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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 1 (January 1, 1949)

Breife an die Redaktion,   pp. 15-[16] PDF (1.6 MB)


Page 15


*                                     k                                 
      *            1
Auf Wunsch des Kollegen Schackmann bringen
wir seinen Leserbrief, soweit er sich auf die Ar-
beitsdienstpflicht bezieht, noch einmal. An seiner
grunds"tzlichen Einstellung, die wir abdruckten,
scheint uns, "ndert sich nichts.
Aus der F¸lle der Zuschriften, die uns ¸ber die
Arbeitsdienstpllicht zugegangen sind und ¸ber die
wir uns sehr gefreut haben, weil endlich eine Dis-
kussion in Gang kommt, drucken wir nun einige
Stimmen ab. Wir werden die Diskussion in der
n"chsten Nummer fortsetzen.       (Redaktion)
Betr.: Milit"rische Erziehung
in Nr. 7 des "Aufw"rts"
In obengenannter Nr. der Zeitschrift der Gewerk-
schaftsjugend bringt uns der Kollege Lotz, Bochum,
zu Ohren, daþ ein ehemaliger Offizier in einer
Diskussion behauptet habe, die einzige erfolg-
reiche Erziehung, die Jugend aus dem heutigen
moralischen Tiefstand hervorzuholen, sei eine
milit"rische. So kraþ, wie sich dieser Kollege aus-
dr¸ckt - der vielleicht irgendwo an der Front
unser Kamerad war -, m–chte ich es durchaus
nicht tun. Bevor ich jedoch zu dieser Angelegen-
heit Stellung nehme, halte ich es f¸r erforderlich,
zu erkl"ren, daþ ich nicht derjenige bin, der den
Kasernenhof f¸r Jahre sein Zuhause' nennen
m–chte, oder seinen Arbeitsplatz freiwillig mit
einem Platz hinter dem MG zu tauschen beab-
sichtigt. Wir wissen, daþ sich in den WE-L"gern,
beim RAD und bei der Wehrmacht gelegentlich
Dinge ereignet haben, die von menschenw¸rdiger
Behandlung ziemlich weit entfernt waren. Bei
diesen Zeilen kann es sich sehr leicht - wie es
dem Verfasser in Nr. 7 anscheinend geschehen
ist - ereignen, daþ man Urteile f"llt, ohne die
Gegenseite solcher Formationen betrachtet zu
haben. Eines steht jedenfalls fest, und das haben
mir bereits viele Personen best"tigen m¸ssen, vier
Wochen in einem Lager oder ein halbes Jahr beim
RAD haben wohl selten jemand geschadet. Wie
viele waren es, die so unselbst"ndig und unkame-
radsdiaftlich, wie nur etwas waren, wenn man
kurz nach der Einberufung mit ihnen zusammen-
kam. Ich glaube, mancher Unteroffizier k–nnte
¸ber diese erwachsenen Kinder heute noch ein
Buch schreiben. Vierzehn Tage Ordnungs-, Stuben-,
Revierdienst, und wie diese bekannten Dinge
alle hieþen, haben manchen wirklich zu einem
g"nzen, selbst"ndigen Kerl werden lassen. Auch
das soll man nicht vergessenl Das Verhalten der
Jugend kann man heute auf Tanzb–den, in Kinos
und an "hnlichen Orten immer wieder betrachten.
F¸r viele dieser Menschen w"re eine vierw–chige
Jugendlagerzeit oder ein paar Wochen RAD be-
stimmt gut zu empfehlen.  Eugen Schackmann
Lieber Eugen Schockmonni%!
Ja, ich meine gerade Sie, der Stellung nahm zur
milit"rischen Erziehung. Was Sie dar¸ber sagen,
ist alles ganz gut und sch–n, es klingt so, als ob
die milit"rische Erziehung in Deutschland nur
eine rein sportliche und menschliche Angelegen-
heit gewesen sei, jedoch vergessen Sie ganz, die
Schattenseiten dieser Sache zu erw"hnen. Denn
die Schattenseiten waren gr–þer als die Licht-
seiten! Das war in den meisten F"llen kein ka-
meradschaftliches Verh"ltnis mehr, was zwischen
Vorgesetzten und einfachem Landser bestand. Es
war oft die gr–þte Schikaniererei, die es ¸ber-
haupt geben konnte.
Sie scheinen vergessen zu haben, daþ vomn Un-
teroffizier an alle h–heren Dienstr"nge gegr¸þt
werden muþten, und daþ das M"nnchen bauen,
wie sich alte Landser auszudr¸cken pflegten, ihnen
zum Halse heraushing. Wehe der armen Landser-
seele, die nicht zackig genug gegr¸þt hatte, oder
der es gar hatte einfallen k–nnen, den Herrn Leut-
nant zu ¸bersehen, ein f¸rchterliches Donner-
wetter hagelte auf ihn hernieder. Nein, mein lieber
Eugen Schackmann, diese Methoden waren be-
stimmt nicht dazu angetan, einen Menschen zum
Kameraden zu erziehen. Ich habe zwei Br¸der, die
beide Soldat waren. Sie versp¸ren keine Lust.
jemals wieder eine Uniform zu tragen.
Haben Sie auch schon einmal dar¸ber nachgedacht,
daþ es vielen ehemaligen Berufssoldaten und auch
anderen jungen Menschen, die lange Soldat waren,
in vielen F"llen schwer f"llt, ins private Leben
zur¸ckzufinden? Es geht ihnen wie einem Vogel,
der jahrelang im K"fig saþ und dem dann pl–tz-
lich die Freiheit gegeben wird; er ist ganz hilf-
los und kann die Situation nicht beherrschen. So
geht es auch vielen unserer ehemaligen Soldaten,
die aus den Kinderschuhen heraus in die Knobel-
becher gesteckt wurden und gehorsam die Hacken
zusammenschlugen und die Hand an die Hosen-
naht legten und die mit lauter Stimme sangen:
F¸hrer, befiehl, wir folgen diii
Sie wurden Soldat und wurden zu Menschen'
und Kameraden' erzogen und lieþen ihre Jugend
und ihr Leben auf den Schlachtfeldern Europas!
Falls Sie etwas darauf zu sagen- w¸nschen, bitte
ich Sie, mir das mitzuteilen.
Herzlichen Gruþ! Irmgard Klee.
Lieber Kollege Schockmann!
Du muþt mir schon gestatten, daþ ich mir einbilde,
in Dir einen ehemaligen Ausbilder' der Nazizeit
vor mir zu haben. Darum m–chte ich Dir im Zu-
sammenhang mit Deiner Ver–ffentlichung in Nr. 14
des  Aufw"rts' zurufen: "Jawohl, Herr Unter-
offizier!" Man war damals ein kleiner Herrgott,
der mehr schrie, denn nachdachte und gef"llt sich
heute auch noch ganz gut in dieser Rolle. Denn
woher nimmst Du sonst den traurigen Mut zu
Deinen Behauptungen? Verzeih, aber Deine Kurz-
sichtigkeit ist beneidenswert! Denn wer heute
noch in Abrede stellen will, daþ die Menschen-
m¸hlen des RAD und dergleichen das selbst"n-
dige ,Ich' im Menschen zu brechen versuchten,
um ¸ber das get–tete Eigendenkverm–gen dem
Betroffenen einen fremden Willen aufzwinzen zu
k–nnen, ist wohl heute noch ein bedauernswertes
Opfer jener Erziehung oder hat nie ¸ber ein eige-
nes ,Ich' verf¸qt.
Lieber Kollege, vom Ordnungsdienst ¸ber den
Spieþunterricht bis zum Massengrab ist kein weiter
Weg. Wir haben Deine Erziehungskur in der Ver-
gangenheit teuer bezahlen m¸ssen und m¸ssen es
heute noch. Vergiþ bitte nicht, daþ jene ungl¸ck-
lichen Menschen, deren Verhalten Du glaubst kri-
tisieren zu m¸ssen, ja nur das Produkt der von
Dir angepriesenen Erziehung sind. An ihnen siehst
Du die Auswirkungen Deiner Methoden in letzter
Konsequenz.
Doch zum andern ist der Groþteil unserer Jugend
schon l"ngst wieder zum geregelten Leben zur¸ck-
gekehrt, um sich durch Fleiþ und Ausdauer ein
neues, freies und wirklich selbst"ndiges Leben zu
schaffen. Diese Tatsache ist wirklich keineswegs
ein Verdienst Deiner Kasernenhoferziehung, als
vielmehr ein Beweis der groþen Verantwortungs-
freudigkeit und des Selbstbewuþtseins der schaf-
fenden Jugend, welche nicht zuletzt durch die Be-
m¸hungen der Gewerkschaft geweckt wird.
Ein Groþteil der jungen Kollegen, und darunter
auch ich, lehnen diese "Kameradschaft' und ,Selb-
st"ndigkeit', die auf dem Kasernenhof gez¸chtet
wird, ganz entschieden ab. Unser Bedarf ist hin-
reichend gedeckt! Unsere Kameradschaft erw"chst
aus dem Geist der Zusammengeh–rigkeit und
findet ihren Ausdruck in den Gewerkschaften.
Mit gewerkschaftlichem Gruþ
Harald L¸thje, Kaltenkirchen.
Liebe Kollegen!
Ich glaubte meinen Augen kaum zu trauen, als
ich las, daþ Eugen Schackmann einen Unteroffi-
zier mit Ordnungsstuben- und Revierdienst, als
gutes Mittel zum "selbst"ndig werdenden Kerl"
werden, vorschlug. Alles h"tte ich erwartet, nur
das nicht. Sicher hat der Schreiber recht, wenn
er das Treiben eines Teils (!) der Jugend auf
Lustbarkeitsveranstaltungen kritisiert. Auch mir
dr"ngt sich da ein bitteres Gef¸hl auf. Aber es
scheint mir doch etwas sehr verrannt, diese Leute
in einigen Wochen "freiwilligen" Arbeitsdienstes
von ihrer Vergn¸gungssucht zu heilen bzw. zu
selbst"ndigen Kerlen zu machen. Haben wir denn
keinen anderen Weg? Es war doch so, daþ bei
RAD und Wehrmacht jedes eigene Denken aus-
geschaltet war, und dieses nicht nur beim so-
genannten kleinen Mann, sondern, wie es die
Kriegsverbrecherprozesse bewiesen, auch in den
h–heren Dienststellen. Oder sollte da etwas nicht
stimmen? "Sie Schlot sind nicht hier, um zu den-
ken, sondern um das auszuf¸hren, was ich be-
fehle.- So und "hnlich waren doch wohl die Ant-
worten, wenn man "dem kleinen Gott" einen
Vorschlag machen wollte. Wie kann man nun
einen Menschen zum selbst"ndigen Kerl erziehen
(kann man so etwas ¸berhaupt?), wenn sein
Denken vollkommen abgeschaltet sein muþ?
Mein lieber Freund, unsere nun erreichte pers–n-
liche Freiheit ist uns zu kostbar, um uns wieder
leichtfertig "abschalten" zu lassen. Unser Streben
muþ dahin gehen, dieser in ihrer bisher unbe-
kannten Freiheit noch taumelnden Jugend einen
moralischen Halt zu geben. Aber nicht durch
einen Unteroffizier, sondern durch eigenesVorbild.
Hast Du Dich einmal mit den Jugendlichen, f¸r
die Du den RAD empfiehlst, unterhalten? Ich
glaube kaum, denn Du stehst ja "¸ber ihnen".
Aber ich m–chte es Dir trotzdem empfehlen.
Ich kann Dir sogar schon sagen, was Du zu h–ren
bekommst: - Vater gefallen - ausgebombt -
keine Arbeit - Fl¸chtling - usw. Uberall fehlt
der Kern: Die Familie, das Heim. Und wer ist
schuld? Wir alle! Und die Konsequenz? Nicht die
Schaffung von Vorbedingungen f¸r die Wieder-
holung einer derartigen Katastrophe, sondern
durch die Schaffung der Vorbedingungen f¸r ein
menschenw¸rdiges Leben.          G¸nter Blank
Liebe Kollegen !
Ich glaube, wir sind alle einig, eine Organisation,
wie wir sie kennengelernt haben, rundweg ab-
zulehnen. Da sie nur das Kleid eines ,Arbeits-
dienstes trug", im Innern jedoch von dem Gedan-
ken geleitet wurde, eine Vorstufe f¸r den sp"-
teren Wehrdienst zu sein.
Und doch schreit die Not der Jugendlichen zum
Himmel. Ich denke an die, die heimat- und an-
hanglos auf der Straþe liegen, die nachts in muf-
fige Warter"ume kriechen, von einer Stadt zur
anderen reisen, ¸berall verstoþen, keine Zuzug-
genehmigung bekommen, die mit ihrer unverstan-
denen Not eine Gefahr f¸r Sitte und Moral letz-
ten Endes f¸r jeden Menschen bedeuten, die erst
aus Hunger stehlen, dann weiter greifen, und
schlieþlich im Gef"ngnis enden werden.
Ich traf sie in jeder groþen Stadt, in N¸rnberg,
W¸rzburg und Frankfurt, in Koblenz und K–ln.
Sie reisten, wie es ihnen der Zufall nebot, mit
dem blassen Schimmer der Hoffnung, von Ham-
burg kommend, in Frankfurt z. B. Arbeit zu fin-
den. In Koblenz wollten s"mtliche Jugendlichen
nach Frankreich gehen. Jeder Tag aber bringt
neue Zuwanderer. Ihre Bindungen zur mensch-
lichen Gesellschaft sind dermaþen lose, daþ nur
der gute Kern in ihnen sie von der schiefen Bahn
abgehalten hat. Doch wie lange? Denn hinter
ihnen steht nackt und grausig ihre f¸rchterliche
Not.
Ich habe mich mit ihnen befaþt, ich habe sie ver-
leitet, zu mir von dieser, ihrer Not zu sprechen.
Was wollten fast alle? Arbeit, nichts als Arbeit.
Jemand zeigte mir die Best"tigung eines Werkes
im Ruhrgebiet, daþ er dort sofort Arbeit bekom-
men k–nnte. Leider zuckte er mit den Schultern,
leider keine Zuzuggenehmigung. Ein anderer
schlief Nacht f¸r Nacht in Ingolstadt auf der
blauen Bank. Am Tag ging er arbeiten, aus-
schachten bei einer Baufirma. Wieder einer hatte
Arbeit, und f¸r die Dauer der Arbeit auch den
Zuzug - als er durch die Reform entlassen
wurde, hatte er mit dem Verlust der Arbeit auch
keinen Zuzug und keine Lebensmittelkarten mehr.
Dies sind nur einige.
Gibt es nicht M–glichkeiten, hier einzugreifen? Kann
man nicht Stellen errichten, die F¸hlung nehmen
mit den Dienststellen der St"dte, und den Ju-
gendlichen, die sich bei ihnen melden, die Ge-
nehmigung des Zuzugs erwirken? Es kostet nicht
die Mittel, die ein Arbeitsdienst kosten w¸rde.
Ein ganz klein wenig Organisation und Freude
daran, jungen Menschen wieder einen Boden zu
geben, ihnen zu erm–glichen, ihr ehrliches Brot
verdienen zu k–nnen. Dies w"re meines Erach-
tens ein sehr groþer Dienst an unserem Volke.
Und bedenken wir darum, daþ sich einst bitter
r"chen wird, was wir jetzt vers"umen.
Und sollte es so etwas einmal geben, eine Stelle.
an die sich der heimatlose Zugvogel wenden
kann, dann bitte, vergessen Sie nicht, einfache
Bekanntmachungen in Warter"umen der groþen
und kleineren St"dte zu ver–ffentlichen; ich bin
davon ¸berzeugt, es spricht sich unter denen, die
da heute noch am Wege verkommen, mit Win-
deseile herum, und - Sie haben eines der
menschlichsten Werke getan. Hochachtungsvoll
Lutz Effenberger. Hilden/D¸sseldorf, Gartenstr. 3
ltznmztlger Hans B–ckler, Albin Karl, Franz Spliedt.
Schriftle=tung:  Hans  Treppte,  K–ln,  Pressehaus,
Breite Straþe 70, Ruf 5 86 41. Verlagsleflun: Heinz
Decker. K–ln. Pressehaus, Breite Straþe 70, Ruf 5 86 41.
Verlag: Bund-Verlag GmbH., K–ln, Pressehaus, Breite
Straþe 70, Ruf 5 86 41. Ver–ffentlicht unter Zulassung
Nr. 234 der Milit"rregierung. Erscheint alle 14 Tage.
Auflage 200 000. Druck: M. DuMont Schauberg, K–ln.
Pressehaus. Unverlangt eingesandten Manuskripten muþ
R¸ckporto beigef¸gt werden.
Die Jugendzeitschrift "Aufw"rts'' kann bei allen
Post"mtern und Juqendfunktion"ren bestellt werden.


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