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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Wegner, Willi
Eisenbahnzubehör und Mandelkeks,   p. 17


Page 17

lonat und auch schon etwas 
an", sagte Frau Sebald, ~das 
hat mit Eisenbahnen zu tun - oder?" 
<Ja, natürlich!" 
~Du kaufst dir also deine Weihnachts- 
geschenke selbst?" 
<Nein", erklärte Erni, ~es ist mein Ge- 
schenk für meinen Vater. Er ist nämlich 
Modelleisenbahner, müssen Sie wissen. 
's war ein scnunes, gemuiucn ein- 
gerichtetes Zimmer, aber zuerst sah er 
den geschmückten Weihnachtsbaum. 
Verwundert blieb er stehen. ~Heilig- 
abend ist doch erst übermorgen", sagte 
er. 
<Na ja", lächelte Frau Sebald, <die Ker- 
zen zünde ich ja heute auch noch nicht 
an. Aber als es vorhin zu schneien an- 
fing, da dachte ich, putz ihn nur schon. 
Sieh, ich bin eine alleinstehende alte 
Frau - was spielt das da für eine Rolle? 
Außerdem hab' ich eine Überraschung 
für dich. Du bringst mir meine Lese- 
mappe immer so pünktlich, daß ich die 
Uhr danach stellen könnte. Das muß doch 
belohnt werden. Komm, setz dich an den 
Tisch ... 
Erni setzte sich. 
<Das Geld, das dort liegt, ist für die 
Mappe", sagte die alte Dame und setzte 
sich ebenfalls. 
<Es ist eine Mark zuviel", sagte Erni. 
<Die Mark ist für dich, weil du so zuver- 
lässig bist. Und das da", sagte Frau 
Sebald freudig erregt, ~ist auch für dich. 
Ein paar Kekse, selbstgebacken. Und 
das Buch. Es ist ein ganz altes Buch, 
aber noch recht gut erhalten. Früher hat 
einmal unser Junge darin gelesen, als er 
so alt war wie du. Freust du dich?" 
<Ja, sehrl" sagte Erni. Es war Mandel- 
keks, selbstgebackener, neun oder zehn 
Plätzchen. Und das Buch war von Mark 
Twain. ~Prinz und Bettelknabe". Mark 
Twains <Abenteuer des Tom Sawyer, 
kannte er. <Huckleberry Finn" kannte er 
auch. Von diesem hier hatte er noch nie 
etwas gehört. <Recht schönen Dank", 
sagte er und nahm ein Stück Mandel- 
keks. 
~iß nur', sagte die alte Dame. <Hoffent- 
lich schmeckt er dir." 
<Ja, gut", erwiderte Erni kauend. 
<Schmeckt sehr gut." 
<Früher", sagte Frau Sebald, <als mein 
Mann und unser Junge noch lebten und 
es uns zeitweise schlechtging, da hat 
Klaus auch Zeitschriften ausgetragen. 
Er hieß Klaus, unser Junge. Er war da- 
mals ungefähr in deinem Alter. Geht es 
deinen Eltern sehr schlecht?" 
~Ich glaube nicht', sagte Erni. <Mein 
Vater arbeitet in der Industrie. Zu Weih- 
nachten komme ich nie so recht mit dem 
Taschengeld aus; deswegen mache ich 
das jetzt auch schon ein Vierteljahr mit 
den Lesemappen. Darf ich noch ein 
Stück Keks?" 
<Aber natürlich!" sagte Frau Sebald. 
<Er gehört doch dir!" Erni nahm noch ein 
Plätzchen Mandelkeks. <Schmeckt wirk- 
lich gut", sagte er. Er sah In die Augen 
der alten, weißhaarigen Frau, die ihn so 
strahlend und gutmütig anblickten, daß 
ihm richtig warm ums Herz wurde. Es 
war ein ganz eigentümliches Gefühl, das 
er bisher noch niemals kennengelernt 
hatte. 
<Du hast doch nicht etwa Kummer?" 
fragte die alte Dame. 
<Nein", sagte Erni, <nun nicht mehr. 
Jetzt reicht's ja, das Geld." 
~Wofür?" 
norr. ,icn Degreie Gas ncmt alles", sagte 
sie. <Aber Ich glaube, ich habe dich so 
verstanden, daß du deinem Vater zu 
Weihnachten   Eisenbahnzubehörteile 
schenkst Eine Diesel-Mehrzweck-Lok..." 
~Und einen Muldenkippwagen 1" ergänzte 
Erni. ~Den hat er sich schon lange ge- 
wünscht. Von meiner Mutter bekommt er 
ein Brückenstellwerk und einen vier- 
achsigen gedeckten Großgüterwagen. 
Darf ich vielleicht noch ein Stück Keks?" 
~Aber jal" lachte Frau Sebald. <Nimm 
nurl" Eine Weile hing sie ihren Gedan- 
ken nach, dann sagte sie: <Unser Junge, 
der Klaus, hat auch einmal eine Eisen- 
bahn gehabt. Aber nur eine ganz ein- 
fache. Für die Lokomotive gab's einen 
Schlüssel, und wenn sie laufen sollte, 
dann mußte man sie erst einmal auf- 
ziehen." Sie schüttelte den Kopf. <So 
ändern sich die Zeiten. Mit solch einer 
modernen Eisenbahn hätte unser Klaus 
sicher auch gern einmal gespielt. Was 
meinst du, wie er dich beneiden würdel" 
<Mich?" wunderte sich Erni. <ich darf 
da doch überhaupt nicht 'rant Manch- 
mal, wenn mein alter Herr ganz beson- 
ders guter Laune ist, dann erlaubt er 
mir, mich an die Tür seines Arbeits- 
zimmers zu stellen. Dann darf ich von 
weitem zusehen, wie er die einzelnen 
Züge fahren läßt. Mehr ist da für mich 
nicht drin, wissen Sie.." 
~Nun habe ich also gehört", sagte Frau 
Sebald kopfschüttelnd, <was sich dein 
Vater von deiner Mutter und dir zu Weih- 
nachten wünscht. Würdest du mir auch 
erzählen, was du dir selber wünschst?" 
<Klar!" sagte Erni. <Zuerst einmal be- 
komme ich natürlich so allerlei Sachen 
zum Anziehen. Aber an allererster Stelle 
auf meinem Wunschzettei stehen Fach- 
bücher. SDie Elektrifizierung der europä- 
ischen Eisenbahnen', SDie elektrische 
Mehrstromlokomotive' und noch einige 
andere. Nächstes Jahr komme ich näm- 
lich In die Lehre." 
<Und was willst du einmal werden?" 
erkundigte sich die alte Dame. 
<Lokomotivführer!' erwiderte Erni. <Aber 
ein richtiger. Auf echten, großen Loks - 
verstehen Sie?" 
<Natürlich verstehe ich das", erwiderte 
Frau Sebald. 
Und wenig später, an der Tür, sagte sie: 
<Wenn dann aber eines Tages dein 
Vater einmal einen Zug, den du fährst, 
benutzen möchte, dann sei nicht nach- 
tragend, hörst du? Laß ihn ruhig mit- 
fahren..." 
<Das ist doch selbstverständlich !" lachte 
Ernl. <Und schönen Dank auch - und ein 
frohes Weihnachtsfest!" 
<Dir auch", sagte die alte Dame. <Dir 
und deinen Eitern." 
Auf dem Treppenabsatz blieb der Junge 
noch einmal stehen. <Der Keks, dieser 
Mandelkeks ... 
~Ja?" 
<Der war ganz prima!" sagte Erni. 
Illustration: Hannellese Martin 


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