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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Schneider, Dieter
Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,   pp. 16-17


Page 17

Foto: Mc - Bavaria 
men, daß wohl keine derselben imstande 
sein wird, selbständig eine Generalver- 
sammlung abhalten zu können..." 
York ging es aber nicht nur darum, die 
Gewerkschaften in einer Union zusam- 
menzufügen, weil er erkannt hatte, daß 
nur.ein von der Gesamtheit aller Gewerk- 
schaften getragener einheitlicher Wille 
die schweren Aufgaben bewältigen wür- 
de. Er setzte sich vielmehr auch für eine 
reinliche Scheidung der Gewerkschaften 
von der Partei ein. Beide, so meinte er, 
müßten gleichberechtigt sein. Gedeihen 
könne die Gewerkschaftsbewegung nur, 
wenn sie nicht mehr, wie etwa bei den 
Lassalleanern, der Schwanz der Partei 
sei. Nicht zuletzt sollte die Union auch 
die Unabhängigkeit von der Partei sym- 
bolisieren, in deren Schatten die Gewerk- 
schaften ihre ersten Schritte getan hat- 
ten. 
Streik als Waffe 
Zahlreiche Streiks brachten damals emp- 
findliche Niederlagen. York schwebte vor 
allem eine zentrale Unterstützung von 
Arbeitskämpfen vor. Freilich sollten die 
Umstände vorher geprüft werden. Das 
wiederum war bitter nötig, weil manche 
Auseinandersetzung vom Zaune gebro- 
chen wurde, deren Mißerfolg bei nüch- 
terner Betrachtung von vornherein fest- 
stand. York war klug genug zu erkennen, 
daß auch die Waffe des Streiks sehr 
schnell stumpf werden kann. Auf dem 
Kongreß der Sozialdemokratischen Ar- 
beiterpartei 1870 in Stuttgart warnte er 
deshalb nachdrücklich davor, die vor- 
dringlichste AufgabederGewerkschaften 
in Streiks zu sehen, bei denen unter den 
obwaltenden Umständen die meiste Kraft 
erfolglos vergeudet werde. 
Er dachte an einen Austausch der Er- 
fahrungen, die die einzelnen Gewerk- 
schaften gesammelt hatten. Statistische 
Erhebungen sollten zentral ausgewertet 
werden. Weiter plante er eine gemein- 
same Agitation für den Beitritt der Arbei- 
ter zu den Internationalen Gewerks- 
genossenschaften, wie die Gewerk- 
schaften der Eisenacher genannt wurden. 
Im Unterstützungswesen sollten alle Ver- 
bände Hand in Hand arbeiten. Sofern an 
irgendeinem Ort keine Zahistelte der 
einen Organisation bestand, sollte die 
andere dort vertretene einspringen. Das 
somit wesentlich dichtere Netz von Zahl- 
stellen hätte den wandernden Mitgliedern 
große Erleichterung gebracht. Der Be- 
stand der föderativ angelegten Union 
sollte in einem leitenden Ausschuß, in 
alljährlichen Kongressen und einer Zei- 
tung Ausdruck finden. 
Es fehlt der Platz, der Konzeption Yorks 
im einzelnen nachzugehen, einer Kon- 
zeption übrigens, die zum Teil nicht ein- 
mal heute verwirklicht ist. Zahlreiche, aus 
seiner Feder stammende, im ,Volks- 
staat" zwischen 1870 und 1874 veröffent- 
lichte Artikel unterstreichen seine Weit- 
sicht. Hier wirkte ein Arbeiterführer, der 
seine hervorragenden Anlagen der Un- 
gunst der Zeit wegen niemals voll ent- 
falten konnte. 
Schwierigkeiten 
Auf dem zum 15. Juni 1872 nach Erfurt 
einberufenen Gewerkschaftskongreß der 
Eisenacher setzte York seine Auffassung 
durch, daß die Gewerkschaften strikt von 
der Partei zu trennen seien. Die von ihm 
projektierte Union wurde beschlossen. 
Mit der folgenden, von York formulierten 
und von den Delegierten einstimmig 
gebilligten, hier auszugsweise zitierten 
Entschließung hat sich dann die Erfurter 
Konferenz ein bleibendes Denkmal ge- 
setzt: 
~In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle 
Arbeiter, gleichviel ob sie konservativ, 
fortschrittlich, liberal oder Sozialdemo- 
kraten sind, gleich sehr bedrückt und 
ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die 
heilige Pflicht der Arbeiter, allen Partei- 
hader beiseite zu setzen, um auf dem 
neutralen Boden einer einheitlichen Ge- 
werkschaftsorganisation die Vorbedin- 
gung eines erfolgreichen kräftigen Wi- 
derstandes zu schaffen, die bedrohte 
Existenz sicherzustellen und eine Ver- 
besserung ihrer Klassenlage zu erkämp- 
fen. Insbesondere aber haben die ver- 
schiedenen Fraktionen der Sozialdemo- 
kratischen Arbeiterpartei die Gewerk- 
schaftsbewegung nach Kräften zu för- 
dern ..." 
Die erste Gewerkschaftsunion wurde 
allerdings nicht voll wirksam. Auf einer 
Konferenz der Unionsieltung am 11. Sep- 
tember 1872 in Mainz kam der Vorschlag, 
den Sitz der Union wegen der Schwierig- 
keiten unter dem sächsischen Vereins- 
gesetz von Erfurt nach Berlin zu verlegen. 
Als man sich darauf nicht einigen konnte, 
erhielt York den Auftrag, in Hamburg ein 
provisorisches Organisationskomitee zu 
bilden. Da sich die Hindernisse häuften, 
war es nur eine Frage der Zeit, wann die 
Union ihr zartes Leben aushauchen 
würde. Unbedingt verlassen konnte sich 
York damals nur auf seine Holzarbeiter. 
Fast alle bestehenden Gewerkschaften 
hatten mit ungeheuren Schwierigkeiten 
zu kämpfen. 1873 war der erste Versuch 
gescheitert, verschiedene Verbände zu 
einheitlichem Handeln zusammenzufü- 
gen. 
York ließ nicht locker. Mit seinem zweiten 
energischen Vorstoß auf dem Gewerk- 
schaftskongreß Pfingsten 1874 in Magde- 
burg (,,Jetzt wird es sich zeigen, wem es 
mit der Einigung ernst Ist und wer die 
Einigung nur zum Schein will") gewann 
er die Verbände der Holzarbeiter, der 
Metallarbeiter sowie die Maurer- und 
Zimmerergewerkschaften. Vor dem Kon- 
greß hatten bereits die Holz- und Metall- 
arbeiter eine engere Zusammenarbeit 
vereinbart. Aber auch der Magdeburger 
Zusammenschluß, dessen Zeitung mit 
der ,Union" das Organ der Holzarbeiter 
wurde, stand auf viel zu schwachen Fü- 
ßen. Er lebte weitgehend von Yorks Ener- 
gie. Nach dessen Tod brachen Streitig- 
keiten aus. Zusammen mit den damals 
wieder zunehmenden Verfolgungen, de- 
nen neben der Partei auch die Gewerk- 
schaften ausgesetzt waren, führten sie 
zum Zusammenbruch der Union. 1878, 
bei Erlaß des Sozialistengesetzes, hatten 
sich erst fünfzigtausend deutsche Arbei- 
ter gewerkschaftlich organisiert. Zwölf 
Jahre mußten ins Land gehen, bis nach 
und nach der große Aufschwung ein- 
setzte. 
Yorks Begräbnis zeigte noch einmal die 
Beliebtheit des hochbegabten Arbeiter- 
führers. Fünftausend Arbeiter - Lassal- 
leaner und Eisenacher - folgten seinem 
Sarge. Es war die erste große Demon- 
stration, zu der sich die gespaltene Arbei- 
terbewegung zusammenfand. 


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