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Lüthi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Das Gespräch mit den Deutschen,   pp. 59-63 PDF (1.2 MB)


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Groiie oder Kleinheit der Intelligenz spielt dabei keine Rolle.
Man kann bei sehr einfachen Leuten Haltung antreffen und
bei sehr geschulten Menschen Haltlosigkeit. Es ist sogar eine
<(Fuhrerschicht>> und Intelligenz m6glich, die lediglich darin
besteht, daB der Herr Doktor oder der Herr Professor zum
Sprachrohr dessen wird, was in den Untergriinden des Volkes
vor sich geht. Solche Leute sind nicht geeignet zum Dienst
am Steuer, sind sie doch nicht unbeirrbarer KompaBl, son-
dern Fahne im Wind, NuBschale auf den Wogen. Weil die
Gegebenheiten und Michtigkeiten des Lebens weitaus starker
sind als der menschliche Verstand, darum hat es keinen
Zweck, in einer Diskussion rein verstandesmaliig den anderen
iiberzeugen zu wollen. Was hilft ihm das? Machtigkeiten
muif3te man mit Machtigkeiteii begegnen k6nnen. Man miiute
wahrend des Gesprichs bei aller Beteiligung des Verstandes
eigentlich still und anhaltend fur den Gespraichspartner ein-
stehen. Das gilt wohl nicht nur in Deutschland fur die Be-
deutung und den Gebrauch des Verstandes, sondern uber-
haupt.
Was einem ferner im Gesprach mit vielen heutigen
Deutschen auffAllt, das ist die blutige Wundheit. Man hat
hier beinahe ausnahmslos Menschen vor sich, die unver-
narbte und tiefliegende Verwundungen in sich tragen. Oft
kann man gar nicht antworten, sondern kann lediglich fest-
stellen, dal es unanstandig ware, mit einem halbtot am Weg-
rand Liegenden zu diskutieren. Der unter die Rauber Ge-
fallene (in diesem Fall ist der Rauber der eigene Volksge-
nosse gewesen) schreit auf, seufzt und klagt. Da gibt es nicht
viel mehr festzustellen und zu verhandeln, da ist nur noch
Samariterdienst am Platz. Wie froh ist man doch um jedes
Gramm Fett, um jede einzelne Kartoffel, um jedes Korn-
chen GrieB und um jedes Staublein Mehl, um jedes Tropf-
lein Oel, das da hinausgeht und irgendwo den Hunger, wenn
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