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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Von der Deutschen Schuld,   pp. 71-78 PDF (1.9 MB)


Page 76

jaht. <<Sie wird uns aufgedeckt durch das scharfe Licht des
Wortes: ,Wer da weil, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem
wird es Siinde.' Gott allein weil3, wie groB die Zahl der Men.
schen ist, die wir in unserer Aengstlichkeit und Herzens.
hartigkeit den deutschen Jagern wieder vor die Flinte zu-
riickjagten. Gott hat uns Schweizern die Rechnung dafuir noch
nicht prasentiert. Aber Gott kann Rechnungen prasentieren.
Weil man dals in der Gemeinde weiB, darum gibt es heute
Christen in der Schweiz, !denen es nicht halb so wohl zumute
ist, wie es im Ausland den Anschein haben konnte.>>
Meistens begann das Gesprach uiber die deutsche Schuld
mit der Frage, die vor allem die deutsche Jugend brennend
interessiert: <<Wie denkt man im Ausland, wie denkt man in
der Schweiz von uns?>>
Auf diese Frage pflegten wir zu antworten: <<Wollt ihr
das wirklich wissen?>> Und wenn dann ein stuirmisches Ja
durch die Reihen ging, dann fragten wir noch einmal: <<Seid
ihr bereit, die ganze Wahrheit zu horen?>> Und weil diese
ganze Wahrheit mit Ungeduld gefordert wurde, pflegten wir
etwa zu sagen:
<<Wir haben Angst gehabt vor euch. Und zwar nicht etwa
nur einen Augenblick, sondern Jahre hindurch. Ihr waret ein
Volk, vor dem man Angst hatte, und zwar nicht nur bei uns
in der Schweiz, und uibrigens nicht erst seit Hitlers Aufstieg.
Wir befanden uns wie in einem Wartezimmer, unld es war
nicht nur das Wartezimmer eines Zahnarztes! - Wir waren
zunachst fast ein Dutzend in die~sem Wartezimmer, und im-
mer und immer wieder hieB es: ,Der nachste, bitte!' Und
wenn dann wieder ein Friihling ins Land ging, und wieder
einige drankamen', dann sahen wir es und wuBten genau,
was einen wartete, wenn man ,drankam'. Zuletzt befandlen
sich noch unser zwei im Wartezimmer, die Schweden und
wir. Und daB wir auch noch ,drankimen', das war uns bei-


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