University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

III. Volk im Untergang?,   pp. 34-43 PDF (5.4 MB)


Page 39

3. Der Kampf des Guten und Bosen, wobei das Gute
als das Schwachliche und Dekadente erscheint und das
B6.e und Barbarische als das eigentliche schopferische
Prinzip und als der Geburtshelfer jeder Menschheits-
kultur.
Ungeachtet seiner genialischen Zuge, seiner hohen
Sprachbegabung, seiner Widerspriichlichkeit und seiner
vielen glanzenden Erkenntnisse und Formulierungen im
einzelnen - oder vielmehr gerade darum - war
Nietzsche wie kaum einer berufen, einerseits alle noch
vorhandenen humanistischen Widerstandskrafte zu ver-
wirren, zu desorientieren und zu lihmen, andererseits als
ein exzessiver geistiger Anreger und Antreiber der neuen
gesellschaftlichen Entwicklung zu wirken.
Er hat als ein Verherrlicher der ,,gebrochenen mensch-
lichen Grundinstinkte" wesentlich dazu beigetragen, die
Sicherungen zu zerstoren, die jenen Kurzschluf hatten
verhindern konnen, den wir I933 erlebten mit dem An-
bruch der Zwolfjahresherrschaft der Verdunkelung, und
er hat zugle-ich auch in seiner Belebung und Aufziichtung
des Raubtierinstinkts den aggressiven Beitrag geliefert
zum Machtantritt der Barbarei.
Wenn Nietzsche Bismarck kritisiert, so ubte er Kritik
an Bismarck nicht, weil ihm Bismarck zu wenig demo-
kratisch war, sondern weil Bismarck nicht genugend der
neuen aggressiven Richtung Rechnung trug.
Wir haben Nietzsches Kritik an Bismarck angefiuhrt
nicht nur deshiab, weil wir den Sinn und den Gehalt der
Kritik Nietzsches an Bismarck kennzeichnen wollten, son-
dern auch darum, weil wir aufmerksam machen wollten
darauf, da13 bei jeder Art von Kritik zu untersuchen und
festzustellen ist, aus welcher Richtung her Kritik erfolgt.
So wurde bekanntlich auch an Hitler nicht nur Kritik
geubt von der freiheitlichen Seite her, sondern fur viele
war Hitler einfach un~tragbar, weil er ein Anstreicher
war und ihnen der Nationalsozialismus zu plebejisch er-
schien, ganz zu schweigen von den Kritikern, die Hitler
39


Go up to Top of Page