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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Drei Kirchen in Deutschland,   pp. 50-59 PDF (2.5 MB)


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Wie ein Marmorblock blendendweil3 im Zwielicht der Dam-
merung? Wie sie naher zusehen, ist's ein abgetrennter Men-
schenkopf. Der Begleiter schreit: 4jeh, das ist ja der Schenk
fIannes !>>
So erzahlen die Leute. Keine Kirche, kein Pfarrhaus
mehr, das evangelische Krankenhaus um einen Drittel nie-
dergerissen. Die Stadt ist zu 85 Prozent zerbombt. Und doch,
wenn sie vorher 30 000 Einwohner beherbergte, so sind jetzt
wieder deren uiber 20 000 zuruickgekehrt, dahin, wo einst ihre
Heimat war. Man sieht zum Teil noch kaum, wo fruher Stra-
Ben durchliefen. Und fragst du den Geistlichen, wo denn nun
seine Leute wohnen, dann sagt er dir, du miiutest einmal des
Nachts durch die Triimmer wandern, dann wuirdest du stau-
iien darfiber, wo uiberall noch Lichter aus der Erde hervor-
leuchteten und also Menschen wohnten. Zum Teil hausen sie,
in unvorstellbarer Weise zusammengepf-ercht, in den weniger
hergenommenen Vorbezirken und in Gartenhauschen.
Es ist Samstagabend. Eine Gruppe junger Menschen, in
aller Bescheidenheit festlich aufgeputzt, bewegt sich stadt-
auswarts. Sie gehen offensichtlich zum Tanz. Sie sind zu sie-
ben, zwei Burschen und fiinf Madchen. An einem zerbombten
Gebaude kann man aus den paar noch vorhandenen Buch-
staben heraus erraten, dalI es einst eine mechanische Werk-
statte war. Der Garten davor ist nicht nur geraumt, sondern
peinlich exakt und schulgerecht wie vom Girtnermeister be-
stellt. Er ist ein richtiger Herrschaftsgarten geblieben und
steht in vollem Maienflor. Und dann kommt man zu einem
seltsamen Ort. Es mul3 einst einer der Hauptplatze der Stadt
gewesen sein. Da hat sich friiher um diese spate Sonnabend-
Nachmittagsstunfde ein arbeitsames V6ilklein getummelt und
hat sich Stelldichein gegeben im GenulS des wohlverdienten
Feierabends. Jetzt gahnen rings herum  die toten Fenster-
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