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Berlin (Germany : East). Magistrat. Abteilung für Volksbildung / Verzeichnis der auszusondernden Literatur
([1946])

Die kritischen Gesichtspunkte bei der Aufstellung der Ausschaltungsliste,   pp. 5-6 PDF (934.1 KB)


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ganz reizende, vollig unpolitische Kindergeschichten geschrieben, aber auf
der anderen Seite rich derartig fir die Reaktion exponiert, daB der Name
verschwinden mulfte. Anders lag der Fall bei Fallada. Die Tatisache Ist
unbestreitibar, daB Rudolf Ditzen bei den Amtsstellen der NSDAP verhaBt
war, und das Propagandaministerium mehr al6 einmal den Gedanken erwogen
hat, Fallada ganzlich zu verbieten. Gerettet hat ihn nur der Umstand, daB
er
infolge seiner Beliebtheit im Auslande erhebliche DeviSen brachte. Bei ihm
haben wir uns damit begnfugt, jene Werke auszulsondern, die heute miBver-
standen werden konnten, wie ,,Bauern, Bonzen, Bomben" und den ,,Eisernen
Gustav".
DaB Leute wie Mirko Jelusich und Eckart von Naso ausgeschaltet
werden mufften, verstand sich von selbst. Unter dem Anschein volliger
Objektivitat betrieben sie eine iuberaus lebhafte ,,patriotische" Agitation.
Dasselbe Schicksal hatten die ,,Grenzlandkdmpfer- jeder Schattierung,
deren literarische Wirk-samkeit in erheblichem MaBe die Plattform hatte
vorbereiten helfen, von der aus Hitler das deutsche Volk in seine Kriege
mit hineinreiflen konnte, also Brehm, Pleyer, Zillich, Wittstock und
eine Anzahl Balten. Dabei war zu unterscheiden zwischen den auslands-
deutschen Verfasssern, die mit ihren Schilderungen bewuBt politische Agi-
tation betrieben, und jenen, in deren Darstellung - wie etwa bei Friedrich
von Gagern - das VerhaItnis zwi6chen Wirts- und Gastvolk um der Gerech-
tigkeit willen erwahnt, aber nicht polemisch ausgebeutet wird.
EinigermaBen schwierig war es, Heimatdichtung und ,,Blut und Boden"
auseinanderzuhalten, weil da die Grenzen haufig verwischt erschienen. Wir
sind da ziemlich rigoros verfahren - umn den Greuel des ,,Blubo" moglichst
restlos zu erfassen - und haben die Grenze ungefahr bei Watzlik, Stanietz,
Waggerl, Oberkofler gezogen.
DaB neben den Vertretern der Militar- und Marinepolitik auch die der
Kolonialpolitik zu verschwinden hatten, braucht bei dem besonders imperia-
listischen Charakter dieser Politik nicht naher begrundet zu werden. Das
bedeutet aber nicht, daB wir dem deutschen Volk den Blick in die Weite
sperren wollen. Mannestaten in Urwald oder Steppe zu Schildern und ihre
Bedeutung ffir Wissenschaft und Menschheit aufzuzeigen, ohne in Arroganz
zu verfallen und Forderungen daran zu kniupfen -, dagegen wird nie etwas
einzuwenden 6ein.
Besonders aber lag uns am Herzen, dem SffiBich verlogenen Salonkit-sch
der Stratrz, Adlerisfeld, Hocker, Zobeltitz und Ompteda ein Ende zu bereiten.
Diese Leute schrieben ja gar nicht fur ihresgleichen; es lag ihnen gar nichts
daran, Bilder aus ihrem Kultrukreis zu geben; 6ie schrieben vielmehr ganz
bewuBt fur die ,,aufstiegsbeflissenen" Kleinbiirger und ihre Weiblichkeit,
auf
die die verkitschte Ausmalung des Lebens h6herer Stande die6elbe ver-
heerende Wirkung ausibte wie der Film gleichen Schlages. Die Gotter von
geringerer Bedeutung werden ja erfaBt sein, sobald die Schundverlage
beseitigt Sind. Das Werk ware aber nur halb getan, wenn nicht auch die
,,vornehmen" Vertreter dieses Genres unschadlich gemacht wuirden.
Mit der Au-smerzung der bezeichneten Schrifttums duirfte 6omit ein
Weg freigelegt sein, der unser Volk aus der 6tickigen und vergifteten Luft
eines aufreizenden, verderbenbringenden Chauvinismus un-d Aggressivi6mus
herausfiuhrt und hinlenkt zu den Idealen eines neuen Lebens in Frieden und
Freiheit, in wahrer Demokratie und Humanitdt


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