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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 7 (July 15, 1967)

Charis, Petros
Um einen Rosenstrauch,   pp. 6-7


Page 7

der eine auf den anderen stieß und trat. 
Eine breite Fußspur. Und über ihr ein 
schwerer Schatten und eine dunkle Mär, 
die in der Neugier und in der Not der ein- 
fachen Merschen größer wurde. Es war 
der Junggeselle, der hinten im Hof wohn- 
te. Alle wußten, daß er früh, bevor es 
tagte, zum Schlachthof ging und den 
ganzen Tag wegblieb, in das Blut und in 
das Stöhnen der Tiere getaucht, die er 
schlachtete und abzog. Aber hatte ihn 
überhaupt jemand gesehen und gespro- 
chen? War er blond, dunkel? Jung, mitt- 
leren Alters, ein Greis? Er hatte nieman- 
den um etwas gebeten, und niemand 
kannte seine Stimme. Ein Schatten, der 
jede Nacht durch den Hof strich, und ein 
Schreckgespenst, das Tag und Nacht 
blieb, um die kleinen Bewohner des Ho- 
fes in einer gewissen Zucht zu halten. 
Eines Abends hielt er den Schritt an, als 
er an der hellerleuchteten Jalousie vor- 
beiging und zwischen dem Weinen eines 
Kindes die Stimme seiner Mutter hörte: 
~Sei still! Der Schlächter kommt!" Und 
das Kind hörte auf. 
Und eines Nachts merkte er, daß man 
einen Jungen nicht in den Hof hinaus zur 
gemeinsamen Toilette gehen ließ, bevor 
er vorbeigegangen war. <So, lauf jetzt!" 
hörte er sie zu dem Kinde sagen, als er in 
der Tiefe des Hofes angelangt war. 
<Schlag ein Kreuz und lauft" Er wandte 
sich nicht um, das Kind zu sehen, wie es 
sich bekreuzigte, aber er wandte sich 
auch sonst nicht, um niemand anderen 
im Hof zu sehen, nicht am Tage noch in 
der Nacht. Einzelgänger in allem - aber 
mit allen vereint im Durst! Seine Lippen 
waren trocken wie die Lippen aller Men- 
schen im Hof - aber sein Herz schien 
nicht für den Rosenstrauch zu schlagen. 
Die zarte Blume, die nun ihren Ruf im 
ganzen Viertel hatte, führte einen Kampf, 
bei dem alle ihr Beistand leisteten. Nur 
er schien abseits zu stehen. Klein und 
groß würde schwören, daß er von dem 
großen Drama des-Gartens im Hof keine 
Ahnung hatte. Und wie sie ihn von ihren 
Freuden und Lieben fernhielten, konnten 
sie ihn auch nicht an ihrem Kummer teil- 
nehmen lassen. 
Ob er aus einem anderen, einem geseg- 
neten Geschlechte stammte, dieser Ro- 
senstrauch, der noch kämpfte? Ob er 
seine Geheimnisse hatte? Kannte er bes- 
ser als die anderen Blumen die Erde des 
Gartens und hatte vielleicht seine Wur- 
zeln dahin getrieben, wo es richtig war? 
Die Fußstapfen des Schlächters, die im- 
mer schwer und ungerührt auf die ande- 
ren fielen, besagten, daß ihm solche Sor- 
gen fern lagen und daß er gleichgültig 
blieb bei dem heißen Atem der durstigen 
Erde. 
Endlich ging auch an diesem Tage die 
Sonne unter, aber die Nacht mußte weit 
über Mitternacht forschreiten, um sich 
von ihrem Dampfen zu befreien. Wo man 
die Hand hinlegte, waren offene Poren, 
die laue Dämpfe aufsteigen ließen - sei 
es Eisen oder Marmor oder Holz oder die 
Stirn eines müden oder eines wachen 
Menschen. In ihren Bettlaken drehten 
sich die Athener noch hin und her und 
schwitzten schlimmer als bei einer Wan- 
derung in der Sonne. Und in jedem Fen- 
ster stand der Wasserkrug aus Ägina, 
der das knappe Wasser enthielt, mit 
kühlenden Dunsttropfen beschlagen, der 
Gefährte der sommerlichen Nacht. 
Auch unser Hof hatte seine Wasser- 
krüge. Und kein Morgen fand sie gefüllt. 
Jeder von ihnen wurde zu einer bestimm- 
ten, immer derselben Stunde leer, mit 
demselben Geräusch, demselben Atem- 
zug, als hätte der Durst seinen mit stren- 
ger Pünktlichkeit festgelegten Fahrplan, 
jede Nacht den gleichen. Und nach der- 
selben Ordnung füllte und leerte sich der 
Hof mit Schatten und weißen, gespen- 
stigen Erscheinungen. Sie kamen und 
gingen, zur selben Stunde, jede Nacht, 
traten aus denselben Türen, gingen zu 
derselben Stelle, machten dieselben Be- 
wegungen. Der Hof lebte auch in der 
Nacht. Und sein großer Kummer wuchs, 
allein und schlaflos, über die Leiden- 
schaften des Tages, die für einige Stun- 
den Waffenstillstand mit dem Leben 
schlossen und sich zur Ruhe legten, hier 
auf einer harten Matratze und dort auf 
dem Boden in die Frische, die alle such- 
ten, fern von der Stelle, die die Gewohn- 
heit warm hielt und der Atem eines ande- 
ren Körpers unerträglich machte. 
Als erste jede Nacht bekam ein dickes 
Mädchen Durst, das den ganzen Tag 
fremde Aussteuern stickte und sich früh 
zu Bett legte. In ihrem langen Nachthemd 
und mit einem Glas in der Hand trat sie 
in den Hof hinaus und ging geradeaus zu 
ihrem Wasserkrug. Sie fand ihn feucht- 
geschwitzt, noch mehr als ihr eigener 
schwerer Körper es war, trank mit kleinen 
Schlucken und kurzen Atemzügen und 
ließ immer zwei Finger hoch Wasser im 
Glas. Dann machte sie ein paar Schritte, 
näherte sich dem Rosenstrauch, bückte 
sich über seine Wurzel und begoß sie. 
Sie atmete wieder tief und kehrte in ihre 
Kammer zurück, nun mit geringerem 
Durst und weniger Sorge um die Blume, 
die mit dem Tode rang. Sie entspannte 
in ruhigerem Schlaf ihre Hände, die am 
nächsten Tage viel zu arbeiten hatten. 
Es folgte der Großvater des Hofes. Er 
stand zweimal jede Nacht auf, und beide 
Male erhielt der Rosenstrauch seinen An- 
teil. Dann bekam seine Schwiegertoch- 
ter Durst und gleich danach sein Sohn, 
und zur bestimmten Stunde, mit dem ab- 
gemessenen Wasser in ihrem Glas, 
löschten ihren Durst alle dürstenden Lip- 
pen im Hof. Der Rosenstrauch wußte es 
und wartete. Und niemand leerte sein 
Glas bis auf den Grund. 
Jedoch das Wasser wurde noch weniger 
in jenem Sommer in Athen. Und die Not 
wurde größer bis zum Oktober, bis die 
Arbeit wieder anlief. In den Volksviertein 
gab es weniger Lieder in jenen Sommer- 
nächten und mehr Falten auf der Stirn 
der Menschen jeden Morgen. Und die 
trockene Erde war wie Schießpulver, das' 
sehr leicht Feuer fängt. Aber die Men- 
schen des Hofes waren gütiger geworden. 
Der alte Mann, der zweimal aufstand, 
hatte eines Nachts einen Traum gehabt. 
Er sprach zu niemandem darüber. Und 
er wartete auch in der nächsten Nacht. 
Wieder jedoch war es derselbe Traum, 
und noch klarer und noch schöner. Der 
Schlächter mit dem schweren Schatten, 
der mit keinem ein Wort wechselte, trat 
wieder aus seinem kleinen Zimmer, zag- 
haft, machte seine Tritte leicht, ging wei- 
ter wie verschämt, wie unentschlossen, 
näherte sich dem Rosenstrauch, bückte 
sich und goß etwas darauf. Der Alte 
wollte wieder nicht daran glauben, wagte 
aber auch nicht, näher zu kommen. Er 
ließ den Schlächter erst wieder zu seinem 
Schlaflager zurückkehren, wartete ein 
bißchen, ging hinaus, lief zu dem Rosen- 
strauch zündete ein Streichholz an und 
sah. Wasser war es, genug Wasser, 
das die Erde noch nicht getrunken hatte! 
Am Morgen hielt er eine Versammlung 
im Hofe und erzählte das Wunder. Und 
abends wartete er auf den Schlächter in 
der Haustür, grüßte ihn und lud ihn ein, 
mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Der 
Schlächter hat nichts gemerkt, er sah 
nicht die Menschen, die hinter Türen und 
Fenstern lauerten. Wenn ein anderer ihm 
den Vorschlag gemacht hätte, könnte es 
sein, daß er schwerfällig und ohne Ant- 
wort weitergegangen wäre. Aber mehr 
als die Worte des Alten hatte sein weißes 
Haar gesprochen. Und er blieb stehen. 
Der Hof sah es und glaubte es kaum. Und 
er fühlte an jenem Abend den Duft des 
Rosenstrauchs noch stärker, noch mehr 
sein eigen. 
Mit freundlicher Erlaubnis des Walter 
Verlags, Olten und Freiburg i. Breisgau, 
der Anthologie NEU-GRIECHISCHE ER- 
ZÄHLER entnommen. 
übersetzt von Isidora Rosentha-Kama- 
rinea. 


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