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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 1 (January 1, 1949)

E.
Der Maler: Vincent van Gogh,   p. 11


Lerbs, Karl
Das letzte Lächeln,   p. 11


Page 11


Uid iM eurem f2ande?
In unserem Lande zur Jahreswende,
Und wenn eine Arbeit fertig Ist
Und zum Tag der Geburt
M¸ssen wir dem Guten Gl¸ck w¸nschen,
Denn in unserem Lande der Lautere
Braucht Gl¸ck.
Wer niemanden sch"digt,
Kommt in unserem Lande unter die R"der.
Aber die Verm–gen
Werden nur durch Schurkerei erworben.
Um zu einem Mittagessen zu kommen;
Braucht es der Tapferkeit,
Mit der sonst Reiche gegr¸ndet werden.
Ohne dem Tod ins Auge zu sehen,
Hilft niemand einem Elenden.
Wer die Unwahrheit sagt,
Wird auf H"nden getragen.
Wer dagegen die Wahrheit sagt,
Der braucht eine Leibwache.
Aber er findet keine.
Bert Brecht
Gedanken von Leo Tolstoi
Die Menschheit Ist zu einem so schroffen
Widerspruch zwischen ihren sittlichen For-
derungen und derbestehendenGesellschafts-
ordnung gelangt, daþ unbedingt eines ge-
"ndert werden muþ, nicht das, was nicht
ge"ndert werden kann: die sittliche Forde-
rung, sondern das, was wohl ge"ndert wer-
den kann: die Gesellschaftsordnung.
*
Den Hungrigen speisen, den Nackten be-
kleiden, den Kranken besuchen - das alles
sind gute Werke, doch ein gutes Werk, das
unvergleichlich h–her steht als alles dies,
ist: den Bruder vom Irrtum befreien.
*
Die Weisheit kennt kein Ende - je weiter
der Mensch in ihr fortschreitet, desto mehr
bedarf er ihrer.
*
Die Sanftmut der Taube Ist keine Tugend.
Die Taube ist nicht tugendhafter als der
Wolf. Die Tugend beginnt erst dort, wo die
Anstrengung beginnt.
Mie wichtigste Zeit ist nur eine: der Augen-
blick, und sie ist darum die wichtigste, weil
wir nur in ihr Gewalt ¸ber uns haben, und
der unentbehrlichste Mensch ist der, mit
dem der Augenblick uns zusammenf¸hrt,
denn niemand kann wissen, ob er je wieder
mit einem anderen Menschen zusammen-
tommt, und die wichtigste Tat ist, ihm Gutes
!u erweisen, denn nur dazu ward der Mensch
ins Leben gesandt.
*
Kinder, die einander begegnen, l"cheln sich
gegenseitig an und dr¸cken damit ihre wohl-
wollende Freude ¸ber die Begegnung aus.
Das gleiche beobachtet man bei allen un-
verdorbenen Erwachsenen. Wie anders hin-
gegen verhalten sich die Menschen ver-
schiedenen Stammes: noch ehe see sich be-
sehen, hassen sie sich schon und sind bereit,
sich gegenseitig Leiden und selbst den Tod
zuzuf¸gen. Was f¸r furchtbare Verbrecher
sind doch diejenigen, die in den Menschen
solche Gef¸hle wachrufen und sie zu sol-
chen Untaten anreizenl
DER MALER
Oiiiceu4Iva, 4IogI
Es gibt K¸nstler, die aus der sch–pferischen
F¸lle, und solche, die aus der inneren Not
kommen. Wie kaum ein anderer Maler wurde
Vincent van Gogh von der Not des Schaffens
getrieben. Dieser groþen Not einen Ausdruck
zu geben, das war der Sinn und Antrieb
seines Schaffens. Van Gogh war kein "ge-
borener" Maler, zeit seines Lebens hat er
mit allem Handwerklichen schwer gerungen.
Er hat es nie zu der raffinierten Virtuosit"t
der neueren franz–sischen Maler gebracht,
die er so sehr bewunderte. Er blieb immer
ein handwerklich befangener Maler, er hatte
nicht das, was man malerische "Kultur"
nennt, und in gewissem Sinne hat er sich
als eine Art von Laien empfunden. Noch aus
den letzten reifen Schaffensjahren gibt es
von ihm Zeichnungen, die sich um die Per-
spektive bem¸hen wie- die Studien eines
Akademiesch¸lers.
Niemals hat er sich bloþ der Phantasie und
Vorstellungskraft ¸berlassen. Gemalt hat er
nur das, was er wirklich gesehen hat: die
Sonnenblumen, die Zypressen, die Oliven-
w"lder, die Straþen, Br¸cken und Alleen,
die Parks und Caf"s und schlieþlich die
Menschen, die um ihn waren, den Arzt, den
Brieftr"ger und seine Frau, einen Land-
arbeiter, einen Zuaven. Er malte "nach der
Natur", aber er sah die Dinge so hellsichtig,
daþ sie von innen zu leuchten anfingen, er
steigerte sie zu einer Leuchtkraft, bis sie
gewissermaþen zu brennen begannen, und
von dieser Ubersteigerung nahm - vorwie-
gend in Deutschland - jene Kunstrichtung
ihren Ausgang, die man "expressionistich"
nennt. Ob er eine Sonnenblume malt, eine
Kartoffel, einen Heuhaufen oder einen Men-
schen, immer dringt er ins Wesen der Dinge
vor. Noch bleibt er ganz bei der Natur, aber
er beginnt sich auch schon von dem Nat¸r-
lichen zu l–sen, er dringt zu den Grund-
formen des Gegenstandes vor, zur "Existenz".
Vincent van Gogh wurde 1853 in Groot-
Zundert, einem L'orf in Nordbrabant, geboren.
Sein Vater war Pfarrer, seine Verwandten
und Vorfahren geh–rten ebenfalls dem geist-
lichen Stande an, doch waren die k¸nstleri-
schen Neigungen in der Familie stark aus-
gepr"gt. Sein Vetter Mauve war ein ange-
sehener Maler, und drei seiner Onkel waren
Kunsth"ndler. Auch sein Bruder Theo, der
ihm zeitlebens von allen Menschen am n"ch-
sten stand, war mit Erfolg im Kunsthandel
t"tig. So versuchte sich auch Vincent selbst
zuerst im Kunsthandel, aber er gab den Beruf
bald wieder auf, da ihm der Sinn f¸r das
Kaufm"nnische abging. Dann wurde er Wan-
derprediger und Seelsorger, er war ganz er-
f¸llt von der Idee einer christlich-sozialen
DAS LETZTE LACHELN
Am 14. August 1937 warf ein chinesisches
Flugzeug ¸ber Schanghai Bomben ab, von
denen zwei an der Avenue Edward VII. und
der Yu-Ya-Ching Road niederfielen. H"user
st¸rzten ein, Br"nde lohten auf, und aus der
Hauptfeuerwache rasselten L–schz¸ge unter
F¸hrung des Brandmeisters Somers zur Un-
gl¸cksst"tte.  Somers hatte keine rechte
Vorstellung, was eigentlich vorgefallen war;
aber er sah es mit einem einzigen Rund-
blick. Ein riesiger Satz, der fast ein Luft-
sprung war, brachte ihn in den n"chsten
Laden, er wollte durch Anruf so viele
Krankenwagen und andere Fahrzeuge her-
beiholen, wie nur irgend zu haben waren.
Im Laden, der voll von Qualm und Blut-
geruch war, lagen, von der Straþe herein-'
getragen, viele Opfer der Explosion, ver-
Gemeinschaft und nahm sich hingebend der
belgischen Grubenarbeiter an. Erst mit 27
Jahren begann er zu zeichnen. Vor¸ber-
gehend besuchte er die Akademie in Ant-
werpen. Seine Bilder aus dieser Zeit, schwere,
dunkelfarbige Gem"lde mit schlichten All-
tagsmotiven aus dem Leben der Arbeiter
und Bauern, sind am meisten von Millet be-
einfluþt. Am bekanntesten von diesen Ge-
m"lden der holl"ndischen Zeit wurden die
"Kartoffelesser".
1886 ging er nach Paris, wo ihn sein Bruder
mit den Werken des Impressionismus be-
kannt machte. Hier lernte er zwar auþer-
ordentlich viel, aber was ihm nicht behagte,
das war die Kunst, die im Atelier gedeiht.
Unwiderstehlich trieb es ihn in den S¸den,
in das Farbenmeer der Provence. Im Februar
1888 lieþ er sich in Arles nieder, und hier
malte er die ber¸hmten Bilder mit den grellen
ungebrochenen Farben, die von der Glut der
Sonne erf¸llt sind. Am Ende dieses Jahres
wurde er von einer Geisteskrankheit heim-
gesucht. Zwei Jahre lang noch lebte er unter
"rztlicher Aufsicht; als er erkannte, daþ es
f¸r ihn keine Heilung mehr gab, schoþ er
sich eine Kugel in den Leib.
Will man den Menschen van Gogh kennen-
lernen, so muþ man die Briefe an seinen
Bruder lesen. Es sind keine "interessanten"
K¸nstlerbriefe, sondern einfache Dokumente
eines Lebens, das von lauterer Wahrhaftig-
keit erf¸llt war. Erst nach seinem Tode
wurde seine Bedeutung erkannt. Un¸berseh-
bar ist die Wirkung seiner Kunst bis
heute. Er ist der erste "moderne" Maler,
dessen Kunst noch heute, nach zwei Gene-
rationen, ganz gegenw"rtig anmutet.  E.
wundet, sterbend, tot. Somers aber stand
vor einem M¸nzfernsprecher, der auch in
diesem Augenblick mit amtlicher Unzug"ng-
lichkeit auf seiner vorgeschriebenen Funk-
tionsweise beharrte.
"Ich habe kein F¸nf-Cent-St¸ckl" schrie
Somers verzweifelt. Neben ihm, an die Wand
gelehnt, hockte ein Chinese, dem ein Bom-
bensplitter beide Beine abgerissen hatte;
sein rechter Arm hing in Fetzen herab.
Dieser Mann schlug die Augen auf, griff
mit der Linken in seine Rocktasche, reichte
Somers ein F¸nf-Cent-St¸ck und l"chelte mit
stummer H–flichkeit. W"hrend die Nummern-
scheibe des Fernsprechers schnurrte, ent-
f"rbte sich sein Gesicht zu einem fahlen
Grau; aber das L"cheln darin erlosch nicht
- und Somers, der es sah, verstand zum
erstenmal, warum es im Leben wie im Tode-
dauern durfte.                Karl Lerbs.


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