitzt, err"t unsere Gedanken
"Hier ist es immer sch–n", sagt sie ¸ber-
zeugt, "nicht nur bei solchem Wetter wie
heute." Sie muþ es wohl wissen, denn sie
wohnt ja auf dem Rhein und erlebt ihn zu
allen Zeiten. Seit fast drei Jahren ist sie bei
ihrem  Vater in der Lehre, aber schon als
Sch¸lerin war sie, so oft sie konnte, auf
dem  Wasser, und es stand immer f¸r sie
fest, daþ sie einmal Rheinfischerin werden
wollte.
Es ist keine leichte Arbeit, das gibt die
17j"hrige, die offen und ohne Scheu von
ihiem Leben erz"hlt, lachend zu. Abends
werden die Netze ausgelegt und morgens
gegen 4.30 Uhr wieder eingeholt. Rotaugen,
Barben, Weiþfische, Aale und ab und zu
auch Hechte werden hier gefangen. Aale
werden an Bord auch gleich ger"uchert.
Netze kn¸pfen und flicken kann sie nat¸rlich
auch, daf¸r hat der Vater schon gesorgt,
und gerade diese Arbeit nimmt das Fischer-
lehrm"dchen sehr wichtig, denn sie glaubt,
bei der Pr¸fung spiele die F"higke;t, Netze
flicken und kn¸pfen zu k–nnen, eine groþe
Rolle. Das groþe Netz, das nach jedem
Gebrauch am Mast hochgezogen wird, haber
Vater und Tochter in etwa zwei WoChen her-
gestellt. Es gibt an Bord ¸berhaupt keine
Arbeit, vor der sich das fixe M"del, das
besser ein Junge geworden w"re, wie der
Vater scherzhaft sagt, bange macht. Augen-
blicklich, wo das Rheinwasser so niedrig
ist, wird nicht viel gefischt, daf¸r aber
desto mehr geteert und gestrichen. Vor der
Gesellenpr¸fung, die das M"dchen beim
Landesfischerei-Verband in Bonn ablegen
muþ, hat sie keine Angst, Zuversichtlich
hofft sie sp"ter auch Meisterin zu werden
und vielleicht einmal die Fischereirechte des
Vaters und sein Boot zu ¸bernehmen.
Trotz der ungew–hnlichen Arbeit ist das
Fischerlehrm"dchen aber ein richtiges M"d-
chen geblieben. Alle Hantierungen gehen
ihr leicht und anmutig von der Hand, und
wie ein Kind freut sie sich auf die bevor-
stehende Kirmes und den Tanz in ihrem
Heimatdorf, denn .,so schon es auch ist auf
dem Rhein, manchmal hat man doch Sehn-
sucht nach gleichaltrigen jungen Menschen",
sagt uns die junge Fischerin beim Abschied.
Johanna L. Cremer.
KOMMT DAS HAUSANGESTELLTEN-GESETZ?
Schon mehrmals haben wir auf die drin-
gende Forderung der Hausgehilfinnen nach
verbesserten Arbeitsbedingungen hingewie-
sen und die Notwendigkeit aufgezeigt, das
Problem der Hausangestellten in einer Weise
zu l–sen, die nicht nur den Kreis der Hilfe"
suchenden Hausfrauen befriedigt - d. h.
ihnen schnell eine billige Arbeitskraft ver-
schafft -, sondern die auch t¸r die Frauen
und M"dchen, die sich die Hausarbeit als
Beruf auserkoren haben, eine Besserung
darstellt. Es gen¸gt n"mlich durchaus nicht,
die schulentlassenen M"dchen bei einer be-
stehenden Lehrstellenknappheit zu veran-
lassen, eine hauswirtschaftliche Lehre von
einem Jahr oder zwei mitzumachen. Wenn
die schlechten Bedingungen im Hausgehil-
finnenberuf  bestehenbleiben, werden  sie
n"mlich doch die allererste Gelegenheit er-
greifen, sich einem anderen Beruf zuzuwen-
den oder in die Fabrikarbeit abzuwandern.
Andererseits ist den M"dchen, die die Haus-
arbeit wirklich als Beruf auffassen, keine
M–glichkeit gegeben, eine Stellung zu finden,
die ihren Kenntnissen und ihrem K–nnen
entspricht.
Die Gewerkschaften sind der Auffassung,
daþ es an der Zeit ist, dem Hausangestell-
tenberuf eine neue Grundlage zu geben. Da-
zu ist die Schaffung eines Hausangestellten-
gesetzes notwendig, das einheitlich f¸r das
gesamte Bundesgebiet alle Fragen regelt.
Die alten Richtlinien f¸r Hausangestellten-
arbeit sollen v–llig umgestaltet werden. F¸r
die Hausangestellten soll, genau wie f¸r die
Angeh–rigen anderer Berufe, ein ordent-
liches vertragsrechtliches Verh"ltnis zum Ar-
beitgeber geschaffen werden. In dem Haus-
angestelltengesetz wird die Arbeits-, Pausen-
und Urlaubszeit genau festgelegt werden.
Es soll eine Regelung ¸ber Arbeitsentgelt-
und zwar einen gestaffelten Lohntarif f¸r
Gelernte, Angelernte und Anf"nger - ent-
halten und eine Bestimmung, die besagt,
daþ die Angestellten, die im Haushalt woh-
nen, Anspruch auf einen wohnlich und ge-
sundheitlich einwandfreien Schlafraum haben.
Die Gewerkschaften beabsichtigen mit die-
sem Hausangestelltengesetz vor allem eine
allgemeine Hebung des Berufsstandes. Es
soll die Hausangestellten aus ihrer heute
noch immer bestehenden zweitrangigen Stel-
lung befreien und den jungen M"dchen den
Anreiz geben, diesem Beruf mehr Aufmerk-
samkeit zu schenken.                K. Bo.
AJur der Seuhe soegen . . .
Ich hatte Resi am Acker kennengelernt, als
wir die Kartoffeln ernteten. Sie war 18 Jahre
alt und stammte aus Westpreuþen. Ich
arbeitete damals bald bei diesem, bald bei
jenem Bauer und stand im Tagelohn, w"h-
rend Resi am Hof des reichen Windm¸llers
30 Mark im Monat und das Essen erhielt.
Eines Abends fragte sie mich, ob ich Lust
h"tte, mit ihr Holz zu sammeln. Sie hatte
wohl eine Kammer mit einem kleinen Ofen,
aber wenn sie heizen wollte, muþte sie sich
Heizmaterial irgendwo suchen. Ein Feder-
bett hatte sie nicht, nur eine d¸nne Decke
zum Zudedcen.
Der See w"lzte schon die Dunkelheit heran,
als-wir uns auf den Weg machten, um aus
halbzerfallenen Bootsstegen morsches Holz
zu brechen. Nachher begleitete ich Resi wie-
der nach Hause. Die Einrichtung ihrer win-
zigen Kammer bestand nur aus dem Bett mit
einem zerfetzten altmodischen Pl¸schsessel
daneben und einem primitiven Waschtisch.
Die wenigen Kleider hingen auf B¸geln an
der Wand, die weiþget¸ncht und schmucklos
war. Einen ungemein trostlosen Eindruck
machte diese Behausung...
Pl–tzlich stand, ohne daþ wir etwas geh–rt
hatten, die M¸llerin in der Tiir. Wo waren
Sie nur?' fragte sie scharf. ãSie sollten uns
doch ein paar Waffeln zum Tee backen."
ãIch komme gleich", sagte Resi und bat mich
im Hinausgehen, ein wenig zu warten. Ich
trat ans Fenster, blickte in die n"chtliche
Landschaft und gr¸belte dar¸ber nach, was
wohl geschehen m¸sse, um die Menschen so
weit zu bringen, daþ sie auch in ihren Unter-
gebenen den Menschen sehen und nicht nur
ein Arbeitstier. Nach einiger Zeit kam Resi
wieder. Du solltest dich nicht so ausnutzen
lassen', sagte ich zu ihr. ãF¸r 30 Mark und
ein wenig Essen arbeitest du den ganzen
Tag und hast auch abends keine Ruhe.
Du gehst in Lumpen, hast nicht einmal
ein ordentliches Bett, w"hrend der M¸ller
mit seiner Familie. . .' ãAch, laþ nur', unter-
brach sie mich, ÷das ist eben unser Los."
ãUnsinn', erwiderte ich, ãwenn man Pflich-
ten hat, muþ man auch Rechte haben. Es ist
z. B. in Deutschland Sitte, daþ eine Haus-
gehilfin f¸r die Dauer ihrer Dienstzeit ein
Federbett geliehen bekommt." Resi ant-
wortete nicht, sondern sah angstvoll nach
der T¸r. Und wirklich trat sogleich wieder
die M¸llerin ein, lautlos wie ein Schatten.
ãSie m¸ssen in den Stall kommen', sagte
sie, ãdie Liese will kalben. Sie wissen ja
Bescheid." Und zu mir gewandt, f¸gte sie
hinzu: "Sie werden auch heimgehen wollen,
es ist schon sp"t."
Am n"chsten Tage erz"hlte ich meiner
Wirtin davon und meinte so nebenbei, daþ
der reiche M¸ller doch gewiþ noch ein
Federbett ¸brig haben m¸sse.
Als ich am Sonntag Resi wieder traf, drohte
sie mir mit dem Finger. Du bist mir eine
Schlimme', rief sie,
"aber ich freue mich
doch  ¸ber   mein                    1
Federbett.' Wieso
Federbett?' staunte
ich. ãJa, gestern
brachte die M¸llerin  ,ã,%
es mir in die Kam-
mer und sagte nicht
eben freundlich: Da-
,nit die Leute end-
lich den Mund hal-
ten."  Ilse Hagedorn.
Zeidcnung: Hannelore Baudi
-?- -         - -i
  1, -


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