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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Der Klagegeist,   pp. 67-71 PDF (1.2 MB)


Page 70

Man kann diesem Anklagegeist erliegen, kann sich auf die
Ebene des Anklagens hinuberziehen lassen, und das tut dern
anderen vielleicht zunachst wohl. Aber man mul3 sich dann
klar darfiber sein, dal man erlegen ist und nicht mehr helfen
kann. Man macht dann in billiger geilstlicher Wohltatigkeit,
indem man dem Bruder das echte Erbarmen vorenthalt. Die.
ses Erliegen ist, wie wir nun sofort sehen werden, ein Un.
gluick.
Es gibt namlich auch Deutsche, die diesem Geist der Klage
und der Anklage widerstehen. Man trifft sie da und dort.
Sie sind nicht massenhaft, aber sie sind vorhanden. Sie tra-
gen die Not auch. Sie leiden auch darunter. Sie sehen das
Unrecht, das jetzt geschieht, auch, und sie sind weit davon
entfernt, es etwa zu billigen - aber sie haben sich einen
klaren Blick bewahrt, sie sehen weiter, sie sehen hindurch,
sie sind fahig geblieben, die Zusammenhange zu erkennen.
Es weht um sie herum eine klare Luft. Nicht dal sie selber
etwa keine Stunden der Verzagtheit kennten, da der Jammer
auch bei ihnen zu grof3 werden will. Aber sie kampfen gegen
solche Riickfalle und erkennen sie als <<Traurigkeit dieser
Welt, die den Tod wirkt>>. Wenn man aber einige Zeit mit
diesen anderen Deutschen spricht, es braucht gar nicht so
lange, man merkt es ihnen bald an, dann kann man sehen,
daB es sich meistens um solche Deutsche handelt, die in
vergangenen Jahren schon kiar und unerbittlich durch jenen
EngpaB gegangen sind, durch den EngpaB der persoinlichen
und der nationalen Schulderkenntnis, hindurchgedrungen zur
Freiheit der Kinder Gottes, hindurchgedrungen zur Ver-
gebung. Es ist das .dann nicht nur eine .dogmatisch allgemeine,
es ist dann eine konkrete BuBe unld Umkehr, die sich an
ihnen ereignet hat. Wer so konkret durch den EngpaB des
Schuldigseins hindurchgedrungen ist und nun auf ;dem Boden
der Vergebung steht, der hat nun Grund unter den Ful3en.


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