University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

IV. Von Deutschlands Jugend,   pp. 43-50 PDF (2.3 MB)


Page 48

anmoldet, die uns lohnender und vielversprechender er-
scheint als das Alte.
Jeder wiirde das politische Phanomen, das uns, heute
die Jugend zu entratseln aufgibt, auf das Menschliche
bezogen, verstehen. Jeder wurde verstehen, dag ein
Mensch, der einen anderen jahrelang geliebt und ihm ver-
traut hat und dem zuliebe er einen Teil seines Lebens
geopfert hat - es war ja seine erste grofle Jugendliebe -,
jeder wiirde verstehen, dafl ein solcher Mensch, wenn er
einsehen mufl, daf3 der andere ihn betrogefi hat - und
lange will er das nicht einsehen, und jedes Selbstgefuhl
wehrt sich dagegen  ein jeder von uns wurde verstehen,
dafl ein solcher in seiner ersten grogen Liebe enttauschter
Mensch lange Zeit braucht, um wieder vertrauen und
lieben zu k6nnen. Wir wissen von der Psychologie her,
wie tief unser Leben im Unterbewultsein von Kindheits-
erlebnissen beleindruckt wird - und es bedarf also vieler
Miihe und viel des Guten, um die Erinnerungswunden
der jungen Menschen heilen und vernarben zu lassen.
In den groflen Tragbdien der Weltgeschichte siind nicht
Jugendliche die eigentlich tragischen Helden. Mit tra-
gischen Konflikten sich auseinanderzusetzen und fertig-
zuwerden, wird von den Dichtern mei.st nur Mannern
und Frauen aufgetragen. Das Schicksal der deutschen
Jugend aber ist eine von Hunderttausienden deutscher
junger Menschen durchlebte und erlittene Jugendtragodie,
wie sie die Weltgeschichte nicht kennt. Es ist nicht ohne
weiteres zu verlangen, daBl ein unerfahrener Mensch den
tragischen Konflikt einsehen und ihn losen kann, der
darin besteht, dafl er der schlechtesten Sache der Welt
im guten Glauben und mit guten Kraften gedient hat.
An diesem tragischen Konflikt sind lebenserfahrene und
geistig hochstehende Manner und Frauen innerlich zer-
brochen und zugrunde gegangen. Wenn wir es nicht ver-
stehen, mit den der Jugend verstandlichen und sie an-
sprechenden Mitteln sie aus diesem tragischen Konflikt
herauszul6sen, dann sollen wir uns nicht wundern, dag
48


Go up to Top of Page