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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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des Lebens ausweichend, einer sterilen Verinnerlichung
anheimzufallen.
Die Problematik der deutschen Innerlichkeit ist an
vielen Stellen bereits eingehend abgehandelt worden, und
es wurde richtig gezeigt, wie dieses ,,Eine-Mauer-um-uns-
bauen" den in ein Innenleben zurUckweichenden Men-
schen, in der selbstgewahlten Haft seiner Vereinsamung,
seelisch verkiimmert und geistig verkriippelt hat und
gleichzeitig das 6ffentliche Leben entgeistigt, verarrmt und
deem Verderben preisgegeben hat.
Nicht davon ist die Rede, wenn wir von deutscher
Innerlichkeit sprechen, daft ein Mensch die iufleren Ein-
drucke des Lebens innerlich verarbeiten mug3, um alsdann
das innerlich Verarbeitete wieder nach augen hin auszu-
strahlen. Eine solche Verinnerlichung ist bei jedem Denk-
und Schaffensprozef, ja auch bei jeder echten Gefuihls-
regung sielbstverstandlich. Unter deutscher Innerlichkeit
verstehen wir etwas Spezifisches, das darin besteht, sich
dem  offentlichen  Leben ablehnend, fremd, feindlich
gegeniiberzustellen und ein von der Gesamtheit abge-
schlossenes Privatdasein zu bewahren und zu kultivieren.
Solch eine Art der Innerlichkeit ist nur die Gegenseite
einer oberflachlichen Verauferlichung, denn in dem
hMafe, in dem ein Mensch, und besonders ein wertvoller,
sich in sein Inneres zuriickzieht, iberlEift er die Gestal-
tung und Verwaltung der sogenannten    iugeren Welt
bestenfalils der Biirokratie, wenn nicht irgendwelchen
subalternen machtgierigen Kreaturen, und diese wieder-
um zwingen den geistigen Menschen, sich noch tiefer in
die H6hle seiner Innerlichkeit zuriickzuziehen und ein
heimliches, illegitimes Leben zu fiuhren, irn vagen Trost,
daf Geist und Wissen eine Macht waren. Geist und Wissen
aber sind nicht Macht an sich. Sie sind nur dann eine
Macht, insofern sie zur Macht werden.
Wenn wir also von Selbstbesinnung reden, so fassen
wir diesen Begriff im Goetheschen Sinn auf, der uns lehrt:
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