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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 7 (July 15, 1967)

Heyder, Gunther
Berufsausbildung in Deutschland,   pp. 14-15


Page 15

Umschulung am Computer 
jetzt ist hinlänglich klar, daß wir erheb- 
lich mehr Schüler auf Berufsfachschulen 
schicken müssen. Gerade der Bereich, 
der heute als mittlere Berufsebene be- 
zeichnet wird und der etwa die Qualifika- 
tionsmerkmale der Meister, Techniker 
und Assistenten einschließt, wird künf- 
tig zunehmend an Bedeutung gewinnen. 
Hierfür schafft eine fundierte Fachschul- 
ausbildung die besten Startchancen. 
Längere Schulzeit 
Aber auch das allgemeine Facharbeiter- 
niveau gilt es weiter anzuheben. Das 
kann einmal dadurch geschehen, daß die 
Pflichtschulzeit auf zehn und mehr Jahre 
verlängert wird, zum anderen muß aber 
hinzukommen, daß die Lehrbefähigung 
nur solchen Betrieben zuzuerkennen ist, 
die es dem Lehrling ermöglichen, eine 
betriebliche oder überbetriebliche Lehr- 
werkstatt während der Ausbildung zu be- 
suchen oder aber der Lehre einen Fach- 
schulbesuch vorzuschalten. Einige Groß- 
betriebe leisten schon jetzt auf diesem 
Gebiet ausgezeichnete Pionierarbeit. Ihre 
Erfahrungen können für eine zukuhfts- 
orientierte Berufsausbildung nutzbar ge- 
macht werden. Ebenso aber auch die 
durchdachten Entwürfe für eine beruf- 
liche Stufenausbildung, wie sie beson- 
ders von der IG Metall entwickelt wurden, 
und deren erste Bewährung in der be- 
trieblichen Praxis sich schon abzuzeich- 
nen beginnt. Gerade bei dieser Stufen- 
ausbildung ließen sich die beiden ersten 
Stufen, in denen grundlegende Kennt- 
nisse und Fertigkeiten einer breitange- 
legten Berufsausbildung vermittelt wer- 
den, an Fachschulen übertragen, wenn 
den Betrieben hinreichend pädagogisch 
vorgebildete Ausbilder nicht zur Verfü- 
gung stehen. 
Damit wäre für eine Übergangszeit die 
notwendige pädagogisch ausgerichtete 
Grundausbildung zu gewährleisten. Eine 
Grundausbildung, die es dem jungen 
Arbeitnehmer ermöglicht, ohne ernst- 
hafte Schwierigkeiten vielseitigen Ar- 
beitsanforderungen zu genügen. Denn 
künftig wird es für jeden einzelnen 
Arbeitnehmer vor allem darauf ankom- 
men, sich schnell und sicher an neuen 
Arbeitsplätzen einzuarbeiten. Ein beweg- 
licher Geist und der Wille und die Fähig- 
keit, ständig neu dazuzulernen, das ist die 
Qualifikation, die über den beruflichen 
Aufstieg entscheiden wird. 
Auf längere Sicht allerdings dürften diese 
Übergangslösungen nicht ausreichen. 
Es sind statt dessen von den Politikern 
Zielvorstellungen zu entwickeln, die 
nicht nur den beruflichen Anforderungen 
von morgen gerecht werden, sondern 
auch in hohem Maße eine Chancengleich- 
heit für jedermann beim beruflichen Auf- 
stieg einschließen müssen. Es könnte 
sein, daß es sich als zweckmäßig erweist, 
alle Kinder und Jugendlichen bis hin 
zum 18. Lebensjahr gemeinsam in einer 
Gesamtschule zu unterrichten, wobei 
eine Vielzahl von parallel laufenden Un- 
terrichtskursen es jedem einzelnen mög- 
lich macht, sich auf den speziellen Fach- 
gebieten zu vervollkommnen, die der je- 
weiligen Begabung und den besonderen 
Fähigkeiten des einzelnen entsprechen. 
Einige Kernfächer wie Deutsch, Gemein- 
schaftskunde, Geografle u. ä. können von 
allen gemeinsam besucht werden. Bei 
stets offenen Übergängen von einer 
Fachrichtung zur anderen dürften so 
auch erst später erkennbare Begabungen 
einen ihnen gemäßen Bildungsweg fin- 
den. In diesem Schulsystem könnten 
dann auch Grundausbildungskurse für 
Berufsgruppen stattfinden, die durchaus 
Fachschulniveau zu erreichen in der 
Lage wären. 
Die Vorteile einer solchen Gesamtschule, 
die als Ganztagsschule betrieben werden 
müßte, liegen auf der Hand. Milieusper- 
ren, die den Schulerfolg hindern, lassen 
sich hier leicht abbauen, spezielle Be- 
gabungen, die sich erst spät zeigen, 
können ihren Fähigkeiten entsprechend 
gefördert werden, große Schulkomplexe, 
wie sie eine so konzipierte Gesamtschule 
erforderlich machen, lassen es weniger 
aufwendig erscheinen, hier auch Lehr- 
werkstätten und Laboratorien mit mo- 
dernster Ausrüstung mit einzurichten, 
desgleichen Sport-, Schwimm, und Spiel- 
hallen, großzügig eingerichtete Biblio- 
theken, Film- und Fernsehräume, Sprach- 
labors u. ä. 
Ein weiterer Vorteil dieses Schulsystems, 
den wir gerade in Deutschland nicht ge- 
ring schätzen sollten, ist die gemeinsame 
Schulausbildung aller Kinder und Ju- 
gendlichen aus allen Schichten der Be- 
völkerung. Eine demokratische Bewußt- 
seinsbildung könnte von hier ausgehen, 
denn es kommt nun gar nicht mehr auf 
den Beruf, das Ansehen und den Geld- 
beutel der Eltern an, sondern ausschließ- 
lich auf die Begabung, die Fähigkeiten 
und den Fleiß des einzelnen Schülers, 
Hier zeigt sich auch schon ein Hoff- 
nungsschimmer am Horizont. Bereits 
Ostern 1968 soll in Berlin-Neukölln die 
erste Gesamtschule 1500 Schülern die 
Pforte zu einer besseren Ausbildung öff- 
nen. Die Pädagogen in Berlin, Reformen 
gegenüber von jeher besonders aufge- 
schlossen, sind davon überzeugt, daß 
sich der neue Schultyp bewähren wird. 
Berlins Schulsenator Carl-Heinz Evers, 
ein vitaler, äußerst jugendlich wirkender 
Mittvierziger, kommentierte denn auch 
die auf seine Initiative hin entstandene 
Gesamtschule so: ~Es ist ein System; so 
umfassend, daß man von einer Bildung 
nach Maß sprechen kann." 
Staatsform der Gebildeten 
Indes, so verlockend das Bild einer so 
praktizierten Gesamtschule auch immer 
erscheinen mag, ihre Zweckmäßigkeit 
muß dennoch erst durch Schulversuche 
nachgewiesen werden. Am grünen Tisch 
können Bildungsinstitutionen zwar er- 
sonnen werden, aber sie haben sich in 
der Praxis erst zu bewähren, ehe sie als 
allgemeinverbindlich anzuerkennen sind. 
So bleibt der BiUdungsforschung ein wei- 
tes Feld, noch viel unentdecktes Land. 
Es ist aber dringend erforderlich, hier 
Pläne für die Zukunft zu entwerfen und 
zu erproben. Stillstand auf diesen Ge- 
bieten dürfte' sich bitter rächen. Ein 
Land, das sich als Industrienation be- 
haupten will, muß gerade im Bereich der 
Bildung und Ausbildung stets in der 
Spitzengruppe bleiben. In dieser Hin- 
sicht aber läßt die Bundesrepublik viel zu 
wünschen übrig. Gewiß, noch ist es 
nicht zu spät, aber es dürfte höchste 
Zeit sein, den Anschluß nicht zu verpas- 
sen. Dazu brauchen wir, wie es der 
Naturwissenschaftler Professor Robert 
Havemann einmal ausdrückte, eine Ge- 
sellschaft, die es verträgt, daß viele Men- 
schen intelligent sind. Kurzum, eine 
Demokratie. Denn, Ludwig Rosenberg 
sagte es, die Demokratie ist die Staats- 
form der Gebildeten. 
Gunther Heyder 
Fotos: Udo Hoffmann 


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