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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 7 (July 15, 1967)

Charis, Petros
Um einen Rosenstrauch,   pp. 6-7


Page 6

ganz 
ts war in aer zeii, in aer aas wasser in 
Athen nicht einmal für die Hälfte seiner 
Einwohner reichte. Und die Dürstenden 
suchten nach dem Verantwortlichen. 
Man dürstete also, und auf dem Bürger- 
steig des kleinen Vorstadt-Cafös, das 
nur den Stammgästen ein zweites Glas 
Wasser gewährte, schwitzte man an dem 
lauen Juliabend, den keine Brise zu küh- 
len gedachte - das Stadtviertel erstreckte 
sich unterhalb des Philopappos und ver- 
lebte alle Sommer mit den Brisen des 
Phaliron -, und ratschlagte miteinander. 
<Das Wasser ist knapp", urteilte ein alter 
Kutscher, der zu seinem eigenen Durst 
auch den seiner Pferde fühlte. ~Aber hat 
Athen jemals mehr gehabt? In manchen 
Vierteln kommt das Wasser nicht nur 
mittwochs und samstags, sondern auch 
montags, und in anderen Stadtteilen hat 
es der Wasserwächter nicht so eilig, den 
Schlüssel umzudrehen." 
<Du hast unrecht", korrigierte ihn der 
Tabakhändler der Nachbarschaft. <Die 
großen Herren essen mehr als wir, aber 
sie dürsten genau wie wir. Ich kann dir 
sogar sagen, daß sie mehr Durst haben, 
denn bei dem guten Essen wird das Ver- 
langen nach Wasser noch größer." 
~Du bist im Irrtum, mein Freund", wider- 
setzte sich der Trinker der Tischrunde. 
<Der, der gut ißt, löscht seinen Durst 
nicht'mit klarem Wasser, mein Lieber. Er 
hat alle Sorten Wein und trinkt, trinkt 
ganze Bassins leer. Das klare Wasser 
läßt er für dich, für mich, für den anderen, 
für die leeren Mägen." 
Aber der Kreis hatte auch seinen Tech- 
niker - die Beschäftigung bei der Klemp- 
nerei an der Ecke gab ihm ein Anrecht, 
sich so zu nennen -, und der war ande- 
rer Meinung. <Schlechte Einteilung. Man 
verschwendet eben. Man verschüttet das 
Wasser in Stadtvierteln, die weniger 
brauchen, in Kasernen, in Gärten. Sonst 
würde es ausreichen und niemand 
brauchte zu dürsten." Und er begann mit 
seinen Berechnungen, maß das Wasser 
des Reservoirs, zählte Kubikmeter und 
Verteilungsverluste auf, erteilte gerade- 
zu Unterricht in angewandter Wasser- 
leitungskunde, aber auch ihm blieb zu- 
letzt der Mund trocken, da das zweite 
Glas schon lange geleert war. 
In der Tiefe der Straße, an der Ecke, war 
die Wasserleitung. Eine niedrige Stein- 
säule und ein Eisenrohr, das die Zeit und 
die Benutzung aus seiner Form gebracht 
hatten - ein so kleiner Mund, den man nur 
zu sehen brauchte, um den Durst des 
Stadtviertels zu begreifen. Und rings- 
herum unzähligeWasserkrüge und Blech- 
kanister, zwei, drei Stunden bevor es dun- 
kel wurde, hingestellt, damit sie sich ihren 
Platz in der Schlange sicherten und an 
das Wasser herankamen, wenn es dann 
langsam und gemessen aus dem kleinen 
Munde fließen würde. Sie glichen den 
Kolonnen des Schlachtplanes für einen 
Nahkampf, diese Blechkanister, wie sie 
sich zusammendrängten, sich bemüh- 
ten, näher an die Wasserleitung zu kom- 
men, und sie kämpften, um ihre Position 
zu halten. Und dieser Plan wurde aus 
Türen und Fenstern von Männern, Frau- 
en und Kindern bewacht, die alle acht- 
gaben, daß er in nichts geändert wurde, 
eine ganze Menschenmenge, die dürste- 
te und ihre Wasserkrüge füllen wollte, 
um ihre Kehle erfrischen zu können in 
den warmen Sommertagen und vor allem 
in den Nächten, die nicht enden wollten, 
wenn sich zu der Hitze der Durst gesellte. 
Wie ein eiserner Ring umschnürte den 
entlegenen Stadtteil die Arbeitslosig- 
keit, die im Sommer zunimmt und allein 
und ohne Abhilfe in der Stadt bleibt, 
während alle, die es können, auf die Ber- 
ge und an den Meeresstrand fahren. Aber 
auch der Durst umschnürte ihn wie ein 
zweiter Eisenring. Und dieser Ring war 
tyrannischer und stärker sichtbar da, wo 
viele Menschen dürsteten, und neben 
ihnen noch ein Kanarienvogel in seinem 
Käfig, eine Katze in ihrem warmen Pelz, 
eine Wurzel in der trockenen Erde nach 
frischem Wasser lechzten. Für Familien 
mit mehreren Kindern war jener Sommer 
schwer, bleiern und erstickend. 
Aber in den drei, vier größeren, langge- 
streckten, einstöckigen Hofhäusern, in 
denen vier bis fünf Familien unter niedri- 
gen Dächern lebten, sprang immer wie- 
der da und dort ein Funken auf und-such- 
te in einen Gedanken hineinzuhuschen, 
in einen Blick, in ein Wort, und Zündstoff 
zu werden, Zorn auf den Lippen der Men- 
schen aus dem Volk und Feuer in ihren 
Gesichtern. Anlässe zu Mißverständnis- 
sen ergaben sich jeden Augenblick, die 
alten Zwistigkeiten begannen von neuem 
und warfen Schatten auf die Gesichter, 
die Grüße und die Späße wurden weni- 
ger, die Menschen wachten jeden Morgen 
verändert auf, fast unbekannt miteinan- 
der. Die trockene Erde wurde zum Schieß- 
pulver; es genügte, daß eine harte Schuh- 
sohle oder ein Holzschuh es etwas fester 
rieb, damit es Feuer fing. 
Aber man lebte auch schlechter in einem 
oder zwei anderen Häusern, und die 
könntest du gleich finden, ohne zu fra- 
gen und ohne dich zu erkundigen. Nur zu 
horchen brauchtest du. Wo die Zungen 
nicht wie Räder gingen, dort war die 
größte Not. Und das Schweigen hatte 
sich seit Tagen dort ausgebreitet, dicht 
und unerschütterlich, in dem Hof mit dem 
hohen Pfefferbaum, der seine Zweige 
über die Hofmauer und auf die Straße her- 
unter hängte, als wolle er zuerst die Neu- 
igkeiten von draußen empfangen und auf 
das Gute und das Schlimme vorbereiten. 
Die Arbeitsmöglichkeiten hatten sich 
verringert wie jedes Jahr, wenn der Juni 
kam. Aber dort blieben gleich nach dem 
1. Mai die Männer ohne Tagelohn. Und 
die Sorgen begannen auf der harten Erde 
des Hofes, schwere Fußstapfen abzu- 
zeichnen, alle von Männertritten, die dem- 
selben Richtpfeil folgten und zur Haustür 
führten, auf die Straße hinaus, auf die 
Suche, in das Unbekannte, zur Erniedri- 
gung, manchmal sogar bis zum Almosen. 
Die Männer gingen. Und die Frauen blie- 
ben zurück mit ihrem Kummer.Aberauch 
der Kummer um eine andere Not bedrück- 
te sie. Diese Not hatte sich ans Ende des 
Hofes zurückgezogen und wartete hilflos 
und geduldig, hoffte auf die Güte der 
Menschen, aber viel mehr noch auf das 
Erbarmen des Himmels, hatte ihre Augen 
auf ihn gerichtet und bat ihn Tag und 
Nacht, sich ihrer zu erbarmen, ihr zu hel- 
fen, auch diesen schweren Sommer zu 
überstehen. 
Es war der kleine Garten des Hofes, der 
jedes Jahr in den Sommermonaten um 
sein Leben kämpfte, aber in diesem Som- 
mer mit dem knappen Wasser und bei 
der großen Verzweiflung der Menschen 
seine Wurzeln betrachtete wie die letz- 
ten Bewohner eines Ortes oder die letz- 
ten eines Geschlechtes, das mit ihnen 
aussterben wird. Die Freunde und die Be- 
schützer fehlten ihm nicht. Aber die Krü- 
ge und die Blechkanister kehrten nicht 
alle voll von der Wasserstelle zurück, und 
die Hoffnungen blieben abgezählt wie 
Tropfen, nur so viele, wie die dürstenden 
Lippen, der Küchenverbrauch und die 
Hausarbeiten übriglassen würden. Und 
überall dem die Juni- und dann die Juli- 
sonne, fähig, einen ganzen See aufzu- 
saugen, ihn trockenzulegen und wieder 
ihre Bohrer auszusenden, ob sie vielleicht 
im Boden noch Wasser fände. 
Es war ein bitterer Kummer im Hof, dieser 
kleine Garten, ein großer und unheilbarer 
Kummer, derdasSchweigen noch schwe- 
rer machte. Zwei Welten lebten dort drin- 
nen nebeneinander, Tag und Nacht. Die 
eine hatte begonnen, zu hungern und zu 
dürsten, so wie auch ganz Athen; die an- 
dere dürstete nur. Und die Qual ist grö- 
ßer, wenn der Durst alles andere beiseite 
schiebt und die Alleinherrschaft be- 
kommt. Sie dürstete also und senkte die 
Stimme, flüsterte und war am Vergehen. 
Zuerst verloren die Basilikumsträucher 
ihre Farbe, wurden hellgrün wie verschos- 
sen, wie verstaubt. Dann verloren sie 
ihre Blätter. Ihre Nerven erschlafften, fie- 
len wie müde Arme herunter. Und es folg- 
ten ihnen die Sammetblumen, das Geiß- 
blatt, die Geranien. Das Gärtchen war 
nicht ganz trockengeblieben. Aber wel- 
che Wurzel sollte zuerst trinken, welche 
sollte sich halten mit ihren Säften und 
ihrer Kraft? Bald wurden die besonderen 
Neigungen des Hofes sichtbar. Jede 
Blume, die welkte, ging mit einem heim- 
lichen Schmerz aus dieser Welt, mit ei- 
nem stillen Neid. Sie hatte klar gesehen, 
daß man sie weniger liebte als ihre Nach- 
barin, der man mehr Wasser gab und die 
noch etwas länger leben durfte, etwas 
länger. 
Diese Sterbefälle wurden häufiger in der 
Woche, in der das Wasser nur noch ein- 
mal kam. In drei Tagen welkten auch die 
Knospen und die aufgegangenen Blüten 
und die Blätter. Und es rangen in dem 
kleinen Garten nur noch zwei Wurzeln: 
eine Geranie und ein Rosenstrauch. 
Die Geranie forderte die Sonne heraus 
mit ihren feurigen Blüten. Der Rosen- 
strauch aber hielt seine Knospen ge- 
schlossen, ängstlich, mißtrauisch, ge- 


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