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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Kantorowicz, Alfred
Am 10. Mai 1933...,   pp. 6-[10] ff. PDF (349.5 KB)


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aus der Distance von draulen ins Land schauten, ergrnzen sich und be-
notigen sich wechselseitig. Jene wissen um die charakteristischen Einzel-
heiten des Alltagslebens unter der Herrschaft der Tollwlitigen; diese konnten
von ihrem entfernteren Standort aus die grof~en Zusammenhange besser
uberschauen. Und sie hatten auch das unschatzbare GMtick, die Verbindung
mit der Welt aufrechterhalten zu konnen und damit zugleich die Chance, das
geistige Deutschland in der Welt und vor der Welt zu reprasentieren.
Die beiden geistig miteinander verbundenen, physisch fiir Jahre vonein-
ander getrennten Gruppierungen haben neben so vielem anderen auch dies
gemeinsam: daB wenig von dem, was sie getan, was sie geschaffen und was
sie gelitten, bisher hierzulande bekannt geworden ist. Ja, selbst die Namen
der groBen Mehrzahl von ihnen - und unter dieser Mehrzahl befinden sich
weltanerkannte und weltbedeutende Schriftsteller deutscher Zunge - sind
der jiungeren Generation in Deutschland nahezu unbekannt geblieben; von
Ihren Werken kennt man oftmals nicht einmal die Titel, und doch sind
gerade sie dazu berufen, zu Verbindungsmiinnern zwischen der geistigen
Tradition Deutschlands und der nun nach den tausend Jahren sich ratios
and verwirrt umschauenden deutschen Jugend zu werden.
Die hier Genannten sind keine Einheit. Es gibt (oder, wenn wir von den
Toteh sprechen, es gab) sehr konservative MUnner und Frauen unter ihnen,
streitbare Liberale, Pazifisten, Kommunisten, Sozialisten, und sehr viele,
die
Mehrheit vermutlich, die sich Zeit ihres Lebens jeder parteiischen politischen
AuBerung ferngehalten haben. Sie sind Lyriker, Dramatiker, Essayistpn,
Romanciers, Philosophen. Da sind solche, die noch der Schule des Natura-
lismus verhaftet waren oder sind, andere, deren Namen beruihmt geworden
sind in der Zeit des wegsuchenden Expressinonismus. Es gibt unter ihnen
zeitnahe und zeitferne Denker, aber auch Verfasser erfolgreicher Unter-
haltungsliteratur - sie alle reprasentieren den ganzen dehnbaren Umkreis
des Begriffes Literatur, vom hochsten und genialen, zum Ewigkeitsanspruch
strebenden Bemaihen bis zur Grenze, wo Literatur in Kolportage uberzugehen
pflegt.
Der Querschnitt, der sie hier in alphabetischer Reihenfolge von A bis Z
zusammenfalt, ist trotz einiger beim ersten Versuch der Zusammenfassung
nahezu unvermeidlicher Namensiticken, die bei weitem vollstandigste Auf-
zahlung, die bisher vorgelegt wurde. Wir sagen mit Vorbedacht: Aufzahlung.
Nicht mehr und nicht weniger konnte in diesem Zeitpunkt zundchst unter-
nommen werden. Der Versuch einer Gliederung und Qualifizierung ist nicht
gemacht worden. Er wird unternommen werden mdssen, aber es wird dazu
einer langen, griundlichen und sachverstandigen Vorarbeit bedulrfen. Allein
die Aufgabe, die in den letzten 15 Jahren im Auslande erschienenen, zum
Teil vergriffenen und schwer auffindbaren Ver6ffentlichungen Hunderter
deutscher Schriftsteller zu sammeln, zu klassifizieren, durchzuarbeiten und
das literarische Fazit des Gesamtwerkes jeden Autors zu zichen, ist eine
Arbeit, die langer Sicht und langer Bemuihungen qualifizierter Literatur-
kritiker bedarf. Dabei haben wir noch nicht gesprochen von der noch weit
schwierigeren Aufgabe, der bisher ungedruckten Werke der deutschen
Schriftsteller im Exil habhaft zu werden; und gerade unter diesen in
Manuskriptform liegengebliebenen und zum Teil im Ausland oder im Inland
verschollenen Arbeiten werden sich Meisterwerke finden, die, nicht fur den
Tag und nicht fur ein sogleich empfangliches breites Publikum geschrieben,
sich dereinst als unvergangliche Bestandteile grolher zeitgenossischer Li-
teratur erweisen werden. Es ist daher notwendig zu sagen und fIr den


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