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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 1 (January 1, 1949)

Müller, H. J.
Gleiche Rechte, gleiche Pflichten,   p. 6


Florence Hancock: Präsidentin des 80. Gewerkschaftskongresses in Margate,   pp. 6-7 PDF (1.6 MB)


Page 6


GLEICHE RECHTE, GLEICHE PFLICHTEN
F RK A U D . J U K. 5 r L bit K R
",Ich war und werde niemals Frauen-
rechtlerin. Frauen und M"nner sind nicht
gleich, wohl aber gleichwertig. In einer
Synthese m"nnlicher und weiblicher
Eigenart sehe ich den Fortschritt der
Menschheit auch in der Sicherung des
Friedens."
Im Hauptausschuþ des Parlamentarischen
Rates in Bonn gab es Anfang Dezember
eine erregte Debatte ¸ber die Formulierung
des Paragraphen, der die Gleichberechtigung
der Frauen im Grundgesetz der Verfassung
festlegen sollte.
Ein Antrag war eingebracht worden, der
verlangte, den Passas "M"nner und Frauen
sind gleichberechtigt" in das Grundgesetz
hineinzubringen. Er wurde mit 11 zu 9 Stim-
men abgelehnt mit der Begr¸ndung, daþ bei
der F¸lle der Gesetze die Auswirkungen
dieses Grundgesetzes nicht zu ¸bersehen
seien und er sich im Gegenteil sogar sch"-
digend f¸r die Frauen auswirken k–nne, in-
dem er ihrer biologischen Eigenart nicht ge-
n¸gend Rechnung trage. Auþerdem sei es
ein Einrennen offener T¸ren, denn wenn es
heiþe, M"nner und Frauen haben die glei-
chen staatsb¸rgerlichen Rechte und Pflichten,
und in einem weiteren Absatz, niemand
darf seines Geschlechtes wegen benachteiligt
oder bevorzugt werden, so sei damit doch
alles gesagt. Die Tageszeitungen schrieben
weiter, daþ diese Frage noch nicht endg¸l-
tig entschieden sei und daþ man hoffe, eine
Formulierung zu finden, mit der alle M"n-
ner und Frauen einverstanden sein k–nnen.
Es ging uns darum, zu ergr¸nden, warum
dieser Gleichberechtigungsantrag ¸berhaupt
soviel Staub aufgewirbelt hat, und daher
wandten wir uns pers–nlich an Frau Dr. Sel-
bert, die im Parlamentarischen Rat f¸r den
Antrag eingetreten ist. Frau Dr. Selbert ist
Rechtsanw"ltin und Spezialistin auf dem Ge-
biet des Familien- und Eherechts. T"glich
erlebt sie in ihrer Praxis die Rechtlosigkeit
der Frau auf vielen Gebieten der b¸rger-
lichen Gesetzgebung. Hier eine Reform durch-
zuf¸hren, ist ihre Lebensaufgabe geworden.
Die Festlegung eindeutiger Grunds"tze in
der neuen Verfassung sieht sie als die Vor-
aussetzung zur Verwirklichung dieser Re-
form an.
Frau Dr. Selbert erkl"rte uns u. a. folgendes:
Schon in der Weimarer Verfassung wurden
den Frauen grunds"tzlich die gleichen staats-
b¸rgerlichen Rechte und Pflichten" zuer-
kannt wie den M"nnern. Diese Gleidiberedc-
tigung erstreckte sich jedoch n u r auf die
staatsb¸rgerlichen Rechte und Pflichten der
Frau, sie konnte w"hlen und konnte gew"hlt
werden, aber im –ffentlichen Recht fand die
Gleichstellung keine Anwendung.
Ein anderer Passus in der Weimarer' Ver-
fassung lautete: "M"nner und Frauen sind
vor dem Gesetz gleich". Auch dieser Satz
war f¸r die Gesetzgebung in keiner Weise
anwendbar, sondern galt nur f¸r die Gesetz-
anwendung. Also wenn jemand vor dem
Richter stand, so wurde er nicht besser oder
schlechter behandelt, wenn er Mann oder
Frau war. Ein Anlaþ, die bestehenden Ge-
setze den Verh"ltnissen der heutigen Zeit
anzupassen, war es nicht.
Es galt daher, eine Formulierung f¸r das
Grundgesetz zu finden, die der allgemein-
g¸ltigen Stellung der Frau im  heutigen
–ffentlichen Leben Rechnung tr"gt und dem
Gesetzgeber die zwingende Notwendigkeit
auferlegt, eine Gesetzesreform  durchzuf¸h-
ren. Denn es heiþt, "die Grundgesetze sind
unmittelbar anwendbares Recht", und sofern
die bestehenden Gesetze im Gegensatz zur
Verfassung stehen - und das w"re dann
auf dem Gebiet der Ehe- und Familiengesetz-
gebung der Fall -, besteht f¸r den kom-
menden Bundestag die Verpflichtung, eine
Ÿnderung zu schaffen. Aus diesem Grunde
wurde der Antrag der v–lligen Gleichberech-
tigung gestellt. Die Formulierung "das Ge-
setz muþ Gleiches gleich und kann Verschie-
denes nach seiner Eigenart behandeln", die
auf die Anregung eines ber¸hmten Staats-
rechtlers zur¸ckgeht und in der die Gleich-
berechtigung der Frau enthalten sein soll,
bietet keine Gew"hr daf¸r, daþ man endlich
zu einer Reform des Rechts kommt. Sie
k–nnte im   Gegenteil unter dem  Motto
ªSchutz der Eigenart der Frau´ zu einer
R¸ckw"rtsentwicklung benutzt werden. Ein-
zig und allein eine klare, eindeutige Formu-
lierung tr"gt der Forderung unserer Zeit,
die eine unbedingte Anerkennung der Gleich-
wertigkeit der Frau ist, Rechnung."
Der Zustand, wie er im heutigen Zivilrecht
noch besteht, ist eine Verh–hnung der gro-
þen Zahl von Frauen, die geduldig und aus-
dauernd die Last der Zeit auf ihren Schul-
tern getragen haben und auch heute noch
den Kampf um die wirtschaftliche Existenz
sowohl f¸r sich allein wie f¸r ihre Familie
und f¸r die Gesamtheit des Volkes f¸hren.
Das B¸rgerliche Gesetzbuch (BGB) trat am
1. Januar 1900 in Kraft. Seit dieser Zeit
haben wir eine vielgestaltige Entwicklung
jJoreiice 14a1 cocl1
Die englischen Gewerkschaften hielten im
September in Margate ihren 80. Kongreþ ab
- unter der Leitung einer Frau. Es ist das
zweitemal seit dem achtzigj"hrigen Be-
stehen des Kongresses, daþ einer Frau diese
ehrenvolle und verantwortliche Aufgabe
¸bertragen wurde. Als erste Frau ¸bernahm
Anne Loughlin im Jahre 1943 dieses Amt. Sie
scheint sich bew"hrt zu haben, denn dieses
Jahr war es wieder eine Frau, die den Vor-
sitz hatte - Florence Hancock. Unwillk¸r-
lich dr"ngt sich die Frage auf, wer ist diese
Frau? Florence Hancock ist heute 55 Jahre
alt. Sie ist aus den Reihen der Arbeiter her-
vorgegangen, hat schon in ihrer fr¸hesten
Jugend ihre Sorgen erlebt und setzt sich
seitdem mit Energie, Ausdauer und seltenem
Kampfgeist f¸r die Verbesserung ihrer Lage
ein.
Sie stammt aus einer kinderreichen Familie,
deren Not sie zwang, schon mit zw–lf Jahren
eine Stelle als K¸chenhilfe anzunehmen.
1905 ging sie in eine Kondensmilch-Fabrik.
In dieser Zeit starben nacheinander ihre
Eltern. Mit einem Wochenlohn von acht
hinter uns. Wie nachteilig sich die einzelnen
Paragraphen des BGB f¸r die Frauen aus-
wirken und wie wenig sie der heutigen Stel-
lung der Frauen im Gesamtleben des Vol-
kes entsprechen, wollen wir in einem ge-
sonderten Artikel zeigen.
Auf alle F"lle wird man in Bonn zu einer
f¸r die Frauen annehmbaren Formulierung
kommen m¸ssen. Nach einer neuen Fassung
soll der Grundsatz nun schlicht und einfach
heiþen:"M"nner und Frauenhaben die glei-
chen Rechte und Pflichten." Darin ist sowohl
die staatsb¸rgerliche als auch die zivil-
rechtliche Gleichstellung der Frauen enthal-
ten. Sie schlieþt in sich die Reform der Ge-
setzgebung wie auch die M–glichkeit zur
Verwirklichung der Forderungen nach glei-
chem Lohn f¸r gleiche Leistung.    K. B.
B EGEG N U NG
Ich war schmutzig. Ich hatte unter der Ma-
schine gelegen, ein abgezahntes Ritzel aus-
gewechselt. Schweiþ rann mir in B"chen von
der Stirne. Oldreck und vertrantes Stauffer-
fett klebten an H"nden, Armen und im Ge-
sicht.-So stand ich im hellen Sonnenschein
wie ein Molch, der aus der Erde gestiegen:
ein schmieriger, dreckiger Arbeitsmann. Ein
Hund h"tte sich vor mir erschreckt.
Unsere Werkstatt lag hart an der Straþe. Ich
h"tte mich sch"men m¸ssen. Sch"men, vor
den Leuten, die vor¸bergingen. Was aber
gingen mich die fremden Leute an? Ich war
doch ein Arbeiter und hatte unter der Ma-
schine gelegen, die den Dreck f–rmlich aus-
spie. Das h"tte doch jeder sehen m¸ssen! Was
also gingen mich diese B¸rger an? Diese
eitlen gepflegten Spieþer! Na, also!
Da - pl–tzlich - bewegte sich etwas Helles
die Straþe herauf. Sah mich an... lachte...
jubelte . .. fiel mir um den Hals.. . und tauchte
ein lachendes Gesicht, mit zarten, hellfarbigen
Wangen und bl¸henden, taufrischen Lippen,
mitten hinein in mein dreckfeuchtes Olbild.
"Junge', jauchzte sie, k–stlich, herrlich siehst
du aus - wie ein polierter Herkules! Ich...
h"tte, weiþ Gott, nie gedacht, wie m"nnlich
du aussehen kannst, sooo... Der Rest des
abgebrochenen Satzes war ein Kuþ auf mei-
nen mit Oldreck beschmierten Mund.
Ich hatte mich sch"men wollen... vorher...
Aber nun war ich stolz! Nicht auf mich...
auf sie! Auf ihren Mut! Und ich dachte:
ãWahrhaftig, das h"ttest du nicht gekonnt!'
Aber so sind nun mal die Frauen, immer
ganz mit dem Herzen dabei.     H. J. M¸ller
PRŸSIDENTIN DES 80. GEWERK-
SCHAFTSKONGRESSES IN MARGATE
Schilling und drei Pence nahm sie den Le-
benskampf f¸r sich und noch drei j¸ngere
Geschwister auf. Sie weiþ selbst nicht mehr,
wie sie mit diesem k"rglichen Lohn die
Familie durchbringen konnte. Sie beantragte
beim Vormundschaftsgericht eine Unter-
st¸tzung. Man schlug sie ihr ab . . .
Als in Chippenham die Gewerkschaften zum
Streik aufriefen, machte sie mit - trotz
allem. Streikgelder wurden nicht gezahlt.
Lediglich Sammelgelder konnten an die
Streikenden verteilt werden. Im Streik-
bericht erschien der Name von Florence
Hancock. Sie wurde als Mitglied des Streik-
komitees erw"hnt. Das war der Anfang
ihrer gewerkschaftlichen T"tigkeit.
1917 trat sie aus der Fabrik aus, um haupt-
amtlich f¸r die Gewerkschaften zu arbeiten.
Zum Abschied erhielt sie von ihren Arbeits-
kameradinnen eine goldene Uhr. Das Ge-
schenk der Kolleginnen war nicht zuletzt der
Ausdruck ihres Stolzes, aus ihren Reihen
eine Gewerkschaftsfunktion"rin zu stellen.
Sie wurde Kassiererin der Gewerkschaften,
Gewerkschaftssekret"rin, Abgeordnete des


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