University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Die Gegenwärtigkeit Georg Büchners,   pp. 18-19


Page 18

aufgebracht, sondern es wird die Mani- 
festation eines Urgesetzes, eines Geset- 
zes der Schönheit, das nach den einfach- 
sten Rissen und Linien, die höchsten und 
reinsten Formen hervorbringt. Alles, 
Form und Stoff, ist für sie an dies Gesetz 
gebunden." In dieser Äußerung, die als 
Motto über Büchners Werk stehen könn- 
te, ist er als Naturwissenschaftler und 
als Dichter gegenwärtig. Nehme ich eine 
weitere, nur mündlich überlieferte Äuße- 
rung sozialer Natur hinzu: ~Es ist keine 
Kunst, ein ehrlicher Mann zu sein, wenn 
man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch 
zu essen hat", und noch eine von dieser 
grimmen Art des sozialen Realismus aus 
dem Munde Woyzecks, des ersten und 
fast schon wieder letzten Arbeiters im 
deutschen Drama: ~ich glaube, wenn wir 
in Himmel kommen, so müssen wir don- 
nern helfen" - da habe ich in einer Per- 
son, aus einem Mund zwei Dichter, beide 
Deutsche, die ein Jahrhundert später ein- 
ander auszuschließen schienen: Benn 
und Brecht, beide In Büchner, der immer 
noch da ist, gegenwärtig. 
Heinrich Böll, der am 21. Dezember 50 Jahre alt wird, war immer ein
treuer Freund und Mitarbeiter unserer Zeitung. 
Wir wünschen ihm für seine weitere Arbeit die so notwendige Gesundheit.
           Foto: KuBa 
E s fällt nicht schwer, Büchners politi- 
sche und ästhetische Gegenwärtigkeit 
zu sehen. Den Kerkertod des Studenten 
und Büchner-Freunds Minnigerode mit 
jenen zwei, auf offener Straße durch amt- 
liche Personen begangenen Morden in 
Beziehung zu bringen: der Erschießung 
des Berliner Studenten Ohnesorg und 
des Bundeswehrsoldaten Corsten, bei- 
des ungeheuerliche Fälle öffentlichen 
Mordes durch die Staatsgewalt. Oder: 
den Hessischen Landboten ins Persi- 
sche übersetzen, vielleicht gar deutsch 
als Flugschrift neu mit Kommentar zu 
verbreiten, nicht in einer Dünndruck- 
Klassikerausgabe verpackt, wo ihm die 
Aura germanistisch-akademischer Be- 
handlung den politischen Stachel nimmt. 
Die Anspielungen auf den Adel und die 
Höfe brauchten in dieser Neuausgabe 
nicht einmal verwandelt, sie müßten nur 
interpretiert werden. Die Große Koalition 
ist selbstherrlich genug. Sie hat nichts 
mehr zu fürchten, nicht einmal mehr das 
kleine Wählerkreuzchen, mit dem wir, 
wenn wir keine andere Wahl mehr haben, 
nur noch unseren politischen Analpha- 
betismus ausdrücken dürfen. Für den, 
der Augen hat zu sehen, gibt es da genug 
grinsendes Einverständnis und zurecht- 
gegrinste Selbstherrlichkeit, den neuen 
Feudalismus des kleinen Mannes, der 
sich in den großen bürokratischen Appa- 
raten zweier machtgewohnter, fast all- 
märhtiger großer Parteien sicherer fühlt, 
als irgendeine Schranze sich an irgend- 
einem Hof fühlen konnte. Und für die- 
jenigen, deren Gewissen der Partei ge- 
opfert wird, ein kräftiges Zitat aus Büch- 
ners Dantons Tod: <Das Gewissen ist 
ein Spiegel, vor dem sich ein Affe quält; 
jeder putzt sich wie er kann, und geht auf 
seine eigene Art auf seinen Spaß dabei 
aus. Das ist der Mühe wert, sich darüber 
in den Haaren zu liegen." Es dürfte auch 
in einer solchen Flugschrift die Beschrei- 
bung einer Beerdigung nicht fehlen: jener 
lähmenden Veranstaltung, die vor einem 
halben Jahr eine vergangene Ära been- 
dete und Ausdruck für eine neue Ära 
wurde; fast eine Woche lang hielt sie die 
Fernsehschirme besetzt; der Aufmarsch 
in- und ausländischer, europäischer und 
überseeischer Gesetzgeber und Regie- 
rungschefs; zwischen Ritterkreuzträgern 
und Kardinälen Pulk um Pulk mode- 
gerecht gekleideter Gesetzgeber. Das 


Go up to Top of Page