University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 7 (July 15, 1967)

Kaiser, Rolf-Ulrich
Politisch Lied auf Burg Waldeck,   pp. 22-23


Meggs
...alle Scheiben im Schrank?,   p. 23


Page 23

Dunaiscner Jugend, werden ieaen ge- 
halten, in denen der bösen Welt des 
Kommerzes die schöne, heile, feine Welt 
entgegengestellt ist, die aber doch nur 
Phrase bleibt. Wirft man den Künstlern 
indirekt vor, daß sie auch einmal eine 
Gage fordern, und sieht gar nicht, daß 
Folksong und Chanson bereits so eta- 
bliert sind, daß sie auch zu unserem 
Showbetrieb gehören. Aber ist es 
negativ, insofern man dadurch nicht sein 
Engagement aufgibt? Bislang wenig- 
stens ist das noch nicht geschehen. 
Darum, weil sich diese ABW-Mitglieder 
in der heutigen Welt nicht mehr zurecht- 
finden, passieren Eklats wie der er- 
wähnte, liefert man immer noch unzu- 
reichende Organisation und lädt letzten 
Endes alle praktische Verantwortung auf 
einige wenige ab, die unter solchen Um- 
ständen  darunter zusammenbrechen 
müssen. 
Gerade am Schicksal und der Situation 
der ABW läßt sich ablesen, was pas- 
siert, wenn eine junge Kulturform wie die 
des Songs ihren Durchbruch erlebt hat 
und nun nach neuen Formen des Voll- 
zuges suchen muß. Die Grenze ist offen- 
sichtlich. 
Gewiß, der Gesamteindruck war in 
diesem Jahr gut. Aber das lag an den 
drei ganz Großen, zu denen wohl noch 
Kristin Bauer-Horn, Hein und Oss Kröher 
sowie die Ausländer Jöan und Josö, 
Julos Beaucarne, Colin Wilkie und 
Shirley Hart zu rechnen wären. Gewiß, 
die aufgeschlitzten Autoreifen werden 
vergessen werden. Nerother wurden der 
Vergehen verdächtigt, noch weiter zu- 
rück im Denken als die ABW. Aber 
eines ist bezeichnend. Neue Sänger 
wurden nicht entdeckt, obwohl rings im 
Lande nur so die Folkklubs und die 
Sänger bekannt werden. Hier nämlich 
hat sich das Dilemma bereits gezeigt: 
In der ABW scheint man kaum sein 
neues, eigenes Fach zu kennen. 
Rolf-Ulrich Kaiser 
Fotos: Frank Roland Beeneken 
...alle Scheiben im Schrank? 
W     er die Bestseller-Listen der letzten 
Monate verfolgt, bemerkt mit Er- 
staunen, daß von den Beat-Bands nur 
noch die Rolling Stones unter den Spit- 
zen zu finden sind. Die weiche Welle, die 
sich vor gut einem Jahr in der Folklore 
bereits ankündigte, droht jetzt aber sogar 
die ~rollenden Steine" ins Meer der we- 
niger Erfolgreichen zurückzuziehen. 
Was da zur Zeit im Unterhaltungsmusik- 
Geschäft oben ist, ist recht vielfältig: 
Vom Schmalz-Star Roy Black und der 
ähnlich weichlichen Filmmusik zu ~Dok- 
tor Schiwago" reicht das über russische 
Volkslieder bis zu den Chansonnetten 
Hildegard Knef und Mireille Mathieu. 
Eine moderne Piaf 
Mireille Mathieu, diese zierliche Plaf- 
Nachfolgerin, mit der Frisur, die ganz und 
gar verheimlicht, daß dieses Mädchen 
eine Stirn hat, singt mit einer erstaun- 
lichen Kraft. Auf der Barclay-Single 
M 926 hört man sie mit ihrem jüngsten 
Erfogsschlager ,Un Homme et une 
Femme". Er fasziniert zunächst durch 
seine raffinierte Instrumentation und 
durch rhythmische Verschiebungen, doch 
fürchte ich, daß nach oftmaligem Hören 
'das ständige ,Dabaljabalja" schließlich 
auch dem Friedlichsten auf die Nerven 
geht und er nur noch den entzückenden 
Walzer auf der Rückseite auflegt. 
Beatles skurriler denn je 
Ob es den ~Beatles" mit ihrer neuen 
Langspielplatte ,Sgt. Pepper's Lonely 
Hearts Club Band", die Electrola zu- 
sammen mit <Hör zu" herausgebracht 
hat (SHZE 401), gelingen wird, in die 
Spitzengruppe der Bestseller-Listen vor- 
zudringen, muß noch abgewartet werden. 
Beat-Musik jedenfalls bietet diese LP nur 
noch gelegentlich als Reminiszenz an 
frühere Zeiten. Eher als alle anderen 
haben ja ausgerechnet die Schöpfer des 
harten Beat weichereTöne angeschlagen. 
Und seit sie in Lesters ausgezeichneten 
Filmen zu Spaßvögeln in einer Wunder- 
weit wurden, hat das intelligente Team 
Lennon-McCartney Texte und Komposi- 
tion mehr und mehr diesem Bild ange- 
paßt. Ihre neue LP ist völlig in diesem 
Geiste konzipiert: Da wird eine Band er- 
funden, eben die Sergeant Peppers, das 
Publikum qleich mit dazu, das jubelt 
schreit und lacht; und zwischen Bläsern, 
Streichern, Orgelklängen und kommen- 
den und schwindenden elektronischen 
Effekten treten dann auch einzeln oder zu 
mehreren die Beatles in Erscheinung, 
elegisch-schöne Melodien zu absicht- 
lich banalen und skurrilen Texten oder 
fröhlich eine furchtbar traurige Mär sin- 
gend. Einmal - in <Within You Without 
You" - kommen sie ihrem Publikum so- 
gar indisch - und das durchaus gekonnt, 
wenn auch nicht ernst gemeint. Auch die 
Plattenhülle verrät-den Ulk, ihre Gestal- 
tung parodiert die kultische Ernsthaftig- 
keit, mit der manche Jazz- oder Schlager- 
platten aufgemacht werden. Ob der raffi- 
niert gemachte musikalische Spaß aber 
ein ebenso großes Publikum finden wird 
wie frühere Beatles-Produktionen, wage 
ich zu bezweifeln. Für Beat-Freunde, 
fürchte ich, wird er eine Enttäuschung 
sein. 
Beatles, verjazzt 
Ältere Beatle-Aufnahmen in neuer Ge- 
stalt bringt die Verve-LP iBasle's Beatle 
Bag" (V 6-8659). Wer die Scheibe hört, 
zweifelt keinen Augenblick, daß da 
Count Basie's berühmte Bigband spielt - 
denn genauso klingt sie. Aber daß die 
Themen von den Beatles stammen, kann 
Ran nur erkennen, wenn man genauer 
zuhört. Die Melodien sind wohl alle da: 
,SHelp" oder ,A Hard Day's Night", aber 
umrankt von einem modernen Bigband- 
Satz und immer wieder übergehend in 
Solo-Passagen. Die Arrangements O'Far- 
ils sind dabei oft heißer als die Beatle- 
Originale selbst, aber gelegentlich auch 
lyrischer: In SMichelle"entfaltet O'Farrill 
den umwerfenden Saxophon-Klang, der 
nier in ueutscniana 0e .aeinagen spierze 
und arrangierte und nun einer der gefei- 
erten Trompeter der Herman-Band ist. 
Das absolute Glanzstück der LP steht 
gleich am Anfang: <23 Red". Und die 
10-Minuten-Nummer ~Opus De Funk" 
am Schluß steht ihr kaum nach, vor allem 
der hervorragenden Soli wegen. - Woody 
macht wieder die gleiche hoch erhitzte 
Musik wie einst, und das kann uns in- 
mitten der weichen Welle, die uns um- 
brandet, nur freuen. 
Beat-Dichtung und Jazz 
Unter dem Titel ~Amerika (Europa?), ich 
rede dich an!" hat Joachim Ernst Berendt 
für Elektrola eine Lyrik-und-Jazz-LP 
produziert (SME 74 215). Harald Leipnitz 
spricht darauf Beat-Dichtung von Gins- 
berg, Ferlinghetti, Wllliams, Burroughs 
und Kerouac zur Musik des Joki-Freund- 
Quintetts. Oder richtiger: Joki Freund 
spielt Jazz zu den Beat-Texten; denn die 
Musik ist in Tonfall und Gestaltung, in 
der Themenwahl und in den eingestreu- 
ten musikalischen Zitaten ganz auf das 
gesprocheneWort konzentriert. Das heißt 
aber nicht, daß sie nicht zu beachten 
wäre - im Gegenteil: Da gibt es Free- 
Jazz-artige Momente des Zusammen- 
spiels genauso wie strenge Blues-For- 
men. Und Freunds Tenormelodien und 
Emil Mangelsdorffs Alt- und Flöten- 
passagen haben oft hohen Rang. Vor- 
herrschend aber bleiben die Texte: An- 
klagen gegen eine Gesellschaft, für die 
Wohlleben wichtiger ist als Frieden, ge- 
gen die Mächtigen, gegen ein Leben nach 
Konfektionsschema in bildkräftiger, nicht 
prüder Sprache. Und wahrhaftig: Was 
diese Autoren in Amerika angreifen, das 
kann ebensogut auch in Europa attackiert 
werden. Leipnitz' Vortrag vermeidet die 
übergroße Lautstärke und läßt die Dich- 
tung durch ihr Wort wirken. Die Scheibe 
läßt so beim Hörer durch das gutabge- 
stimmte Zusammenspiel von Wort und 
Musik einen tiefgehenden Eindruck zu- 
rück. - Eine empfehlenswerte Scheibe, 
meint 
Euer Meggs 


Go up to Top of Page