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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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und Gleichgiiltigkeit, und Wir gebrauchen hier absichtlich
fur diese Art der Verinnerlichung den Begriff des Pseudo-
Religiosen, weil wir sehr wohl wissen, dag ein echtes
Christentum, in dem tief demokratischen Grundzug seines
Wesens, sich nicht vor den Schwierigkeiten des Lebens in
ein inneres Reich zuruckzieht, isondern sie im christlichen
Geiste zu iberwinden trachtet. Eine neue Art deutscher
Innerlichkeit erleben wir in gewissen philosophischen
Lehren, die unter dem Namen der Existential-Philoso-
phie einen sehr allgemeinen, verschwommenen Begriff
diarstellen.
Wir verkennen keineswegs das Bediirfnis des Menschen
und bejahen es auf das eindringlichqste, sich mit den
letzten Dingen des Lebens zu befassen und den ,,beiden
Ewilgkeiten des Nichts", wie sie Tolstoi nennt, der Un-
geborenheit und dem Tod, ins Auge zu sehen. Es ist
keineswegs notwendig, sondern es k6nnte auch das Gegen-
teil der Fall sein, daf3 aus einem solchen intensiven Nach-
denken uiber die letzten Dinge unsere gesamte Mensch-
lichkeit und gesellschaftliche Existenz in Frage gestellt
wird, der Mensch als ein nie eine Antwort zu erwar-
tendes Fragezeichen erscheint und nur noch die einzige
Existenzberechtigung hat, die Welt und sich selbst zu er-
leben als eine ungeheuerliche, unbegreifbare Absurditat.
Daseinsangst und das Erlebnis der Weltverlorenheit -
tragisches Lebensgefuhl - mUsssen nicht an und fur sich
und nicht unbedingt im Widerspruch stehen zur Gestal-
tung einer ertriglichen Lebensform, und es kann wohl
sein, wie Paul Valery ischreibt: ,,Das zutiefst pessimisti-
sche Urteil uiber die Menschen, die Dinge, das Leben und
seinen Wert l~flt Isich wunderbar vereinen mit der T~at
und dem Optimismus, den diese erfordert."
,,Mitten im Leben sind wir vom Tode umgeben", diese
Allgegenwart des Todesgefiihls kann auch ein positiver
Lebensfaktor werden, so wie das freiwillige Scheiden
aus dem Leben ein Akt hochster Lebenisbejahung sein
kann, und es kann unserem alltaglichen Leben einen mdch-
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