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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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nachrichten uiber die Ostzone verbreiten. Russische, pol-
nische, jugoslawische, ukrainische und ungarische Ver-
bande, die seinerzeit auf Hitlers Seite gekampft haben
oder aus irgendwelchen Griunden sich weigern, in ihre
Heimat zuruckzukehren, bedrangen uns in unserem eng-
gewordenen Raum. Und nicht genug damit, wir horen
von armenischen, estnischen, litauischen, polnischen,
russischen, ukrainischen Pfadfindergruppen, die vom Ver-
treter des ,,Russischen Pfadfinderchefs" in Europa ge-
leitet werden, wahrend der Grunder und Chef dieser Art
von Pfadfindertum, ein russischer Oberst, in New York
lebt . . . Wie soll ein Volk unter diesen Umstdndien ge-
nesen und sich demokratisch erneuern? Wie kann ein Land
so befriedet werden!
Aber wie kann ein Land auch befriedet werden, wenn
die Siegermachte so offen ihre Meinungsverschiedenheiten
vor der deutschen Bevolkerung ausbreiten, und nicht nur
das, wenn die deutsche Bevolkerung selbst in diesen
Meinungsstreit miteinbezogen wird und sich gezwungen
sieht, auf der Seite der odler jener Besatzungsmacht gegen
die andere Besatzungsmacht Partei zu ergreifen!
Derjenige, dem es unter der Schockwirkung der Nieder-
lage zunachst die Sprache verschlagen hatte, hat sich weiter
verstockt in seiner Sturheit, oder er hat sich erholt im
negativen Sinne, indem er nun schon wagt, nicht nur aus
dem Hinterhalt bosartige Geriuchte zu fluistern, sondern
off en zum massiven Angriff gegen jedwede Art fort-
schrittlicher Versuche iiberzugehen. Das lZberholte und
Veraltete meldet sich wieder zu Wort. Jeder war da-
gegen, keiner will es gewesen sein. Heuchelei und Lige
entstellen die Umgangssprache. Dem Selbstbetrug und
der Selbstentfremdung des deutschen Mensdhen ist nidht
Einhalt geboten. Das ,,Fronterlebnis" prahlt: das es
doch nur die materielle lberlegenheit gewesen sei, und
daf die Zeit noch kommen werde . . .
Wir lesen in einem Brief aus Bayern: ,,Ich glaube nicht
mehr an meine Landsleute, nicht, weil sie Nazis waren,
sondern weil sie es heute wieder sind."
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