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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 7 (July 15, 1967)

Angermann, Gerd
Nach Jerusalem,   p. 12 and 13


Page 12 and 13

A m 15. Mai 1948 ließ der letzte britische 
Hochkommissar für Palästina, Gene- 
ralleutnant Sir Alan Cunningham, den 
Union Jack an seinem Amtssitz in 
Jerusalem  niederholen.  Die letzten 
britischen Truppenkontingente zogen 
sich zur Einschiffung nach Haifa zurück. 
Großbritannien gab sein ihm nach dem 
ersten Weltkrieg vom Völkerbund über- 
tragenes Mandat über das Heilige Land 
auf. Am selben 15. Mai wurde, basierend 
auf einem Beschluß der UN-Vollver- 
sammlung, der Staat Medinath Yissrael 
gegründet. Die Staatsgründung erfolgte 
im Museum in Tel Aviv. Zu den ersten 
Regierungen, die Israel offiziell anerkann- 
ten, gehörte damals die Sowjetunion, die 
in den UN nachhaltig für eine Teilung 
Palästinas eingetreten war. Wiederum 
am selben 15. Mai 1948 marschierten 
ägyptische, jordanische, irakische und 
libanesische Truppen in Palästina ein, 
und der Generalsekretär der Arabischen 
Liga verkündete: ,Dieser Krieg wird ein 
Vernichtungskrieg sein, ein gewaltiges 
Massaker, das man in einem Atem mit 
den Mongolenstürmen und den Kreuz- 
zügen nennen wird." 
Durch den Kriegsausbruch wurde die 
Durchführung des UN-Teilungsplanes 
verhindert, der für Israel ein Territorium 
vorgesehen hatte, das ohnehin ein Alp- 
traum war: ein Flickwerk von Blöcken, 
die durch schmale Korridore verbunden 
waren. Jerusalem sollte den Status einer 
internationalen Enklave erhalten. Als die 
Kämpfe ein Jahr später zu Ende gingen, 
hatten  die inzwischen  untereinander 
völlig zerstrittenen arabischen Gegner 
das genaue Gegenteil dessen erreicht, 
was ihr Kriegsziel gewesen war. Der 
junge jüdische Staat war nicht von der 
Landkarte verschwunden. Dafür aber 
hatten die Araber die Chance eines jeder- 
zeit tödlich verwundbaren jüdischen 
Staatsgebildes verspielt. In vier ver- 
schiedenen Waffenstillstandsabkommen 
wurden zwischen Januar und Juli 1949 
die heutigen Grenzen Israels als Demar- 
kationslinien festgelegt. 
Aber weder die Niederlage von 1949 noch 
der katastrophale Ausgang des Sinai- 
feldzuges 7 Jahre später führten bei den 
arabischen Staaten zu einem Umdenken. 
Statt friedlicher Koexistenz, die die wirt- 
schaftlichen Möglichkeiten der meisten 
Nahostländer wahrscheinlich völlig ver- 
ändert und ihnen ganz andere Entwick- 
lungschancen  eröffnet hätte, wurde 
weiterhin das heilige Ziel der Vernich- 
tung Israels gepredigt. Radio Kairo am 
19. Mai 1967: ,Die einzige Methode, die 
wir gegen Israel anwenden werden, ist 
Krieg. Die einzige Methode, die Israel 
versteht, ist totaler Krieg, der die end- 
gültige Zerstörung des zionistischen 
Staates bringen wird." Radio Kairo zwei 
Tage später, am 19. Mai: ,Wir sind heute 
bereit, den grausamsten Krieg zu be- 
ginnen." Der ägyptische Staatspräsident 
Nasser am 29. Mai 1967: ,Wir werden 
dln Zeitpunkt und den Ort der Schlacht 
bA.timmen. Wir werden unseren Geg- 
nern keine Wahl lassen." Und Achmed 
Schukeiry, der von Nasser eingesetzte 
Chef der Palästina-Befreiungsorganisa_ 
tion, am 1. Juni 1967: ,Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß die jordanische Armee 
den Krieg gegen Israel beginnen wird. 
Nach diesem Krieg wird es kaum mehr 
jüdische Überlebende geben." Allen 
Völkermordschwüren zum Trotz hatten 
Nassers Feldherren jedoch nicht die 
Fortune ihres römischen Kollegen Titus, 
der im Jahre 70 n. Chr. den letzten jüdi- 
schen Staat von der Landkarte getilgt 
und seine Bewohner in alle Welt verjagt 
hatte. Dem tödlich bedrohten David ge- 
lang es, mit einer zahlenmäßig weit un- 
terlegenen Armee das biblische Wunder 
nachzuvollziehen. Und während  Jor- 
daniens König Hussein seine Krieger 
noch aufstachelte: ,Tötet, tötet, tötet!" 
und algerische Hilfstruppen mit dem 
Schlachtruf ,Tod oder Sieg!" nach dem 
Sinai in Marsch gesetzt wurden, war der 
Krieg bereits entschieden. Nach sechs- 
tägigem Kampf setzte die vom Sicher- 
heitsrat mehrfach angeordnete Waffen- 
ruhe ein. An allen Fronten im Vorderen 
Orient schwiegen die Geschütze. 
Seither hält Israel eine Reihe respektab- 
ler Faustpfänder in der Hand. Im Süd- 
westen stehen die Israelis am Suezkanal. 
Am Roten Meer kontrollieren sie die 
Straße von Tiran. Ihre Schiffe haben 
wieder freien Zugang zum Hafen Eylath. 
Im Nordosten beherrschen sie die Berge 
östlich des Genezarethsees. Die syri- 
schen Artilleriestellungen sind vernich- 
tet. Kein Sabotagetrupp wird künftig über 
diese Grenze in ihr Land kommen. Im 
Mittelabschnitt ist es gelungen, die ge- 
fährliche Wespentaille auszuweiten und 
das gesamte transjordanische Gebiet bis 
an den Jordanfluß zu besetzen. Das 
meiste davon wird - hoffentlich früher als 
später - bei Verhandlungen über wirk- 
same Grenz- und Friedensgarantien als 
territoriales Tauschobjekt in die Waag- 
schale geworfen werden. Einige strate- 
gisch besonders wichtige Positionen, 
wie den Gazastreifen und den Stütz- 
punkt Sharm ei Sheik, wird man mög- 
licherweise zu behalten trachten. Nie- 
mals und unter keinen Umständen aber 
dürfte Israel bereit sein, die Altstadt von 
Jerusalem wieder herzugeben, weit auf 
ihrem Boden das größte jüdische Heilig- 
tum, die Klagemauer steht. Nach der Er- 
oberung der Altstadt sagte der Bot- 
schafter Israels in der Bundesrepublik, 
Asher Ben-Nathan in einem Interview: 
,Kein israelischer Politiker wird jemals 
die Verantwortung auf sich nehmen kön- 
nen, daß die Klagemauer, die in den Hän- 
den der Israelis war und nun mit schwe- 
ren Menschenopfern wieder zurückge- 
holt worden ist, wieder aus der Hand ge- 
geben wird." 
Als die Nachricht, daß sich die Stadt 
Davids und Salomos nach erbitterten 
Kämpfen, teilweise von Mann zu Mann, 
wieder ganz im Besitz Israels befindet, 
die Neustadt von Jerusalem durcheilte, 
faßten sich die Menschen an den Kopf, 
um sicher zu sein, daß es nicht nur ein 
Traum war. Während noch Schüsse 
durch die Stadt peitschten, stieß Israels 
oberster Militärrabiner Fallschirmjäger- 
general Schlomo Goren an der heiligen 
Mauer in das alttestamentarische Scho- 
farhorn und sprach mit seinen Soldaten 
das Kadish, das jüdische Totengebet, 
,für alle, die gefallen sind für die Heili- 
gung des Namens Gottes bei der Be- 
freiung der heiligen Stadt Jerusalem". 
Unter allen Städten dieser Erde, die als 
verehrungswürdig gelten, gibt es nur 
eine, die drei Weltreligionen heilig ist: 
Jerusalem. Auf ihrem engen Raum ist 
vieles geschehen. Hier stand Salomos 
Tempel, hier wurde Christus gekreuzigt, 
hier erhob sich der Prophet Mohammed 
zum Himmel. Durch ihre engen Straßen 
zog Johannes der Täufer, hier stand 
Davids Thron. Kreuzfahrer haben die 
Stadt belagert und erobert. Und wie 
Alexander der Große, Kaiser Hadrian 
und Suleiman der Prächtige zogen zahl- 
lose andere Persönlichkeiten der Welt- 
geschichte in ihre Mauern ein. Heute 
dehnt sich die älteste bewohnte Stadt der 
Erde, die wie eine hochgetürmte Festung 
in den Bergen Judäas liegt, weit über ihre 
alten Mauern aus. Sie ist aus rosenfar- 
benem Kalkstein gebaut, und die Sonne 
und der Stein verleihen ihr ein ganz be- 
sonderes Licht, in welchem Berge und 
Himmel ineinander überzugehen schei- 
nen. Um keine Stadt ist so viel gekämpft, 
für keine so viel Blut vergossen worden 
durch alle Jahrhunderte. Schon bei ihrer 
ersten Erwähnung in der Bibel ist sie ein 
umkämpfter Ort, der damals noch Jebus 
hieß, von König David erobert und zur 
Hauptstadterhoben wurde. In ihr errichte- 
te Davids Sohn Salomo seinen Tempel. 
Geteilte Stadt 
Er machte Jerusalem zu einem religiösen 
und geistigen Zentrum. Auf Salomo folg- 
ten die Babylonier, auf die Babylonier 
wieder die Juden, dann kamen Griechen, 
dann Juden, schließlich die Römer. Nach 
dem mißlungenen Aufstand des jüdi- 
schen Freiheitshelden Bar Kochba wurde 
Jerusalem zerstört und eine neue Stadt 
angelegt, deren Betreten den Juden bei 
Todesstrafe verboten war. Im 7. Jahr- 
hundert wurden die Römer von den Ara- 
bern vertrieben; 450 Jahre herrschte 
Friede, bis 1099 die Kreuzritter waffen- 
klirrend in die Heilige Stadt eindrangen. 
Sie bauten an den heiligen Stätten, die 
damals schon tief unter dem Trümmer- 
schutt der Jahrhunderte begraben lagen, 
Kirchen und Kapellen. Schließlich wur- 
den sie von den Sarazenen verdrängt, die 
Anfang des 16. Jahrhunderts den otto- 
manischen Türken weichen mußten. Im 
ersten Weltkrieg nahm General Allenby 
die Stadt ein, und Palästina kam unter 
britische Mandatsherrschaft. Nach der 
Niederlage der arabischen Armeen in, 
Krieg 48/49 wurde Jerusalem zum ersten- 
mal in seiner Geschichte geteilt. Die im 
Westen gelegene Neustadt mit dem 
Zionsberg als östlichstem Punkt gehört 
seither zu Israel. Die östlichen Bezirke 
mit der Altstadt fielen an das Haschemi- 
ten-Königreich Jordanien. 
Das israelische Jerusalem ist eine mo- 
derne Stadt, wenn man sich darunter 
auch nicht gerade eine westliche Groß- 
stadt vorzustellen hat. Das jordanische 
Jerusalem hingegen - von den Arabern 
,EI Kuds" (Das Heiligtum) genannt - 
ist von einer mittelalterlichen Stadtmau- 
er umgeben und besitzt die ganze 
orientalische  Romantik einer uralten 
Stadt, an der Mamelucken, Kreuzfahrer 
und Sarazenen mitgebaut haben.Gelb und 
weiß durcheinandergewürfelt kleben ih- 
re Häuser am Hang, der zum Kidrontal 
abfällt. Innerhalb der Mauern drängen 
sich steil und eng Paläste und Wohn- 
häuser, Kirchen mit mächtigen Kuppeln, 
Türme und Minaretts. Durch viele Jahr- 
hunderte hindurch haben die Pilger nach 
den Mühsalen der Fahrt zum Heiligen 
Land ergriffen vor diesem Anblick ge- 
standen. Die sieben Tore in der Stadt- 
mauer  führen  romantische  Namen: 
Blumentor und Neues Tor, Löwentor und 
Dungtor, Damaskus- und Jaffator. Das 
siebte, das Goldene Tor, ließen die Ara- 
ber im Mittelalter zumauern. Es gab bei 
ihnen eine alte Prophezeiung, durch die- 
ses Tor werde an einem Freitag ein christ- 
licher Eroberer in die Stadt einziehen. 
Innerhalb der Mauer befinden sich die 
heiligen Stätten. Der Felsendom, auch 
Omar-Moschee genannt, ist ein Heilig- 
tum der Moslems. Er ist auf dem Felsen 
gebaut, wo Abraham der Legende nach 
bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern 
und wo mehr als 2000 Jahre später der 
Prophet Mohammed auf einem Schimmel 
in den Himmel geritten sein soll. Die 
Kirche zum Heiligen Grab steht auf dem 
Gelände des Calvarienberges, dem Ort 
der Grablegung Christi. Hier befindet 
sich auch die via dolorosa. Die Klage- 
mauer, aufgeschichtet mit Steinquadern 
aus Salomos Tempel, ist seit Jahrhun- 
derten Ziel und Sehnsucht jüdischer 
Pilger. Diese Anhäufung heiliger Stätten 
auf ganz engem Raum erklärt, warum die 
israelischen Soldaten beim Kampf um 
die Altstadt auf den Einsatz schwerer 
Waffen verzichteten und nur mit Hand- 
feuerwaffen gekämpft haben. Lieber woll- 
ten sie höhere Verluste hinnehmen, als 
die Heiligtümer zu gefährden. Die jor- 
danischen Truppen, die den Kampf um 
Jerusalem begonnen hatten, legten sich 
in dieser Hinsicht weniger Zurückhaltung 
auf. Sie beschossen den im israelischen 
Teil gelegenen Zionsberg mit schwerem 
Geschütz und zerstörten dabei die Dor- 
mitionkirche, die an jener Stelle erbaut 
ist, wo christlicher Überlieferung nach 
die Heilige Jungfrau zum Himmel aufge- 
stiegen ist. Die beiden anderen auf dem 
Zionsberg gelegenen heiligen Stätten, 
das Davidsgrab und das Haus mit dem 
Abendmahlsaal, blieben unversehrt. 
Den Verlust der Jerusalemer Altstadt im 
Befreiungskrieg 48/49 haben die Israelis 
nie verschmerzt. Die Frage, wie es da- 
mals trotz heldenhafter Verteidigung 
dem Feind am Ende doch gelingen konn- 
te, den historischen Teil der Stadt einzu- 
nehmen, bewegte sie so stark, daß es 
sogar zu einer offiziellen Untersuchung 
kam, die indessen keinen eigentlichen 
Schuldigen zu Tage förderte. Aber auch 
später hörten die Debatten nie auf, und 
das Thema Altstadt gehörte bis in diese 
Tage zu den am leidenschaftlichsten 
diskutierten Fragen in Israel. 
Anders als in anderen geteilten Städten - 
in Berlin zum Beispiel - kam in Jerusalem 
zur rein politischen die religiöse Be- 
deutung hinzu. Nach dieser Stadt haben 
sich seit der Vertreibung durch die Römer 
fromme Juden in allen Jahrhunderten 
der Diaspora zurückgesehnt. Um Jeru- 
salems willen ist im Haus jedes ortho- 
doxen Juden an einer Stelle die Wand 
unverputzt geblieben. Auf einer jüdi- 
schen Hochzeit zerstampft der Bräuti- 
gam immer noch Glas unter dem rechten 
Fuß, um seiner Trauer über die Zerstö- 
rung des Tempels Ausdruck zu verleihen. 
Der Höhepunkt des wichtigsten Gebetes, 
das vom religiösen Juden dreimal täglich 
gesprochen wird, lautet: ,Und nach 
Jerusalem, Deiner Stadt, sollst Du in 
Barmherzigkeit zurückkehren, wie Du es 
verheißen hast." Und zu jedem ihrer 
Feste gehört der Gruß: ,Nächstes Jahr 
in Jerusalem!" Und wenn sie,,Jerusalem" 
sagen, so meinten sie zu allen Zeiten die 
alte Stadt, auf deren Boden König Salo- 
mo einst den Tempel baute; jenen Tem- 
pel, der, von Nebukadnezar zerstört, 
nach der Rückkehr der Juden aus baby- 
lonischer Gefangenschaft wiederaufge- 
baut, der im Jahre 70 abermals in Schutt 
und Asche gelegt wurde und dessen 
letzte Reste Kaiser Hadrian nach dem 
Bar-Kochba-Aufstand  schleifen  ließ. 
Dieser symbolische Akt sollte das Ende 
der heiligen Stadt Jerusalem für ewige 
Zeiten bezeichnen. 
Im Laufe der Jahrhunderte kehrte aber 
Leben und kamen auch Juden zurück. 
Sie besaßen keinerlei politischen Ehr- 
geiz und waren zufrieden, solange sie 
nur die letzten heiligen Steine der Klage- 
mauer küssen durften. Sie waren die 
Ärmsten der Armen, lebten von Spenden 
der Juden in aller Welt und waren mit 
dem einzigen Wunsch nach Jerusalem 
gekommen, in der Heiligen Stadt zu 
sterben. Erst seit es mit der Verkündung 
von  Israels  Unabhängigkeit möglich 
wurde, die Tore des Landes - in den 
historischen Worten der Staatsprokla- 
mation - ,der Einwanderung von Juden 
aus allen Ländern der Diaspora zu öff- 
nen", kamen sie, um in Jerusalem zu 
leben. Aber auch weniger strenggläubige 
Juden haben ihren Staat immer als un- 
vollendet und ihre Zionssehnsucht stets 
als unerfüllt empfunden, solange der 
heilige Platz des Tempels nicht auf 
israelischem Staatsgebiet lag. Deshalb 
werden die Israelis bei künftigen Frie- 
densverhandlungen sicher über vieles 
mit sich reden lassen - aber über eines 
ganz sicher nicht: über eine Rückgabe 
der Jerusalemer Altstadt an Jordanien. 
Zionssehnsucht 


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